Natascha Wodin

Nachtgeschwister

Natascha Wodin: Nachtgeschwister © Kunstmann Verlag Jeder Autor wünscht es sich, dass er eines Tages auf diesen Leser stößt, der ihm sein Buch nicht bloß abnimmt und ihn dann wegschickt, sondern ihm das Geschriebene in vollem Maße zugutehält, ihn, ihn selbst um des Werkes willen liebt. Aber aus dieser Begegnung können Gefahr und Schmerz erwachsen, für alle beide, den Findenden so gut wie den Gefundenen. Der Gefundene heißt Jakob Stumm. Der Name, symbolisch geladen, bedeutet das einzige verfremdende Element in dieser aufgewühlten Lese-, Liebes- und Leidensgeschichte. Man erkennt darin ohne weiteres Wolfgang Hilbig. (…) Wodin beschönigt nichts. Dass Wolfgang Hilbig ein schwerer Soziopath war, lässt sich, auch wenn man sonst nichts von ihm weiß, aus seinen Schriften erahnen. Wie schwer genau, erfährt man aus diesem Buch; der Schrecken ergreift den Leser noch im Nachhinein, aus der Gewissheit des geleisteten Werks, dass dieser Autor seiner persönlichen Verdammnis entriss und das gerettet vorliegt. (…) Wie kann es eine Frau mit einem solchen Mann aushalten? Die Antwort ist ebenso schlicht, wie sie Unbehagen weckt: durch Liebe. Durch sie gewinnt das Buch seine radikale Energie. Liebe erlangt hier, möchte man sagen, eine unmittelbar literarische Qualität, indem sie niemals ausweicht und noch dem Beschämendsten schonungslos standhält.

Burkhard Müller: “Mit Kinder- und Mördergesicht”
© Süddeutsche Zeitung, 04. September 2009

Natascha Wodin
Nachtgeschwister
Kunstmann Verlag, München, 2009
ISBN 978-3-88897-560-8
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