Blick auf die deutsche Literaturszene

Made in East Germany

Quelle: Goethe-Institut © Alexander Cammann
Alexander Cammann © Alexander Cammann
Alexander Cammann
Redakteur im Feuilleton d. Wochenzeitung DIE ZEIT
Nach ihrem Untergang wurde sie zu einer großen Erfolgs-
geschichte: Die längst verblichene DDR, jenes im Rückblick so seltsame, vom eigenen Volk 1989 ins historische Jenseits beförderte marode kleine Staatsgebilde, ist künstlerisch bis heute eine blühende Landschaft. 25 Jahre nach dem Mauerfall hat Deutschland nicht nur einen Bundespräsidenten und eine Kanzlerin aus dem Osten. Ob Malerei, Theater, Film oder Literatur: Unablässig produziert die östliche Erfahrung Stoff in ästhetischer Verarbeitung, gesamtdeutsch hochgelobt und preisgekrönt ist die posthume Vitalität und Vielfalt der DDR.
Ob nun die „Neue Leipziger Schule“ um den Weltstar des Kunstmarkts, Neo Rauch, die Ostberliner Volksbühne um Intendant Frank Castorf oder – von westdeutschen Regisseuren gedrehte – Filme wie „Good Bye Lenin“ oder „Das Leben der Anderen“ oder der von Kalifornien bis China auflegende DJ Paul van Dyk – sie alle erzählen auch etwas vom Osten.

Vor allem die Literatur, so kann man heute bilanzieren, hat eine fast triumphale Erfolgsgeschichte nach 1989 erlebt. Ob Komödie, Tragödie, Farce oder SciFi, realistisch erinnernd oder surreal verfremdend, was immer unwirklicher wird – der Geschmack des Ostens gibt dem gesamtdeutschen kulturellen Gebräu eine spezielle existentiell-exotische Würze, die auch im Westen des Landes gerne genossen wird.

Die komplizierte Erinnerung an die vergangene Zeit verläuft quer zu den Generationen und Milieus. Heftig tobte zu Beginn der neunziger Jahre der sogenannte „deutsche Literaturstreit“: Wie staatsnah war die offizielle DDR-Literatur? Hatten deren prominente Vertreter Christa Wolf, Stephan Hermlin und Heiner Müller zu viele Kompromisse mit dem Regime gemacht? Wie hatte man diverse Fälle von Spitzeltätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit zu bewerten? Trotz dieser Auseinandersetzungen blieben die etablierten Autoren der älteren Generation feste Größen im gesamtdeutschen Literaturbetrieb, neben Wolf und Müller vor allem Günter de Bruyn und Volker Braun, der im Jahr 2000 den Büchner-Preis erhielt; aber auch die einst in die Bundesrepublik übergesiedelten Autoren wie Sarah Kirsch, Wolfgang Hilbig oder Hans-Joachim Schädlich.

Schnell aber trat eine neue Generation auf: die der in den 1960er Jahren Geborenen. 1995 bekam der 33jährige Dichter Durs Grünbein aus Dresden den Büchnerpreis, später machten ebenfalls zwei Dresdner, Ingo Schulze und Uwe Tellkamp, Furore. Beide sind heute die bedeutendsten Gegenwartsautoren, die sich am DDR-Stoff versucht haben. Wie kann man sich heute noch an diese ferne Vergangenheit erinnern, die auch für jene, die sie miterlebt haben, immer fremder wird? Uwe Johnson, der Großmeister der Erinnerung, hatte einst detailversessen in seiner Tetralogie „Jahrestage“ die deutsche Geschichte in einer mecklenburgischen Kleinstadt rekonstruiert. Schulze und Tellkamp glaubten nicht mehr an die authentische, präzise Form des Erinnerns. Schulze hat daher für seinen großen Roman über das Jahr 1989 in der Provinz, 2005 unter dem Titel „Neue Leben“ erschienen, die altertümliche, an das 18. Jahrhundert erinnernde Form des Briefromans gewählt – so wird Distanz zum Erzählten aufgebaut. Uwe Tellkamps Überraschungserfolg „Der Turm“ sprengte 2008 dann alle Dimensionen: ein anspruchsvoller Roman von beinahe tausend Seiten, ein vielschichtiges Panorama, in dem sich eine tolstoihafte Masse an Figuren tummelt. Mehr als eine halbe Million Käufer fand das Buch; ihr Autor Uwe Tellkamp erhielt für seine Dresden-Saga den Deutschen Buchpreis 2008. Das eigentlich Großartige an diesem Buch ist jedoch keineswegs jene angebliche Hymne auf deutsche Bildungsbürgerlichkeit zum identitären Mitschunkeln, die Tellkamp oberflächlichen Kritikern zufolge singt. Tellkamps geniale Eingebung besteht darin, einen ästhetischen Ausweg zu finden aus dem Erinnerungsdilemma der Post-DDR: der mit wachsendem Abstand zunehmenden Unwirklichkeit der Welt vor 1989. Er versucht sich nicht in einem pseudogenauen Realismus, wie es denn wohl eigentlich gewesen sein könnte, sondern schwelgt in üppigen surrealen Szenen: das katastrophische Winterchaos in der Stadt durch Eis und Stromausfall, das sich in einen höllischen Albtraum verwandelt, die nächtliche Panzerfahrt Christian Hoffmanns durch die Elbe, Strafdienste an Hochöfen und im Braunkohletagebau, was einem Gemälde von Hieronymus Bosch zu entspringen scheint. Tellkamp macht aus der untergehenden DDR eine finster leuchtende Fantasiewelt voller großartiger Bilder: Er zeichnet eine verendende Epoche nicht einfach ab, sondern malt sie neu als expressive Traumlandschaft in Panoramaformat.

