Kathrin Schmidt

Du stirbst nicht

Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht © Kiepenheuer und Witsch Verlag Kathrin Schmidt hatte ihre Sprache verloren, als sie aus dem Koma erwachte. (…) Der Schock der Sprach- und Erinnerungslosigkeit nach dem Schlag, die Fremdheit des Ichs sich selbst gegenüber, wird zum Anlass und Stilprinzip eines radikal intimen und doch vollständig durchgeformten Berichtes. (…) Als Helene Wesendahl, von der Kathrin Schmidt in der dritten Person erzählt, zwei Wochen nach dem Platzen des Aneurysmas aus dem künstlichen Koma erwacht, kann sie nicht einmal die Augen öffnen. Sie hört Stimmen, kann das Gesagte noch nicht einordnen, macht sich aber sofort und solange sie sich wachhalten kann Gedanken darüber. Dass ein Roman wie dieser auch autobiografisch verstanden werden kann, dürfte ein medizinisches Wunder sein. Dass sich darin keine Sentimentalitäten finden, keine Sentimentalität, ist ein literarisches. (…) “Du stirbst nicht" ist ein Buch über das, was einen Menschen ausmacht. Was ihn treibt und was ihn hält. Im Falle der Schriftstellerin Wesendahl ist es die Liebe. Zur Sprache und - trotz allem - zu ihrem Mann. Es ist aber auch ein Buch über eine DDR-Biografie und über den Versuch, Alltag und Künstler(innen)tum zu vereinen. (…) Was sich nach der Lektüre dieses Romans verändert, ist ganz sicher das Vertrauen in die Aussagekraft des äußeren Eindrucks, den Menschen (vornehmlich kranke) machen. Aber auch der Glaube an das Menschenmögliche ist gestärkt. Der an die Sprache sowieso. Und was Kathrin Schmidt betrifft, so ist kaum vorstellbar, wie sie die poetische Klarheit aus “Du stirbst nicht" noch überbieten könnte; aber warum sollte sie auch?

Petra Kohse “Sich zudecken mit Traurigkeit”
© Frankfurter Rundschau, 09. April 2009

Kathrin Schmidt
Du stirbst nicht
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2009
ISBN 978-3-462-04098-2
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