Belletristik – Romane, Erzählungen

Anna Kim
Die große Heimkehr

© Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017 Anna Kim: Die große Heimkehr © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017Angesichts der Blitzkarriere des Ausdrucks „postfaktisch“ könnte man meinen, es hätte kein zwanzigstes Jahrhundert gegeben. Keine Lügen in Zeiten des Krieges, keine Umerziehungslager und Propagandaministerien (…). Da erteilt Anna Kims Roman „Die große Heimkehr“ eine doppelte Geschichtslektion. Ihr gelingt eine erzählerisch spannend und anschaulich vermittelte Einführung in die propagandistisch umkämpfte Geschichte Koreas. Die dort im Jahr 1977 geborene Autorin ist 1979 mit ihrer Familie zunächst nach Deutschland und dann nach Österreich ausgewandert. (…)
In den Jahren 1959/60, um die der Roman kreist, hatte im Norden Kim Il-Sung eine kommunistische Erbmonarchie etabliert, während im Süden der von den USA protegierte Präsident Rhee seine schwindende Macht durch Wahlfälschungen und den Terror seiner paramilitärischen „Nord-West-Jugend“ zu bewahren suchte.
Anna Kim beschreibt die von Korruption und willkürlicher Gewalt, Misstrauen, Denunziation und erpresster Loyalität geprägte Atmosphäre im südkoreanischen Seoul jener Jahre, in denen das Regime in Pjöngjang bevorzugt wohlhabende Exilkoreaner aus Japan zur „großen Heimkehr“ in das vermeintliche Arbeiterparadies im Norden zu verführen suchte. Um aber das historiografisch Gesicherte im Individuellen wie Allgemeinen fassbar zu machen, beglaubigt sie es literarisch durch eine Fiktion, in der es um Freundschaft und Liebe, Verrat und Selbstbetrug geht – und damit auch um die Glaubwürdigkeit (auto-)biografischen Erzählens.

Ulrich Baron: „Heiße Herzen, Kalter Krieg“
© Süddeutsche Zeitung, 30. Januar 2017

Anna Kim
Die große Heimkehr
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017
ISBN 9783518425459
558 Seiten


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