Blick auf die deutsche Literaturszene

Was habe ich nach der Wende lernen müssen?

Jochen Schmidt © Tim Jockel
Jochen Schmidt © Tim Jockel
Jochen Schmidt
Freier Schriftsteller, Berlin

Dass man ein Steak auch „medium“ bestellen konnte.

Meine neue, fünfstellige Postleitzahl.

Das Mülltonnenfarbspektrum.

Beim Fahrradfahren einhändig einen Döner zu essen.

Beim Fernsehen ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann die Werbung zu Ende war, um genau im richtigen Moment zum Film zurückzuschalten.

Die Silvesterknaller durften nicht mehr so laut sein, Motorroller nicht mehr so schnell. War der Senf noch so scharf wie vorher? Auf jeden Fall waren die Magneten viel stärker.

Die Boxer trugen beim Boxen keine Hemden mehr.

Die S-Bahn-Türen liessen sich nicht mehr aufziehen, man mußte einen Knopf drücken, der manchmal nicht funktionierte. Kontrolleure sahen oft wie Obdachlose aus.

Currywurst konnte man auch scheibchenweise servieren. Genau wie Brot sich schon geschnitten kaufen ließ.

Im Flugzeug bekam gar nicht jeder seinen eigenen Fallschirm.

Man durfte jetzt zur Mauer „Mauer“ sagen, man durfte auch „Russe“ sagen und Friedrich der II. hiess jetzt wieder Friedrich der Grosse. Bertolt Brecht nannten sie dafür „Bert“ Brecht.

Weil die Kleingärtner Wacholder und andere Koniferen pflanzten, breitete sich der Birnengitterrost aus, und es gab keine guten Birnen mehr.

Weil alle ein eigenes Telefon bekamen, mußte man sich nicht mehr zuhause besuchen.

Vor den Theatern boten in der Pause mobile Verkäufer in großen Körben Käse-Schinken-Baguettes an.

Als Schüler durfte man sich nicht von seiner neuen, bunten Federtasche ablenken lassen. Die Lehrer brachten einem bei, wie man Falschgeld erkannte, und wie man nicht drogenabhängig wurde.

In der Zeitung standen keine Parteitagsreden mehr, sondern kleingedruckte Börsenkurse.

Bei Jeansgrößen stand W für „width“ und L für „length“.

Eine gute Pizza war immer etwas grösser als der Teller.

In Westberlin gab es gar keine Strassenbahn, dafür eine Autobahn, die mitten durch die Wohnviertel verlief.

Die Klospülung hatte jetzt zwei Tasten, eine grosse und eine kleine. Wer die große drückte, wählte wahrscheinlich auch CDU. Bei den Seifenspendern musste man manchmal am Hebel ziehen, manchmal musste man ihn drücken, manchmal musste man auch ein weiches Stück Plasterohr knicken, damit flüssige Seife raustropfte. Man wusste aber nie genau, wo die Seife rauskam, und es ging in den ersten Jahren viel daneben.

Die Kindergartenkinder trugen auf dem Spielplatz neonbunte Warnwesten. Die Mütter sahen oft wie Großmütter aus und die Großmütter wie Mütter.

Alle benutzten Metallschwämme zum Abwaschen, und man besorgte sich eine Knoblauchpresse. Außerdem gab es Pfirsiche ohne die unangenehme Pfirsichhaut, sie hießen Nektarinen. Der Tiefkühlspinat war schon in der Packung in praktische kleine Würfel zerteilt, und der Müll kam in eigene Tüten.

Unsere Eltern benutzten jetzt breite Brötchenmesser zum Aufschneiden der Brötchen, die aber nicht mehr schmeckten. Die meisten Bäcker schlossen, es gab nur noch größere Ketten, bei denen für den Brotteig angeblich Haare als Backzutat verwendet wurden.

Beim Telefonieren musste man immer öfter am Ende die Rautetaste drücken.

Mit dem Fahrrad durfte man nicht in den ersten Wagen.

An den meisten Bürgersteigen in Ostberlin tauchte das Schild „Gehwegschäden“ auf, damit niemand die Stadt verklagte, wenn er gestolpert war.

Wenn der Joghurt nach gar nichts schmeckte, musste man am Boden nachsehen, ob sich dort Früchte befanden, denn dann war es ein Joghurt zum Selberumrühren. Vanillejoghurt war jetzt gelb gefärbt, weil sich eingebürgert hatte, das für die Farbe von Vanille zu halten.

Vormittags lohnte es sich nicht, zur Tür zu gehen, wenn es klingelte, da es meistens Werbung war.

Es war wichtig, einmal im Jahr zum Zahnarzt zu gehen und sich den Besuch mit einem Stempel bestätigen zu lassen, weil die dritten Zähne sonst zu teuer würden. Aus den zweiten Zähnen wurden alle Amalgam-Füllungen entfernt.

Es war nicht leicht, mit Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen eine CD aus der Hülle zu nehmen, ohne sie zu beschädigen. Der Grund, warum CD's erfunden worden waren, nämlich, weil Schallplatten Kratzer bekamen, traf auch auf CD's zu.

Als nächstes musste man lernen, eine Flasche Wick Medinait aufzuschrauben.

Im Westen sagten sie „Oppa“ statt „Opa“, „Tschüühüüss“ statt „Tschüss“ und „Balkohn“ statt „Balkong“. Sie sagten „mit Sprudel“ statt „mit Kohlensäure“, und sie bestellten „ein Wasser“ statt „Wasser“. Überhaupt tranken sie ständig Wasser. Sie schmierten sich auch „ein Brot“ statt „eine Stulle“. „Willst du noch ein Brot?“ Das hieß dann: „Willst du noch eine Stulle?“ Ein Brot konnte man ja gar nicht alleine schaffen.

