Lesen, worüber man auf dem deutschsprachigen Buchmarkt spricht

Ein Projekt der Goethe-Institute in Tallinn, Riga, Vilnius, Warschau, Krakau, Prag, Bratislava, Budapest und Ljubljana

Bücher, die es über Grenzen schaffen

Jakub Ehrenberger © Jakub Ehrenberger
Jakub Ehrenberger © Jakub Ehrenberger
Jakub Ehrenberger, Literaturkritiker
Es gab Zeiten, in denen man Bücher über die Grenze schmuggeln musste, weil sie vor Ort nicht verlegt werden durften. Zum Glück liegen diese schon lange zurück, wiewohl sich bestimmte Politiker wieder Zäune und Mauern herbeiwünschen. In den mit­tel­ost­eu­ro­päischen und baltischen Staaten sind mehr als ein Vierteljahrhundert nach den politischen Umwälzungen die Buchmärkte frei. Frei zu­min­dest im herkömmlichen Sinne des Wortes, denn es existiert nach wie vor eine – zugespitzt formuliert – Zensur, nämlich die Zensur des Marktes, des Umsatzes, des geschäftlichen Erfolges. Wird dieser Roman unsere LeserInnen interessieren? Hat jene Geschichte auf dem hiesigen Buchmarkt eine Chance? Stets werden in den Ver­lags­sitzungen Entscheidungen getroffen, welche Bücher übersetzt werden, und damit automatisch, welche eben nicht. Und auch die Entscheidung, ein Buch nicht zu verlegen, sagt einiges über die politische, gesellschaftliche und kulturelle Lage in den Ländern aus.

Bleiben wir aber bei den Titeln, die es über die Grenzen schaffen. Die belletristischen Übersetzungen der letzten etwa fünf Jahre, um die es im Folgenden geht, lassen sich grundsätzlich in drei Kategorien einteilen. Die erste Gruppe formen Erst- und Neuübersetzungen von Klassikern. Sie stellen einen zwar überschaubaren, dafür aber beständigen Teil der Novitäten dar, was jüngst die Neuübersetzung von Thomas Manns Zauberberg ins Tschechische (2016) oder die Übertragungen von Goethes Faust ins Ungarische (2015) und Slowakische (2015) belegten. Wenn ein Klassiker gar zum ersten Mal erscheint, spricht man gerne von „Schulden begleichen“, als hätte jeder Buchmarkt bei dem himmlischen Buchhalter einen offenen Saldo. Ob sich LeserInnen und Vermittelnde tatsächlich erleichtert fühlen, wenn ein Klassiker nun auch in ihrer Muttersprache zur Verfügung steht, darf an dieser Stelle offen bleiben.

Die zweite Kategorie möchte ich – in Anspielung auf die Pünktlichkeit der Züge in Deutschland – „verspätete Ankünfte“ nennen. Es sind Bücher, die (noch) keinen Klassiker-Status genießen, nach der Veröffentlichung aber übersehen wurden und erst mit einiger Verspätung das Interesse im Ausland geweckt haben. In der Regel sind das Frühwerke von AutorInnen, die sich später durchgesetzt haben und deren Schaffen man nun besser kennenlernen möchte, oder Bücher, die z. B. durch eine Autorenlesung wieder relevant geworden sind. Zu dieser Kategorie würde ich u. a. die frühen Romane der Nobel­preis­trägerin Herta Müller zählen. Unmittelbar nach der Würdigung der in Mittelosteuropa zuvor beinahe unbekannten Autorin (die polnische Ausnahme bestätigt hier die Regel) wurde ihr vielgelobter Roman Atemschaukel (2009) übersetzt. Erst dann folgten weitere, nicht minder wichtige Werke wie Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992) oder Herztier (1994), Romane, die die Schreckensherrschaft der Ceausescu-Diktatur auf eine äußerst überzeugende Weise festhalten. Letzterer liegt inzwischen in estnischer, polnischer, slowenischer, tschechischer und ungarischer Übersetzung vor. Einen ähnlichen späten Erfolg feiert posthum W. G. Sebald, dessen Romane, Erzählungen und Essays nun ebenfalls quer durch die ganze Region übersetzt werden.

Die letzte Gruppe bilden Neuerscheinungen, die gleich nach der Veröffentlichung großes Aufsehen er­reg­ten und unmittelbar darauf übersetzt wurden. Wenn man Titel beiseitelässt, die den Verkauf der Aus­lands­rechte offenbar ihrem überwältigenden kommerziellen Erfolg verdanken, – zu nennen wären hier so unterschiedliche Titel wie Daniel Glattauers E-Mail-Liebesromane Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009), Katharina Hagenas Der Geschmack von Apfelkernen (2008) oder Timur Vermes’ Hitler-Satire Er ist wieder da (2012) –, lassen sich in Bezug auf die Entscheidungen der Verlage vor allem zwei Umstände aufspüren, die Büchern auf die ausländischen Märkte verhelfen.

