Blick auf die deutsche Literaturszene

Aus sich herausgehen – Warum es ein Glück ist, dass die deutsche Literatursprache nie allein zu Haus war

Lothar Müller © Rolf Walter
Lothar Müller © Rolf Walter
Lothar Müller
Redakteur SZ, Berlin
Den Namen der kleinen Stadt, die der Roman „Zeiden, im Januar“ im Titel führt, kennt kaum jemand. Sie liegt in Rumänien, heißt dort Codlea, und auf Ungarisch Feketehalom. Wer den Roman liest, der weiß am Ende, dass um die Stadt herum viel Wald ist, dass sie am Fuß eines Berges liegt und dass in dem Landstrich, in dem die kleine Stadt liegt, mal das Ungarische, mal das Rumänische, mal das Deutsche die Sprache derer war, die das Sagen hatten. Auch kann bei der Lektüre der Verdacht entstehen, dass in der fernen, kleinen Welt, von der hier erzählt wird, die Sagen über die Sprachgrenzen hinweg ineinander übergehen: „Am Hof Etzels im Hunnenland öffnen die belagerten Burgunder die Wunden ihrer gefallenen Waffenbrüder und stillen Hunger und Durst mit deren Blut. Vielleicht ist das Nibelungenlied der Ursprung des Vampirismus in Ungarn.“

Der Roman „Zeiden, im Januar“ gehört zu den Überraschungen in diesem Bücherfrühling 2015. Er ist, so will es die Hohlform der Anekdote vom unverlangt eingesandten Manuskript, aus dem Nichts aufgetaucht. Das Manuskript geriet im Verlag in die Hände eines Lektors, dessen Augen bei fortschreitender Lektüre immer erstaunter dreinblickten, erschien schließlich als Debütroman einer gänzlich unbekannten Autorin und fand bei der Kritik eine Aufmerksamkeit, die ihn auf die Kandidatenliste für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik führte. Ursula Ackrill, die 1974 in Kronstadt in Siebenbürgen geboren wurde, in Bukarest Germanistik und Theologie studierte und 2003 an der University of Leicester in England mit einer Arbeit über Christa Wolf promovierte, hat den Preis dann doch nicht gewonnen. Aber die von fiktiven und von Doppelgängern realhistorischer Figuren bevölkerte Kleinstadt Zeiden ist nun auf der literarischen Landkarte der deutschen Literatur verzeichnet, mit einer auf drei Tage verdichteten Chronik aus dem Januar 1941, in der immer wieder Falltüren in nähere und fernere Vergangenheiten führen, in der faschistische Legionäre der Eisernen Garde in Bukarest tödliche Jagd auf Juden machen, eifrige Volksgenossen in Siebenbürgen junge Männer für die SS rekrutieren, die Mehrheit der Zeidener darauf spekuliert, dass das Bündnis zwischen dem rumänischen Diktator Antonescu und dem nationalsozialistischen Deutschland ihnen, den festgefügten, in sich abgeschlossenen deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen, eine historische Chance bietet und nur wenige davor warnen, aus Opportunismus die Verfolgung einer anderen Minderheit, der Juden, billigend in Kauf zu nehmen.

Die deutsche Sprache ist in diesem Buch nicht nur das Medium, in dem erzählt wird, sie ist zugleich eine der Schlüsselfiguren im Roman selbst. Das Österreichische, das manche Rumänen des Romanpersonals in Wien gelernt haben, ist in dieser Kunstsprache ebenso gegenwärtig wie das Sprachklima der Siebenbürger Sachsen, und das Befremden, das manche Rezensionen gegenüber der Sprache des Romans erkennen ließen, wurde offenkundig durch die Distanz herausgefordert, in der der aus diesen Sprachquellen hervorgehende Stil in Wortschatz wie Rhythmus zum vertrauten, lakonischen, an angelsächsischen Vorbildern orientierten Ideal deutschsprachiger Gegenwartsliteratur steht.

Es ist so ungewiss wie unerheblich, ob Ursula Ackrill, die als Bibliothekarin in Nottingham lebt, einen deutschen Pass hat oder nicht. Der Raum, in den sie durch ihr Romandebüt eingetreten ist, ist – so oder so – die deutsche Gegenwartsliteratur. Die Zugehörigkeit deutsch schreibender Autoren zu einem Nationalstaat geht in diesem Raum nicht verloren, aber sie wird relativiert durch den Umstand, dass der deutschsprachige Literaturmarkt Bücher, Autoren und Verlage aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammenschließt. Der Schweizer Lukas Bärfuss, der für „Koala“ den Schweizer Literaturpreis 2014 erhalten hat, war mit demselben Buch für den Deutschen Buchpreis 2014 nominiert, dessen erster Preisträger vor zehn Jahren der Österreicher Arno Geiger war. Beide aber publizieren in Verlagen, die ihren Sitz in der Bundesrepublik Deutschland haben.

