Blick auf die deutsche Literaturszene

Geister der Vergangenheit, Vorschein der Zukunft:
Zur deutschsprachigen Literatur 2015

Richard Kämmerlings © Martin U. K. Lengemann
Richard Kämmerlings © Martin U. K. Lengemann
Richard Kämmerlings
Literaturchef der WELT
Im August 2015 kehrte völlig überraschend ein alter Hit der Band Die Ärzte an die Spitze der Charts zurück: „Schrei nach Liebe“ war erstmals 1993 erschienen, ein Anti-Nazi-Punksong als Reaktion auf die ausländerfeindlichen Ausschreitungen und Anschläge in den frühen Neunzigerjahren. Ortsnamen wie Hoyerswerda, Mölln, Solingen oder Rostock-Lichtenhagen stehen bis heute für ein dunkles Kapitel der Nachwendezeit; neue Namen sind beschämenderweise in jüngster Zeit hinzugekommen. Die Gespenster der Vergangenheit schienen in diesem Sommer zurückzukehren, mit Brandanschlägen und Aufmärschen gegen Asylbewerberheime und gegen Bürger und Politiker, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Deutschland (und auch Österreich) zeigte in diesem Sommer ein Janusgesicht: Eine großherzige Willkommenskultur an vielen Orten, an anderen Fremdenhass und Nazisprüche, nicht nur im Osten.

Wir erinnern uns an das berühmte Wort von Kafka, dass Schriftsteller wie vorgehende Uhren seien. Tatsächlich gilt allzu oft das Umgekehrte, schon allein deswegen, weil das Schreiben eines Romans Jahre dauert. Dennoch ist die Literatur bereits Resonanzraum für die aktuelle Zeitenwende, weil eben manche Entwicklungen gar nicht so überraschend und neu sind.
In Henning Ahrens’ Roman „Glantz und Gloria“ kehrt der Erzähler in seinen Geburtsort Glantz in einer deutschen Mittelgebirgslandschaft namens Düster zurück und wird dort Zeuge und später auch Opfer des geballten Volkszorns gegen „Zugewanderte“, was in dieser Kleingeisterwelt schon die Leute auch aus dem Nachbardorf meint. Gesteuert von schnöden materiellen Interessen marschiert des Nachts eine deutschtümelnde Zombiearmee auf, feiert germanisch-schwarze Messen und skandiert im Chor: „Im Blick den Ahn, / im Hirn den Plan: / Weltuntertan. / Die Heimat uns! / Hurra, hurra – / Präteritum ist wieder da!“ Henning Ahrens erzählt von deutscher Provinz in einer rasanten Gothic Novel, mit einem ironischen Zitatenspiel, das hochaktuell ein Stück Wirklichkeit des Jahres 2015 beschreibt.
Als direkte Reaktion auf die Massenflucht wurde Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ wahrgenommen. Die 1967 in Ost-Berlin geborene Autorin schickt darin einen emeritierten Professor auf ein privates Forschungsprojekt. Er befragt hungerstreikende Flüchtlinge in Berlin nach ihrer Geschichte und ihren Problemen und wird immer mehr vom Beobachter zum tatkräftig Handelnden. So erfreulich es ist, dass hier ein politischer Stoff aufgegriffen wird, so sehr sieht man daran auch die Crux einer Literatur zur Nachrichtenlage. Denn was während der Entstehung des Romans noch ein Randthema in den Medien war, ist nun allgegenwärtig – jeden Tag ist von Flüchtlingsschicksalen und Integrationsproblemen auf allen Kanälen zu hören und zu lesen. Dafür kann Jenny Erpenbeck nichts. Doch während ihr Roman bereits von den Ereignissen überholt erscheint, ist Henning Ahrens’ viel artifizielleres Werk weiterhin von bedrängender Aktualität.

Die Frage, wie sich der zeitgenössische Roman zur Gegenwart verhält, treibt auch andere Erzähler um: Der Grazer Clemens J. Setz etwa schickt in „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ seine Erzählerin Natalie, eine junge Sonderpädagogin, in eine Hölle von Stalking, Überwachung und Manipulation und führt dabei zugleich virtuos und genialisch wie immer vor, dass das zeitgenössische Bewusstsein nicht mehr zwischen realen und virtuellen Welten unterscheidet – und das Erzählen schon einmal gar nicht. Ulrich Peltzer versucht in „Das bessere Leben“ anhand von zwei Hauptfiguren die globalen Finanzströme in den Blick zu bekommen, und die seltsame Diskrepanz zwischen der Zufälligkeit individueller Biografie und den vermeintlich schicksalhaften Notwendigkeiten ökonomischer, technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen zu fassen. Peltzers Helden spüren immer noch den Stachel, den die linken Utopien einst ins Fleisch des Gesellschaftskörpers setzten.
Ulrich Peltzer wurde 1956 in Krefeld geboren. Frank Witzel (1955, Wiesbaden) gehört derselben Generation der Post-68er an, die in der Zeit der Revolte erwachsen wurden. Witzel gewann sehr überraschend den Deutschen Buchpreis mit seinem voluminösen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ (die meisten Beobachter hatten Erpenbeck oder Peltzer als Favoriten angesehen). Er erzählt auf vertrackte und ambitionierte Weise vom Erwachsenwerden in der alten Bundesrepublik, das umstellt ist von ihren Dämonen, den Terroristen der RAF etwa oder den sie jagenden Staatsorganen. Quellen der Weisheit bieten hier gleichermaßen die Popmusik und der katholische Katechismus; immer wieder wird der Erzähler in Gesprächssituationen verwickelt, die zwischen Verhör, Beichte und Therapiesitzung changieren. Der ganze Roman, formal überdeutlich angelehnt an die programmatischen Formexperimente von James Joyce „Ulysses“, ist die Bearbeitung tiefster seelischer Verletzungen: Schreiben als Traumatherapie.

