Blick auf die deutsche Literaturszene

Grenzen und Geschichten

György Dragomán © György Dragomán
György Dragomán © György Dragomán
György Dragomán
Schriftsteller
Im Zug sitzend schreibe ich diese Zeilen, bald passieren wir die ungarisch-österreichische Grenze. Ich bringe mein Buch nach Salzburg, dort werde ich aus der deutschen Ausgabe von Scheiterhaufen lesen. Man könnte auch sagen, mein Buch trägt mich, wie in den vergangenen Jahren so oft, wieder über die Grenze, um sich zusammen mit mir den Lesern zu präsentieren.
Der Roman spielt in Siebenbürgen, er beschreibt sehr persönlich und plastisch das erste stürmische Jahr nach dem Fall der kommunistischen Diktatur aus einer Innenperspektive. Menschen, die das selbst miterlebt haben oder beteiligt gewesen waren und das als ihre eigene persönliche Geschichte empfinden, fragen mich oft, was jemand, der das nicht selbst miterlebt hat, von diesem Buch verstehen kann. Was die Deutschen davon verstehen.

Eigentlich ist das eine verzweifelte und etwas naive Frage, denn unausgesprochen schwingt darin mit, dass jeder in seiner eigenen Geschichte gefangen und diese Geschichte in Wirklichkeit unerzählbar sei, dass unsere persönlichen Grenzen in Wahrheit undurchlässige Mauern seien, die zu durchdringen unmöglich wäre, in keiner Weise könnten wir einander verstehen.

Da fallen mir immer die Momente der Lesungen ein, in denen es nichts ausmacht, dass ich die ursprünglich auf Ungarisch geschriebenen Sätze auf Deutsch höre, denn davon unbeschadet haben sie die Melodie des Originals, die dreizehnjährige Emma steigt auf Deutsch wie auf Ungarisch mit genau dem gleichen Mut in den Holzschuppen ihrer Großmutter, in dem sich schreckliche Geheimnisse verbergen, von der gleichen Wildheit getrieben, richtet sie den Kopf hoch, als ihre Klassenkameraden auf sie losgehen, mit derselben selbstzerstörerischen, unsinnigen Eitelkeit stürzt sie sich im Strandbad vom Sprungturm. Es macht nichts, dass das deutschsprachige Buch eine Übersetzung ist, es ist identisch mit dem ungarischsprachigen Buch, soweit das überhaupt möglich ist.

Ich denke an die betroffen zuhörenden deutschen Leser, an dieses befreiende Gefühl, als ich zum ersten Mal hinter den Worten einer anderen Sprache den Rhythmus meiner eigenen rastlosen Sätze pulsieren hörte, und ich antworte, dass ich den Eindruck habe, sie verstehen alles. Manchmal füge ich auch hinzu, bestimmt wäre es gut, wenn sie es nicht verstehen würden, wenn die Welt so wäre, dass für einen Teil der Menschheit Geschichten, die zum Beispiel von Ausgeliefertsein und von Unterdrückung handeln, vollkommen unverständlich wären, denn das würde bedeuten, dass dies keine allgemein menschlichen Erfahrungen sind. Dem ist nicht so, sicher, und die Literatur und deren verständiges Lesen sind der beste Beweis dafür, dass wir, einer verständnisvollen Empathie fähig und kultureller, geschichtlicher oder traditioneller Unterschiede ungeachtet, in der Lage sind, unsere Geschichten gegenseitig zu verstehen, ja uns zutiefst in sie hineinzuversetzen und sie uns damit zu eigen zu machen.

Der Zug kommt an der Grenze an, ohne zu halten, völlig unspektakulär rollt er hinüber, als sei die Grenze gar nicht vorhanden, die meisten registrieren nur anhand eines Pieptons an ihren Handys und am Wechsel ihres Netzanbieters, dass sie sich in einem neuen Land befinden, hier und jetzt weist nichts darauf hin, an wie vielen europäischen Grenzen zur Zeit wieder Zäune errichtet werden. Wie bei jedem Grenzübertritt, fallen mir auch jetzt die großen Grenzübertritte meines Lebens ein, jener, als wir im September 1988 die rumänische Grenze endgültig passieren mussten, und auch der, als ich beim Umzug in das in direkter Nähe zu Österreich liegende Szombathely zum ersten Mal den damals noch bestehenden eisernen Vorhang überschreiten durfte, ebenfalls 1988, kurz vor Weihnachten.

