Blick auf die deutsche Literaturszene

Europa liest: Literaturveranstaltungen und Schriftstellertreffen im europäischen Kontext

Quelle: Goethe-Institut © Alida Bremer
Alida Bremer © Alida Bremer
Alida Bremer
Mitglied des kroatischen PEN Zentrums
Die Literatur ermöglicht Einblicke in die Leben anderer Menschen, in gesellschaftliche Situationen fremder Länder und vergangener Zeiten.
Wenn Europa nicht nur eine wirtschaftliche Gemeinschaft sein soll, die durch eine Finanzkrise schwer im eigenen Selbstverständnis erschüttert werden kann, sondern ein Kontinent, vernetzt durch kulturelle und zwischenmenschliche Beziehungen, dann kann gerade die Literatur von höchster Bedeutung für diese Vernetzung sein.
Liebe und Tod, Angst und Hoffnung, die Katastrophen des Alltags, Leidenschaften und Schicksalsschläge sind überall ähnlich...



...und doch ist es ein Unterschied, ob sie im italienischen Süden oder in Dänemark geschehen, ob sie sich unter den Bedingungen der postsozialistischen Gesellschaft in Polen oder im heutigen England ereignen. Die Literatur macht uns offen für das gegenseitige Verstehen und stillt unsere Neugier auf die Welt.

Kuratoren zahlreicher literarischer Festivals sind in den letzten Jahren in Deutschland der Idee „mehr Europa“ nachgegangen und haben Autorinnen und Autoren aus verschiedenen europäischen Staaten eingeladen, um über Europa zu sprechen, zu lesen, zu diskutieren. Dabei ist bemerkenswert, dass derartige Ereignisse nicht nur in den großen Kulturzentren stattfinden, sondern auch in kleineren Orten. Neben dem Austausch mit dem Publikum tauschen sich die Autoren auch untereinander aus und begegnen ihren Übersetzern. So entstehen Freundschaften, die Entfernungen und Grenzen überwinden. Ein Europa der anderen Werte jenseits der Bürokratie und der Finanzkrise wird mit jeder Begegnung dieser Art ein Stück weiter aufgebaut. Schriftsteller sind keine Botschafter ihrer Länder, aber sie kennen die Nöte und die Freuden der Gesellschaften, aus denen sie kommen, und eignen sich deshalb besonders für einen europäischen Austausch. Wie das Netz für einen solchen Austausch genutzt werden kann, zeigt der literarische Blog „Wir und Europa“ des Goethe-Instituts in Budapest, in dem Autoren aus Deutschland, Ungarn, Serbien und Mazedonien über ihre Erfahrungen in und mit Europa schreiben. Wenn man zu den Festivals die vielfältigen Programme der Literaturhäuser und anderer Kulturzentren (etwa Gasteig in München oder LCB in Berlin), die „residence“-Stipendien, die Arbeitsaufenthalte von Schriftstellern und Übersetzern ermöglichen, die Seminare, Workshops und Tagungen hinzuzählt, dann kann von einer breit gefächerten Kulturlandschaft gesprochen werden, die in Zeiten der Krise eine Stärkung der europäischen Gemeinschaft bewirkt, ohne dabei die ästhetischen Werte zu vernachlässigen.

Verschiedenen Veranstaltern ist es zu verdanken, dass Deutschland ein sehr beliebtes Ziel für Autoren aus anderen europäischen Ländern geworden ist. Sie begegnen hierzulande einem interessierten Publikum, das bereit ist, stundenlang bei Lesungen zuzuhören – wie die eingeladenen Autoren jedes Jahr aufs Neue in Leipzig feststellen, wo im Frühjahr parallel zur Buchmesse das größte Literaturfestival Europas „Leipzig liest“ stattfindet, auf dem sogar Autoren, die noch gar kein Buch in deutscher Sprache veröffentlicht haben, ihr Publikum finden, etwa in der Balkan-Nacht im alten Kino UT Connewitz, wo Jahr für Jahr Hunderte Leipziger zusammenkommen, um am Messesamstag vier Stunden ohne Pause Schriftstellern aus Südosteuropa zuzuhören. In Leipzig wird immer aufs Neue bewiesen, dass die Literatur allen Unkenrufen zum Trotz ihre große Wirksamkeit nicht verloren hat. In diesem Jahr lasen auffällig viele Autoren von ihren Tablets und nicht aus gedruckten Büchern – aber es ging um Worte und nicht um das Medium, durch das sie vermittelt werden.

Es wäre naiv zu glauben, dass sich ein Publikum von alleine herausbildet. Es braucht Konzepte und Überlegungen, Geld und Zeit, bis eine derartige Kultur der öffentlichen Lesungen zur Tradition wird. „Leipzig liest“ ist mit den Jahren zunehmend abwechslungsreicher geworden, die Veranstalter übertreffen sich auf der Suche nach geeigneten Leseorten in der Stadt und nach interessanten Moderatoren für ihre Autoren. Vor allem für Autoren aus Osteuropa ist Leipzig beinahe zu einem magischen Ort geworden, an dem sie einmal im Jahr ihren Kollegen aus ganz Europa begegnen können und an dem ihnen zugehört wird. Im Leipzig wird ein Preis für europäische Verständigung vergeben – einen solchen hätte auch diese Buchmesse selbst verdient.