Die Verflechtungen im Literaturmarkt haben weit hinabreichende historische Wurzeln. Denn für die deutsche Literatursprache gilt nicht nur, dass ihre große Blütezeit in der klassisch-romantischen Epoche dem Nationalstaat vorausging. Sie erreichte diese Blüte überhaupt nur, weil sie nie mit sich selbst allein, sondern vom literarischen Import nachhaltig geprägt war, weil sie im 18. Jahrhundert Formmodelle aus England und Frankreich, aber auch Italien in sich aufnahm und gelegentlich ihren Ehrgeiz daran setzte, mit antikem, altgriechischen Akzent zu sprechen. Dass sie dabei zugleich den Impuls entfaltete, den sie durch Luthers Bibelübersetzung erhalten hatte und zudem daran ging, die Kanzleisprache und die Diktion des Rechts geschmeidig zu machen, tat der Energie keinen Abbruch, mit der die deutsche Literatursprache im Medium der Übersetzung zu sich selber fand. Ihr Aufschwung und die innere Vielfalt dieses Aufschwungs wurden dadurch begünstigt, dass er in relativer Distanz zum Staat stattfand, dass es in Deutschland keine feste, dominante Hauptstadt gab. Die Epoche aber, in der die klassisch-romantische deutsche Literatursprache heranwuchs, war von Kriegen, dem Aufschwung des Transportwesens und der Entfaltung von Handelsbeziehungen geprägt. So war die deutsche Literatursprache schon in ihrem Entstehungsprozess von dem geprägt, was heute mit Blick auf individuelle Autoren „Migrationshintergrund“ heißt. Der Naturforscher und Weltreisende Adelbert von Chamisso, Namensgeber des Literaturpreises, der 1985 zur Auszeichnung deutsch schreibender Autoren nicht-deutscher Muttersprache gegründet wurde und inzwischen an Autoren vergeben wird, „deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist“, steht für die Einwanderung in die deutsche Literatursprache, das Komplementärphänomen zur Entfaltung des Deutschen durch das Hinausgehen aus sich selbst im Übersetzen.

Aus dem Unbehagen an Begriffen wie „Gastarbeiterliteratur” ist der Chamisso-Preis entstanden. Seine Entwicklung verdankt er entscheidend dem Umbruch von 1989/90, dem Fall der Mauer, dem Zerfall der Sowjetunion, dem Wiederhervortreten der physischen und kulturellen Landkarten unter den monochromen politischen Atlanten der Nach-Jalta-Welt. Der Umstand, dass Terézia Mora, die in Ungarn geboren wurde, zweisprachig aufwuchs und viel aus dem Ungarischen übersetzt hat, mit ihrem Roman “Das Ungeheuer” den Deutschen Buchpreis 2013 gewann und im Frühjahr 2014 Saša Stanišić mit “Vor dem Fest” und Katja Petrowskaja mit “Vielleicht Esther” für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert waren, den dann schließlich Stanišić davontrug, ist für die deutsche Gegenwartsliteratur im frühen 21. Jahrhundert charakteristisch. Der Chamisso-Preis entlässt seine Kinder, sie bekommen nun alle möglichen Preise, auf ihn allein ist der Autorentyp, für den er erfunden wurde, nicht mehr angewiesen. Saša Stanišić, 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren, hat 2006 in seinem Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ eine Herkunftsgeschichte erzählt. Und Katja Petrowskaja hat in „Vielleicht Esther“ statt eines übersichtlichen Drei-Generationen-Familienromans eine netzgestützte Recherche unternommen, bei der erst im Erforschen ihrer ukrainischen Herkunftsfamilie nach und nach klar wird, wer überhaupt dazu gehört. Es gibt aber kein ästhetisches Gesetz, das Autoren, die ihre Herkunftswelt verlassen haben, darauf verpflichtet, immer wieder von dieser Herkunftswelt und vom Verlassen der Herkunftswelt zu erzählen. Es gehört zum Charme des Romans “Vor dem Fest” von Saša Stanišić, dass die Erzählerstimme sich wie ein Bauchredner aus dem “Wir” einer Dorfgemeinschaft in der brandenburgischen Provinz, in der Uckermark heraus spricht, der humoristische Roman über das Dorf mit den zwei Seen und seine Geschichte aber zugleich unter der Hand die Perspektive des Fremden, des Zugereisten in sich aufnimmt. Dass dem Autor vorgeworfen wurde, sich mit der Hinwendung zur deutschen Provinz der deutschen Mehrheitsgesellschaft angepasst und der eigenen Herkunft untreu geworden zu sein, tat dem Charme des Romans keinen Abbruch. Seinem Spiel mit der Form des Dorfromans lag zugrunde, was es in alten Dorfgeschichten, sei es in Deutschland oder Bosnien nicht gab: die Entkoppelung von Herkunft und Zukunft. Sie ist, wie das Übersetzen, das Hinausgehen aus der angestammten Sprachwelt, eine sprachschöpferische Kraft.

Lothar Müller

(geb. 1954) ist Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Berlin.
Nach einer Dozentur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin arbeitete er als Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Den Alfred-Kerr-Preis erhielt Müller im Jahr 2000, im Jahr 2008 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, 2013 den Berliner Preis für Literaturkritik.

Frühjahr 2015