Blumenberg

Ein Philosoph sitzt am Schreibtisch seiner Denkwerkstatt und arbeitet. Er blickt auf, bemerkt etwas Grosses, Gelbes, Felliges, das atmet und eben noch nicht da war; es ist ein Löwe, der vor ihm auf dem Teppich liegt. Obgleich Philosophen ihren Augen zu misstrauen gelernt haben, ist das Dasein dieses Löwen so augenfällig, dass aufkeimende Zweifel keine Wurzeln schlagen. Und da Philosophen von Berufs wegen eher besonnene Menschen sind, verliert dieser Philosoph auch angesichts des mächtigen, wiewohl anscheinend nicht mehr ganz jungen Tieres die Fassung nicht. (…) Sibylle Lewitscharoff, die nicht dafür bekannt ist, sich dem Diktat des literarischen „Realismus“ zu unterwerfen, lässt den Leser ihres neuen Romans an solch wundersamem, fabelhaftem Beziehungsleben teilhaben. Tut es etwas zur Sache, dass der Philosoph, der mit der Grosskatze Umgang pflegt, „Blumenberg“ heisst, wie der 1996 verstorbene Philosoph Hans Blumenberg? Ja, das tut es. (…) In dem Löwen, den Lewitscharoff in Erscheinung treten lässt, sind (umgekehrt sozusagen) Blumenberg-Themen verkörpert. Der „Trostbedürftigkeit“ des Menschen etwa, von der nicht nur der romaneske Blumenberg spricht, kommt der phänomenale Leu, gelassen in sich ruhend, entgegen. Nicht nur spendet er Trost, er festigt des Philosophen stets prekäres Vertrauen in die Welt und fungiert, so erfährt der Leser, als seismografischer „Zuversichtsgenerator“; der Gefährte scheint das Zeug dazu zu haben, „mit einem Tatzenschlag den Weltzusammenhang“ wiederherzustellen…Uwe Justus Wenzel: „Der Löwe ist los“
© Neue Zürcher Zeitung, 13. September 2011
Sibylle Lewitscharoff
Blumenberg
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011
ISBN 978-3-518-42244-1
Blumenberg
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011
ISBN 978-3-518-42244-1