In Zeiten von Sparmaßnahmen entwickeln Veranstalter viel Phantasie bei der Suche nach Sponsoren und Förderern sowie bei der Auswahl von Themen, Orten und Mitwirkenden und verwenden viel Energie auf die Werbung für ihre Programme. Bei genauem Hinschauen scheint jede deutsche Stadt – auch die kleinste - ein internationales literarisches Programm anzustreben. „Ich bin sehr glücklich, dass die zweite Ausgabe des europäischen Literaturfestivals vielSeitig noch ein Stück besser als die erste gelungen ist. Wir haben hier mit Sicherheit die Tradition einer Literaturbiennale begründet“, so Wolfgang Suttner, künstlerischer Leiter des europäischen Literaturfestivals vielSeitig in Siegen. Über 1.500 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten im September 2012 in dieser Universitätsstadt den Texten europäischer Stimmen aus zehn Nationen.

Auch ganz ungewöhnliche Konzepte fanden ihre Förderer und ihr Publikum. Das 6. Treffen in Telgte hat im Februar 2013 unter dem Titel „Europa in der Krise – europäische Autorinnen und Autoren im Gespräch“ stattgefunden. Dreizehn Autorinnen und Autoren kamen zusammen, um sich in diesem beschaulichen westfälischen Städtchen dem Thema zu widmen, das derzeit viele Europäer bewegt. Einige der Eingeladenen gehörten zu mindestens zwei Ländern, viele waren mehrsprachig, so dass sie einen erheblichen Reichtum an Erfahrungen und Themen im Gepäck hatten. In den drei Tagen, in denen sich dieses Treffen - das auf den Spuren des gleichnamigen Buchs von Günter Grass veranstaltet wird - abspielte, gab es nur eine große Gruppenlesung für das Publikum, während die Gespräche über Europa hinter verschlossenen Türen geführt wurden. Diese Form ist dem Kurator Hermann Wallmann zu verdanken, der glaubt, dass für Autorinnen und Autoren Freiräume geschaffen werden müssen, damit sie sich in Ruhe austauschen können, fern von der Öffentlichkeit und von den etwaigen lokalen und nationalen Erwartungen. Das war vermutlich die intensivste und zugleich intimste Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema „Krise“, die bei einer Versammlung europäischer Schriftsteller in den letzten Jahren organisiert wurde. Die Autoren aus Slowenien und Kroatien konnten dabei feststellen, dass Autoren aus Belgien mit ähnlichen politischen Problemen zu kämpfen haben wie sie selbst, während der Autor aus England berichten konnte, wie es ist, in einer Sprache zu schreiben, derer sich alle bedienen und die deshalb immer neu erfunden wird.

Die Kuratoren des Europäischen Reisefestivals „Neben der Spur“, Peter Böthig und Otto Wynen, hatten ebenfalls einen originellen Gedanken, nämlich die Reiseliteratur in den Mittelpunkt zu stellen, um so mehr von Europa zu erfahren: „Das Gesicht Europas ändert sich rasant. Was sich in Südosteuropa in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konfliktreich zugespitzt hat, ist Teil eines globalen Wandlungsprozesses, der die Frage eines modernen europäischen Selbstverständnisses aufwirft.“ Im Mai 2012 versammelten die beiden Kuratoren in Neuruppin und Umgebung Schriftstellerinnen und Schriftsteller, um im Rahmen der Fontane Festspiele unter anderem über den letzten Krieg in Südosteuropa zu diskutieren.

Natürlich werden auch in den Großstädten vergleichbare Festivals organisiert. Einen „Literarischen Rettungsschirm für Europa“ hat das Internationale Literaturfestival Berlin ins Leben gerufen. Autorinnen und Autoren wurden „um eine [autobiographische] Geschichte über das Erleben Europas“ gebeten, die im September 2012 vorgestellt und diskutiert wurden. „Diese eigenen Geschichten sind die kleinen ‚Euro-Münzen‘, die jede und jeder von uns bei sich trägt“, schrieben dazu Ulrich Schreiber und Thomas Böhm, die sich mit dieser Aktion als Festivalorganisatoren dagegen wehrten, die Idee von Europa auf ein finanzielles Problem zu reduzieren.

Was im Frühjahr eines jeden Jahres im Osten Deutschlands das Festival „Leizpig liest“ ist, ist seit 12 Jahren im Westen die lit.COLOGNE, das Kölner Literaturfestival, das zu den größten in Europa zählt. Dieses Festival arbeitet mit thematischen Schwerpunkten und organisiert Begegnungen von Autoren mit Künstlern aller Disziplinen und Veranstaltungen zu politischen und journalistischen Themen unter Einbeziehung von Theater und Kabarett sowie Kinderliteratur.

Obwohl Schreiben und Lesen einsame Tätigkeiten sind, beweisen derartige Großereignisse, dass die Literatur inmitten der Gesellschaft steht. Und obwohl Europa im öffentlichen Diskurs Skepsis entgegengebracht wird, beweisen Tausende Veranstaltungsbesucher in Deutschland, dass der gemeinsame Kulturraum Europa im Entstehen ist.

Alida Bremer

Geboren 1959 in Split/Kroatien.
Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad, Rom, Saarbrücken und Münster. Promotion im Fach „Vergleichende Literaturwissenschaft“.
Freie Mitarbeiterin der S. Fischer Stiftung, Projektleitung des Netzwerks TRADUKI.
Mitglied des kroatischen PEN Zentrums.

Frühjahr 2013