Doch es gibt noch andere Wunden, die immer wieder aufbrechen. Eines der meistdiskutierten Bücher der Saison war Ralf Rothmanns Weltkriegsroman „Im Frühling sterben“, der noch einmal die bekannte Geschichte der blutjungen Wehrmachtssoldaten in den letzten Kriegsmonaten erzählt. Der kaum volljährige Walter meldet sich freiwillig zur Waffen-SS und wird schließlich in einer Versorgungseinheit in Ungarn eingesetzt. Zum Kämpfen kommt er nicht, dafür muss er aber einem Erschießungskommando beitreten, das einen Deserteur hinrichten soll: seinen besten Freund aus Friedenszeiten.
Rothmann will sich mit der Geschichte seinem früh verstorbenen Vater annähern, über dessen Kriegserlebnisse wie in so vielen Familien der Mantel des Schweigens hing. Es ist eine biografische Fantasie, eine Mutmaßung, die Rothmann präsentiert, um zu erklären, was der Vater dem Sohn an seelischem Gepäck auf quasi epigenetischem Wege weitergab. „Und was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der?“, fragt Walter seinen Freund, kurz vor dessen Tod: „Woher soll denn ich das wissen, Häuptling? Wahrscheinlich eine große Traurigkeit...“ Rothmann, der große Melancholiker unter den Gegenwartsautoren, liefert so eine romanhafte Erklärung für die eigene Disposition. Am Ende läuft in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dann doch alles auf die Nazis zu.
Eine raffinierte und kluge Weise der Annäherung an Zeitgeschichte bietet Matthias Nawrat, der 1979 in Polen geboren wurde und als Zehnjähriger nach Deutschland ausreiste. In „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ wird die polnische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts – von der Niederlage 1939 über die deutsche Besatzungszeit, der nachfolgenden „Westverschiebung“ und die wechselvolle Geschichte der Volksrepublik bis in die Ära Jaruzelski – als kollektiver Mythos berichtet, als Sammlung mündlich tradierter Anekdoten und pointenreicher Helden- und Heiligengeschichten. Aus der Diskrepanz von historischem Schulbuchwissen und euphemistischem Ton – etwa eines Berichts über Auschwitz – entsteht ein verstörender Verfremdungseffekt.

Es ist sicher kein Zufall, dass Nawrat durch seine Verwurzelung in zwei nationalen Erinnerungskulturen über ein besonderes Sensorium für die Klischee-Fallen historischen Erzählens verfügt. Wie schon in den vergangenen Jahren erfährt die deutschsprachige Gegenwartsliteratur durch Autoren mit „Migrationshintergrund“ einen unerhörten Schub an Vitalität und formaler wie inhaltlicher Vielfalt.
Kat Kaufmann, 1981 in St. Petersburg geboren, wurde für ihren Debütroman „Superposition“ mit dem Aspekte-Preis ausgezeichnet. Der Phantomschmerz einer amputierten Herkunftswelt ist hier überall zu spüren; um so wichtiger das Festhalten an kleinsten Souvenirs, an scheinbar belanglosen Erinnerungen an das verlorene Land der Kindheit, das eben nicht einfach weit entfernt ist, sondern auch als Staat nicht mehr existiert – so wie heute das Syrien vor dem Bürgerkrieg. Weniger roh und popliteraturhaft, aber auch mit von Melancholie durchtränktem Witz erzählt die in der Schweiz lebende Rumänin Dana Grigorcea vom Bukarest vor und nach der Wende. Immer wieder tun sich in den Beobachtungen einer Rückkehrerin Falltüren der Erinnerung auf.
Wer die Flüchtlingsthematik in der Gegenwartsliteratur finden will, der darf nicht an der falschen Stelle suchen. Tatsächlich sind es die meist aus Osteuropa oder vom Balkan stammenden Autorinnen und Autoren, die den schmerzhaften Verlust einer Heimat, den Alltag in der Fremde und die, vielleicht, hoffentlich, glückende Ankunft in einer neuen Kultur und Sprache schildern. Man kann ahnen, welch ein langer, mühsamer Weg vielen Menschen erst noch bevorsteht. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Und seine Literatur schon längst eine Einwanderungsliteratur.

Richard Kämmerlings

Literaturchef der WELT und der WELT AM SONNTAG
Leiter der Literarischen Welt

Geboren 1969 in Krefeld, Studium in Köln und Tübingen, 2000 bis 2010 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 2010 Leitender Redakteur im Feuilleton der WELT

Veröffentlichung:
„Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ´89“, Klett-Cotta, 2011

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