Wenn Tellkamp die bildungsbürgerliche Familiensaga der DDR phantasierte, so schrieb Eugen Ruge die ebenfalls autobiographisch grundierte Berliner Familiengeschichte der kommunistischen Intelligenz. Für seinen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ bekam er 2011 ebenfalls den Deutschen Buchpreis. Der Bogen wird gespannt vom Exil in der Sowjetunion, Lagererfahrung, später dann Funktionärsexistenz in der DDR bis hin zur aufbegehrenden Enkelgeneration kurz vor dem Untergang der DDR. Der dritte große Familienroman über mehrere Generationen schließlich widmet sich dem normalen Leben in der thüringischen Provinz: Birk Meinhardt erzählt in „Brüder und Schwestern“ rund um die Familie von Willy Werchow, Direktor der Druckerei „Aufbruch“, einer redlich bemühten Haut mit privaten Untiefen und den typischen Kämpfen innerhalb des politischen Systems. Willys drei eheliche Kinder entscheiden sich in Laufe des Romans, der ebenfalls bis 1989 reicht, für Mitmachen oder Aussteigen. Wie bei Tellkamp wird es eine Fortsetzung dieses Buches geben.

Es wäre unfair, über all diesen Familienerforschungen – der Dichter Uwe Kolbe hat es gerade noch einmal mit seinem ersten Roman „Die Lüge“ über eine entfremdete, aber doch abgründig nahe Vater-Sohn-Beziehung versucht – andere Erzählformen zu vergessen. Das Bild der DDR bekommt heute eine nuancierte Vielfalt – einen ganzen gesellschaftlichen Kosmos kann man sich in Büchern erlesen. In ihren Romanen „Das Mädchen“ (2011) und der in diesem Frühjahr erschienenen Fortsetzung „April“ schildert Angelika Klüssendorf den Werdegang eines Mädchens: eine furchtbare, verwahrloste Kindheit, die es dennoch nicht brechen kann, später dann ihr suchendes, rebellisches Leben in Leipzig Anfang der achtziger Jahre – bis zur Ausreise nach West-Berlin – ein starker Selbstfindungsroman, gegen alle Widerstände, in einem lakonisch-präzisen Realismus verfasst. Kleiner und intimer geht es in „Nilowsky“ von Torsten Schulz zu. Der vierzehnjährige Markus gewinnt in Berlin Ende der siebziger Jahre einen mysteriösen, drei Jahre älteren Freund: Nilowsky, der voller wilder Geschichten steckt. Es ist eine Welt am Rand, mit den sogenannten kleinen Leute, die fern von Haupt- und Staatsaktionen vor sich hinberlinern, Ost-Berliner Alltag der siebziger Jahre.

Mittlerweile gibt es auch große Romane, die vom verborgenen Nachleben der DDR erzählen, in jedem ihrer einstigen Bewohner. Petra Morsbachs „Dichterliebe“ (2013) kreist um die Nöte des einst gefeierten DDR-Dichters Henry, der 1994 in einem ostfriesischen Künstlerhaus ein Stipendium absitzt. Die Autorin bietet mit feinnervigem, psychologischem Gespür nicht nur eine neue Variante der Künstlerparodie. Bis in kleinste Nuancen hinein stimmig zeichnet sie ein Porträt der jammernden Ost-Intelligenzija. Zerfressen ist er vom Ekel vor jungen Performance-Künstlern und alten Kollegen, die sich in Gremien in die neue Zeit retten. Dieser Roman schildert zugleich erbarmungslos und mitfühlend von den Schwierigkeiten in der neuen Zeit – und er ist auch eine Parabel auf die irdische Lächerlichkeit künstlerischer Selbstüberhöhung. Ganz ähnlich mitfühlend und demaskierend zugleich funktioniert auch der Erfolgsroman des Shootingstars der deutschen Literatur: In ihrem Roman „Der Hals der Giraffe“ schildert Judith Schalansky, Jahrgang 1980, die ideellen Schwierigkeiten der Biologielehrerin Inge Lohmark in Vorpommern, Deutschlands armem, von Abwanderung entvölkertem Nordosten. Posthume DDR-Ideologie und bizarrer Biologismus durchziehen einen inneren Monolog dieser Frau – auch eine Reaktion auf private und gesellschaftliche Krisen.

Die DDR-Erfahrung ist in der deutschen Gegenwartsliteratur bestsellertauglich und preisgekrönt. In keinem gesellschaftlichen Bereich dürfte die Wiedervereinigung so geglückt sein wie in der Literatur. Gewiss hat dieser Erfolg auch mit einem Hauch Exotik zu tun: westdeutsche Leser trafen auf eine versunkene Traumlandschaft, vormoderner, archaisch, von existentiellen Konflikten durchzogen – so ganz anders als die bundesrepublikanische Erfahrung bis 1989 – der Westen konnte sich in den Büchern auf die Suche nach einer verlorenen Echtheit machen, die er im Osten zu finden glaubte. Wir können jedenfalls auch die kommenden 25 Jahre auf reichlich Stoff Made in East Germany gespannt sein – denn diese merkwürdige Weltgegend ist noch lange nicht auserzählt.

Alexander Cammann

Geboren 1973 in Rostock, lebt in Berlin und ist seit 2009 Redakteur
im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT

April 2014