Belletristik – Romane, Erzählungen

Jochen Schmidt
Zuckersand

© C. H. Beck Verlag, München, 2017 Jochen Schmidt: Zuckersand © C. H. Beck Verlag, München, 2017Der Vater, der in Jochen Schmidts Roman „Zuckersand“ den Sohn durch den Groß­stadt­dschun­gel schiebt - zuerst im Kinderwagen, dann auch mit Bobby-Car und Laufrad - dieser Vater ist ein pointensicherer Spaßvogel, einerseits. Aber das betrifft nur die Show-Seite, denn andererseits haben wir es mit einem verträumt schrulligen Berliner Kreativ-Wolkenkuckucksheimer zu tun, der die Brutpflege übernimmt, während die Freundin und Kindsmutter Klara einem soliden Job beim Denkmalamt nachgeht.
Der Kindsvater arbeitet eigentlich an einer Studie über Schönheit, schreibt aber vor allem Werbetexte für „Die neue Hausfrau“, einen Katalog, dessen Produktpalette vom Sicherheits-Saughaken bis zu Zier-Bierfässern reicht. Gegenstände von trister Hässlichkeit, wo doch die Dingwelt das Lebensthema des sensitiven Bordstein-Checkers ist. Die Dinge, die sich schüchtern-schön am Wegesrand darbieten und von dort aus die Synapsen befeuern, sind die heimlichen Hauptfiguren dieses episodischen, der Kinderwagenfährte folgenden Romans: magische Gegenstände wie Pflastersteine, Rohre, Staubsauger, Haargummis (…).
Die Sehnsucht, die ihre Spuren durch den Zuckersand zieht, ist dabei weniger eine nach konkreter Familienhistorie, sondern hat vielmehr mit einem allumfassenden Nichts-Verlieren-Können zu tun. Dieser obsessive Sammler von Augenblicken, Materialzuständen und Konsistenzen kann kein Fitzelchen liegen lassen - und ähnelt darin seinem Sohn.

Jutta Person: „Der Erdnussgott“
© Süddeutsche Zeitung, 23. März 2017

Jochen Schmidt
Zuckersand
C. H. Beck Verlag, München, 2017
ISBN 9783406705090
206 Seiten


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