Im Nachhall des Welterfolgs von Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt (2005) findet immer wieder biografisches, historisch gefärbtes Erzählen große Beachtung. Bücher, in denen historische Per­sön­lich­keiten zu Protagonisten werden, erzeugen bei der Lektüre – so zumindest die Meinung der Ver­lags­bran­che – das Gefühl, dass man nicht nur unterhalten, sondern auch unterrichtet wird. Man lernt eine geschichtliche Epoche bzw. Per­sön­lich­keit durch die Optik der Literatur kennen. Michael Kumpfmüllers Roman Die Herrlichkeit des Lebens (2011) über Kafkas späte Liebesbeziehung zu Dora Diamant ist ein Vorzeigebeispiel dieser Tendenz aus den letzten Jahren. Kein Wunder also, dass er u. a. ins Polnische, Tschechische und Ungarische übersetzt wurde. Ähnlich gelagerte Werke, wenn auch teilweise anderen narrativen Traditionen verpflichtet, sind z. B. Florian Illies’ Panoramabild 1913. Der Sommer des Jahrhunderts (2012), Christian Krachts Kolonialroman Imperium (2012) oder Volker Weidemanns Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft (2014).

Die zweite Tendenz ist dagegen landesspezifisch. Häufig werden SchriftstellerInnen übersetzt, die aus dem jeweiligen Land stammen bzw. deren Texte das Zielland unmittelbar betreffen. Für Josef Haslingers Roman Jáchymov (2011), in dem der Autor am Beispiel des Eishockey-Torwarts Bohumil Modrý die Schreckensgeschichte der politischen Unterdrückung in der Tschechoslowakei schildert, fand sich schnell ein tschechischer Verlag. Auch Jan Faktors sprachgewaltiger Erinnerungsroman Georgs Sorgen um die Vergangenheit (2010), der die Jugend des in Berlin lebenden Autors im Prag der 50er und 60er Jahre thematisiert, liegt bereits in Übersetzung vor. In Ungarn werden wiederum Romane von Terézia Mora verlegt, obwohl sich die Autorin in ihrer Prosa nur sekundär auf Ungarn und die in ihrem Herkunftsland herrschenden Verhältnisse bezieht. Und während Radek Knapp Erfolge in Polen feiert, schaffte es Maja Haderlaps Engel des Vergessens (2011), die Geschichte des Widerstandes der Kärntner Slowenen und der offenen Wunden, die er hinterlassen hat, vom Buchregal sogar auf die Bühne des Nationaltheaters in Ljubljana.

Der Markt mit den Übersetzungen aus dem Deutschen ist allerdings viel bunter und vielschichtiger, als dass man alle Neuerscheinungen in die oben skizzierten Gruppen einteilen könnte. Befeuert durch den Riesenerfolg von Wolfgang Herrndorfs Tschick (2010), wächst in den letzten Jahren wieder das Interesse an der Kinder- und Jugendliteratur. Was besonders erfreulich ist: Es tauchen stets auch Bücher auf, die sich der schwierigen gesellschaftlichen Fragen von heute annehmen (Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt, Abbas Khiders Ohrfeige u. a.) oder am Beispiel vergangener Ungerechtigkeiten die Gefährlichkeit bestimmten Gedankenguts in Erinnerung rufen und warnend den Finger heben (Katja Petrowskajas Vielleicht Esther, Ralf Rothmanns Im Frühling sterben).

Das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben, sodass sich LeserInnen in Mittelosteuropa auf so diverse Titel wie Robert Seethalers Ein ganzes Leben (2014), Rafik Schamis Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015) oder Benedict Wells’ berührende Geschichte dreier Geschwister Vom Ende der Einsamkeit (2016) freuen können. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Wells’ Roman, der letztes Jahr den Preis der Europäischen Union erhielt und demnächst u. a. auf Litauisch, Polnisch, Slowakisch, Tschechisch und Ungarisch erscheint, wie fast alle der oben genannten Werke in der Reihe von „Bücher, über die man spricht“ vorgestellt wurde. Ich zweifle daher nicht daran, dass es aus der diesjährigen, besonders inspirierenden Frühjahrsauslese ebenfalls einigen Titeln gelingen wird, den Sprung über die Grenze auf die mittelosteuropäischen und baltischen Buchmärkte zu schaffen. Die Frage lautet nur: Welche?

Viel Spaß beim Schmökern und Entdecken wünscht Ihnen
Jakub Ehrenberger

Jahrgang 1990,
studierte Anglistik/Amerikanistik und Germanistik in Prag, Wien und Bamberg,
ist als freischaffender Literaturkritiker u.a. für die tschechische Website iLiteratura.cz tätig.

Frühjahr 2017