Neue Bücher wurden in Plastefolie eingeschweißt, damit man im Laden nicht reinsehen konnte und der Inhalt einen eventuell vom Kauf abhielt.

Nagel-Clipper waren besser als Nagelscheren, man konnte damit mit links auch die Finger der rechten Hand schneiden.

Weil die Kneipen so lange auf hatten, tranken und rauchten alle so lange, bis sie zu müde waren, mit in die Wohnung des anderen zu gehen, um dort Sex zu haben.

An alle öffentlichen Gebäude wurden jetzt außen Feuertreppen angebaut. Wenn das nicht ging, wurden die Gebäude abgerissen und durch Neubauten mit glatter, anthrazitgrauer Fassade ersetzt.

Bei den Comics im Westen waren die Sprechblasen rund und nicht eckig.

Weil man jetzt mit dem Auto einkaufen fuhr und seinen Korb bis zum Parkplatz schieben durfte, wurden die Körbe in der Kaufhalle mit Geld gesichert.

Für Westgeld bekam man nicht nur Schallplatten, Aufkleber und Luftschokolade, sondern man benutzte es auch, um Milch, Butter und Zwiebeln zu kaufen, dabei hätte man dafür ja auch weiterhin Ostgeld verwenden können.

Die Taste für „Bananen“ war immer oben links.
Teurere Produkte waren manchmal gar nicht besser als billige, der Preis war kein ausreichendes Kriterium für die Qualität.

Die Kinositze hatten jetzt Getränkehalter. Vielleicht weil vor jedem Film stundenlang Werbung lief und man sonst verdurstet wäre.

Die „Barmer“ hatte nichts mit „Erbarmen“ zu tun.

In den Kneipen gab es jetzt Weizenbier und man musste lernen, wie man mit Salz und einer Zitronenscheibe in der richtigen Reihenfolge Tequila trank. Die Hierarchie der Whiskysorten musste man auch kennen, aber die wirklich guten waren die, die man weder aussprechen noch bezahlen konnte.

Die Zahnpastatuben waren jetzt mit einem kleinen Stück Silberfolie verschlossen, das man im Bad aus Faulheit immer in die Hosentasche steckte.

Die Marder interessierten sich plötzlich für die Kabel der Autos und knabberten sie an, dagegen half ein Säckchen mit Knoblauch.

Die Berliner Dimitroffstraße, die früher Danziger Straße geheißen hatte, hieß jetzt wieder Danziger Straße und früher Dimitroffstraße.

Ein Zippo-Feuerzeug konnte man mit einer Hand öffnen.

Manche Telefone funktionierten nur noch mit einer Telefonkarte, die man auf vier verschiedene Arten in den Schlitz schieben konnte, manchmal sogar auf noch mehr Arten, obwohl das eigentlich ja unlogisch scheint.

Die Taschenrechner hatten jetzt weiche Tasten.

Das Laub der Bäume wurde nicht mehr zusammengefegt, sondern mit einem Spezialgerät auf die Straße oder vor das Nachbarhaus geblasen. Unkraut auf dem Bürgersteig wurde von städtischem Personal mit einer Stichflamme beseitigt.

Sonnabends hatte man keine Schule mehr. Das traf sich gut, denn es gab jetzt Sender, auf denen rund um die Uhr Kinderprogramm lief.

Die Westler sagten beim Bäcker nicht „Fünf Schrippen, bitte“, sondern: „Ich bekomme fünf Brötchen.“ Die Bäcker zogen durchsichtige Gummihandschuhe an, um einem ein Brot zu reichen. An vielen Backwaren klebten jetzt lästige Körner.

Rohen Fisch konnte man essen, das nannte sich „Sushi“, und wenn man es oft aß, wurde man mit etwas Glück so alt wie die Japaner.

Druckerpatronen konnte man selbst nachfüllen, denn sie waren teurer als der Drucker.

Bei Uni-Vorlesungen bestand keine Anwesenheitspflicht. Die Tafel wischten nicht mehr die Studenten ab, sondern der Professor, oder es wurde nachts von einer Putzfrau erledigt.

Zum Tippen von Texten brauchte man im Prinzip nur den Daumen.

Bei den Autos stellten sich die Blinker jetzt nach der Kurve von selber aus. Man musste im Leerlauf nicht mehr Gas geben, damit der Motor nicht absoff. Seine Zündkerzen wechselte man nicht mehr selbst.

Viele Rentner erkrankten an der Schaufensterkrankheit.

Die Müllplätze in den Neubaugebieten wurden jetzt abgeschlossen, nicht, damit niemand den Müll klaute, sondern damit niemand Müll dazulegte.

Man konnte nicht mehr durch die Hinterhöfe stromern, weil überall Zäune gebaut wurden.

Statt wie bisher in Packen eindrucksvoll vom Mähdrescher auf den nebenher fahrenden Laster gespuckt zu werden, wurde das Stroh auf den Feldern jetzt zu großen, runden Ballen gerollt, um die eine Plastefolie kam.

Gollum war früher ein Hobbit gewesen.

Jochen Schmidt

1970 geboren, ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin.
Er ist Mitbegründer der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“
und Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft.

Zuletzt erschienen:
2013 sein Roman „Schneckenmühle“ über den letzten Ferienlagersommer 1989 in der DDR,
2014 gemeinsam mit David Wagner „Drüben und Drüben“ über zwei deutsche Kindheiten in Ost und West.

Herbst 2014