Belletristik – Romane, Erzählungen

Natascha Wodin
Sie kam aus Mariupol

© Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017 Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017Natascha Wodin ist die Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, eine von vielen Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten nach Deutschland deportiert wurden. Indem sie ihre Mutter aus der Anonymität herausholt, macht sie ein Schicksal sichtbar, das auf ähnliche Weise viele getroffen hat; und über das es so gut wie keine literarischen Zeugnisse gibt (…). Wodin schließt diese literarische Lücke. (…) Die Schriftstellerin wusste lange Zeit nicht, dass sie das Kind von ZwangsarbeiterInnen ist, sondern nur, „dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übrig geblieben war“.
Die Eltern blieben als Displaced Persons in Deutschland. Stalin sieht in ihnen „Vaterlandsverräter“, denen bei ihrer Rückkehr mindestens soziale Ächtung droht. Die Mutter beging 1956 im Alter von 36 Jahren Selbstmord, da war Wodin zehn Jahre alt. Nie hatte sie über ihr Leben vor dem Krieg gesprochen. Wodins Antrieb, über ihre Mutter zu schreiben, ist zuerst ein tief persönlicher.
Was sich im ersten des in vier Teile gegliederten Buchs entfaltet, ist eine ganz unwahrscheinliche Entdeckungsreise. Ohne das Internet wäre sie unmöglich gewesen. Die Autorin erfährt, dass ihre Mutter Jewgenia einer adligen Familie aus Mariupol entstammt. Wodin nähert sich der Mutter über deren Angehörige: Großeltern, Eltern und Geschwister Jewgenias tauchen auf. Jedes gefundene Puzzle­teil offenbart die Leerstellen drum herum.

Carola Ebeling: „Das Schweigen Jewgenias“
© die tageszeitung, 14. März 2017

Natascha Wodin
Sie kam aus Mariupol
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017
ISBN 9783498073893
368 Seiten


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