Blick auf die deutsche Literaturszene

„Ihr müsst ein glückliches, sorgenfreies Land sein“

Quelle: Goethe-Institut © Christoph Schröder
Christoph Schröder © Christoph Schröder
Christoph Schröder
Dozent für Literaturkritik, Goethe-Universität Frankfurt
„Ihr müsst ein glückliches, sorgenfreies Land sein.“ Diesen Satz sagte der Lektor eines nicht unbedeutenden französischen Literaturverlages auf der Frankfurter Buchmesse. Der Lektor bezog sich auf die diesjährige Shortlist des Deutschen Buch-
preises, und er meinte seine Aussage durchaus doppeldeutig: Zum einen ist es unbestreitbar, dass das Jahr 2013 eine qualitativ ungemein starke Produktion an deutschsprachigen Romanen hervorgebracht hat; so stark, dass selbst Romane, die in früheren Jahrgängen durchaus für den Hauptpreis in Frage gekommen wären, heuer noch nicht einmal mehr Platz auf der Shortlist gefunden haben. Zum anderen aber fand der Kollege aus Frankreich erstaunlich, dass wir uns in Deutschland für den wichtigsten Buch- (nicht: Literatur-!) Preis nach wie vor eine Jury leisten können, die nicht von vornherein ausschließlich auf Verkaufbarkeit, sondern auf literarische Qualität guckt. Dass wir in Deutschland einen Buchhandel haben, der das aushält und mitträgt. Noch.

Man kann nicht über die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre sprechen, ohne über den Deutschen Buchpreis zu sprechen. Die Aufmerksamkeits-, Markt- und Verkaufsmacht des Preises hat, angefangen vom ersten Gewinner Arno Geiger im Jahr 2005, ein Genre wenn nicht hervorgebracht, so doch gefördert, von dessen Dominanz die Gegenwartsliteratur sich erst seit kurzer Zeit in einem dringend nötigen Emanzipationsprozess wieder zu lösen in der Lage ist – dem Genre des historisch getönten, politisch grundierten Familienromans, das sich wiederum in die beiden deutsch-deutschen Zweige der nationalsozialistischen und der DDR-Vergangenheit aufspaltet.

Im Jahr 2007 gewann die in Ost-Berlin geborene und 1978 in die Bundesrepublik ausgereiste Julia Franck den Preis mit ihrem Roman „Die Mittagsfrau“, in dem sie die Lebensgeschichte einer Frau vom Beginn des 20. Jahrhunderts, durch Weimarer Republik und Nationalsozialismus hindurch bis in die unmittelbare Nachkriegszeit hinein erzählt, bis zu jenem Tag, an dem die Frau, Helene Würsich, ihren Sohn auf der Flucht allein an einem Bahnhof zurücklässt und beschließt, ein neues, von jeglichen Zwängen befreites Leben zu beginnen. Ein Jahr später dann, 2008, erschien Uwe Tellkamps monumentales Dresden-Epos „Der Turm“, dessen grandioser Erfolg beim Publikum in keinem Verhältnis steht zu der literarischen Komplexität und den Aufmerksamkeitsanforderungen, die Tellkamp, Vertreter eines neuen, konservativen Bildungsbürgertums, an den Leser richtet. Im Jahr 2011 gewann Eugen Ruge den Deutschen Buchpreis mit seinem Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, in dem sich das Schicksal einer Familie in der Entwicklungsgeschichte der DDR spiegelt; ein Jahr später schließlich erhielt Ursula Krechel die Auszeichnung für ihren Roman „Landgericht“, der den bornierten Umgang der neuen, jungen Bundesrepublik mit einem aus Kuba zurückgekehrten Exilanten mit Hilfe von realem Archivmaterial thematisiert.

So unterschiedlich diese Romane in ihrer Perspektivsetzung und auch in ihrer literarischen Qualität auch waren; sie zeugen eindeutig von einer Strömung, von einer klaren Tendenz zur Historisierung des literarischen Erzählens. Das ist kein Vorwurf, zumal völlig unklar ist, an wen ein solcher Vorwurf zu richten wäre (an jeden einzelnen Autor? An die Verlage? Das kaufende Publikum? Die Jurys?), doch spätestens mit „Landgericht“ wurde offensichtlich, dass der gut gemeinte Versuch eines semidokumentarischen Verfahrens schnell an ästhetische Grenzen stößt. Das Genre, so scheint es, ist ausgereizt. Oder, um einen anderen Lektor, dieses Mal ein Mitarbeiter eines renommierten deutschsprachigen Verlages, zu zitieren: „Manuskripte, in denen auf irgendeinem Dachboden alte Briefe der Urgroßmutter oder Großmutter gefunden werden, lese ich erst gar nicht weiter.“ Wenn es noch geht, dann geht es so wie in Tellkamps „Turm“, der reine Literatur ist; der Roman hatte und hat kein Anliegen, keinen Auftrag, er erhebt sich über seine bloßen chronologischen und geografischen Eckpfeiler.

„Welthaltigkeit“, „Gegenwartsnähe“, „Dringlichkeit“ – das sind floskelhafte Forderungen, die immer wieder von verschiedenen Seiten an die Literatur und an die Autoren herangetragen werden und die in ihrem Kern dogmatisch und freiheitsbeschneidend sind. Literatur ist kein Journalismus. Wenn sie sich der Gegenwart, ihren Zwängen, Neurosen, Psychopatholgien und deren Ursachen annähern will, muss sie ihre eigenen Wege finden. Und sie tut es auch. Es gibt keinen Wettbewerb um das drängendste Problem der Gegenwart. Man hat die freie Wahl. Doch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur scheint in den vergangenen Jahren eine Strömung entstanden zu sein, die der freiwilligen Selbstaufgabe des Individuums in einer semantisch weichgespülten Arbeitswelt auf die Spur zu kommen versucht. Die Herrschaft der Agenturen, in denen man sich so wohl fühlen soll, dass man sie am liebsten gar nicht mehr verlassen will, der permanente Kreislauf von „Leistung und Erschöpfung“ (so der Titel eines Sammelbandes, den die Soziologen Sieghard Neckel und Greta Wagner herausgegeben haben), die Nivellierung der einst strengen Grenze von Berufs- und Privatleben zugunsten einer Allzeitbereitschaft für die Verwendung in kapitalistischen und ökonomischen Zusammenhängen – all das sind Themenkreise, derer sich Autoren in den vergangenen Jahren verstärkt angenommen haben.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Kathrin Röggla hat in ihrem 2004 erschienenen, rückblickend durchaus stilbildend zu nennenden Roman „wir schlafen nicht“ 24 Gesprächsprotokolle mit Akteuren (und gleichzeitig Opfern) der New Economy zu einer gespenstischen Stimmencollage von zur permanenten Selbstoptimierung bereiten und von der permanenten Überforderung bedrohten Wirtschaftszombies montiert. Thomas von Steinaecker raubt in „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ (2011) ausgerechnet der Mitarbeiterin eines großen Versicherungskonzerns jegliche persönliche Sicherheiten und schickt sie schließlich auf eine surreale Geschäftsreise (in Wahrheit ein Trip zwischen Selbstverlust und Selbstfindung) in ein bizarres russisches Märchenlandambiente. Und Philipp Schönthaler hält in seinem im Herbst 2013 erschienenen Roman „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ den Mitarbeitern eines Kosmetikkonzerns auf mindestens halbironische Weise den Spiegel vor. Was sie darin erblicken, das sind sie selbst und die Sprechblasen, die sie absondern, das Wellnessblabla, das sie selbst so lange glauben, bis sie herausgeschleudert werden, in die Schlafklinik, an einen Brückenpfeiler, in die Depression.

Den deutlichsten Hinweis auf einen möglichen Paradigmenwechsel, den wir aktuell diagnostizieren dürfen, sind die beiden letzten Romane der frisch gebackenen Buchpreisträgerin Terézia Mora, „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“. Wie hier, auf hochliterarische Weise, in einer mitreißenden Sprache, mit Rasanz und dezenter Komik zugleich, die Kapitulation des Individuums angesichts eines vagen und doch unerbittlichen Anforderungsprofils, mit dem die Arbeitswelt an uns herantritt, dargestellt, durchgeführt, in Sprache verwandelt wird, ist staunenswert. Und so weit, wie man zunächst glaubt, ist auch Clemens Meyers zurecht viel gelobter Roman „Im Stein“ nicht von Terézia Moras Ansatz entfernt: Ein „Rotlichtroman“, wie oft gesagt wurde, ist „Im Stein“ ganz gewiss nicht, sondern ein Buch, das die körperliche Liebe zu einem Wirtschaftszweig, einem nicht unbedeutenden, deklariert und anhand dessen sehr präzise Mechanismen und Veränderungen der kapitalistischen Welt von den 90er Jahren bis in die Gegenwart hinein durchbuchstabiert.

„Ihr müsst ein glückliches Land sein.“ Was die Gegenwartsliteratur betrifft: Ja, warum eigentlich nicht? Ein Daniel Kehlmann, dem mit „Die Vermessung der Welt“ ein Geniestreich auf dem Grat zwischen Gelehrtheit, Belehrung und Unterhaltsamkeit gelungen ist. Ein gewitzter und verwegener Debütant aus Ostfriesland namens Jan Brandt, der sich nicht in falscher Bescheidenheit geübt und 2011 mit „Gegen die Welt“ auf den Spuren Uwe Johnsons Außerirdische mit Heavy Metal verquickt und einen kleinen Drogeriemarkt zum mentalen Zentrum der Republik gemacht hat. Der unglaublich kluge Christoph Peters, auf dessen Fortschreibung des Internatsromans „Wir in Kahlenbeck“ (2012) man jetzt schon freudig warten darf. Oder Bodo Kirchhoff und dessen verblüffende Lebens- und Liebesweisheit in „Die Liebe in groben Zügen“ (2012). So vieles, das sich in kein Schema pressen lässt. Ein Peter Kurzeck beispielsweise, eine derart randständige Figur im Literaturbetrieb und doch möglicherweise, warum nicht mal einen Superlativ, einer der Größten überhaupt. Ein Chronist und ein Zauberer zugleich. Seit 1997, seit „Übers Eis“, schreibt Peter Kurzeck an einem auf 13 Bände angelegten Romanprojekt mit dem Titel „Das alte Jahrhundert“. 2011 erschien, als fünfter Teil, der rund 1000seitige „Vorabend“, ein Wunderbuch, in der Tat ein Jahrhundertbuch. Im Grunde genommen darf man den Büchnerpreis erst dann wieder als bedeutendsten deutschen Literaturpreis ernst nehmen, wenn Peter Kurzeck ihn endlich hat.

Wir müssen kein sorgenfreies Land sein. Ein glückliches schon gar nicht. Aber wenn wir uns gerade um etwas nicht sorgen müssen, dann um den Zustand unserer Gegenwartsliteratur. Die Krise tut ihr gut.

Christoph Schröder

geboren 1973, studierte Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Mainz
und lebt in Frankfurt am Main. Seit 1999 freier Kritiker und Publizist,
unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, die taz,
den Tagesspiegel und Deutschlandradio Kultur.
Seit 2007 Dozent für Literaturkritik im Studiengang Buch- und Medienpraxis
an der Goethe-Universität Frankfurt.

Herbst 2013