In dieser Hälfte Europas hat jeder seine Geschichten von Grenzen und von Grenzübertritten, jeden bringen das Warten und die Ungewissheit dazu, ein wenig Bilanz zu ziehen, sein Leben und sich selbst von außen zu betrachten, ob man will oder nicht, es wird einem bewusst, dass man Akteur seiner eigenen Geschichte ist, und auch, dass man dabei Teil einer größeren Geschichte ist.

An der Grenze sind wir alle gezwungen, der Geschichte an sich gegenüberzutreten, so dass für einen winzigen Moment auch unsere eigene Geschichte Teil dieses großen Prozesses wird, plötzlich kommen das Unpersönliche und das Persönliche einander sehr nahe. Darum ist es so, dass das Erleben eines Grenzübertritts uns selbst dann verändert, wenn da kein Zaun, kein Fluss und auch keine Linie auf dem Boden ist, denn allein dadurch, dass wir wissen, wir gehen von hier nach da, treten wir ein bisschen aus uns selbst heraus, und diese Erfahrung wird unvermeidlich auch uns selbst verändern. Mit dem Überschreiten der Grenze wissen wir ein bisschen genauer, wer wir sind.

Mir fällt ein, was für ein Gefühl es war, diese Grenze zum ersten Mal zu überqueren, aus dem Auto zu steigen, zum Himmel zu blicken, es fühlte sich an, als stünde ich in der Mitte eines Strudels, es war berauschend, schwindelerregend und auch beängstigend. Ich hatte damals das Gefühl, als hätte ich eine unsichtbare Mauer durchdrungen, dieses Gefühl brannte sich derart in alle meine Sinne ein, dass ich es immer noch in mir heraufbeschwören kann, beim Schreiben habe ich manchmal das Gefühl, wieder dort zu stehen, am Rand der Asphaltstraße, die genauso grau und staubig ist wie jede andere Asphaltstraße, aber in meinen Augen strahlt sie dennoch so, wie wenn nach einem Gewitter plötzlich die Sonne scheint und selbst aus dem tiefsten Grau ein perlmuttartiges Schimmern hervorlockt. Wenn ich schreibe, bin ich auf der Suche nach diesem Gefühl, ich will erneut die kathartisch seltenen Momente der Freiheit erleben und so getreu wie möglich beschreiben.

Das Schreiben handelt von genau diesem Überschreiten von Grenzen. Wenn wir schreiben, passiert mit uns genau dies, mehrfach und auf mehreren Ebenen: wenn wir schreiben übertreten wir die eigenen intimen Grenzen und zugleich die durch unsere Gemeinschaft und unsere Geschichte gesetzten Grenzen. Mit Hilfe des Schreibens können wir unsere Geschichten nicht nur über räumliche und zeitliche Grenzen schmuggeln, sondern auch über sprachliche, und wir schmuggeln in Wirklichkeit nicht nur unsere Geschichten, sondern auch uns selbst. Wird ein Buch geschrieben und übersetzt und gelesen, wird es zugleich aus jener Literatur, Tradition und Geschichte gerissen, deren Teil es bei seiner Entstehung gewesen war, in der es rezipierenden Gemeinschaft gerät es in einen völlig anders gearteten Kontext, dadurch aber verändert sich sein Sinn noch nicht, denn selbst wenn es ein bisschen anders gelesen wird, bleiben wir selbst doch in gleicher Weise darin.

Als Kind hatte ich gelernt, wie die Bücher und die streng abgeriegelten Grenzen sich feindlich gegenüberstehen, das Buch war eine der gesuchtesten Schmuggelwaren, die Grenzer fahndeten bei jedem nach Büchern und Medikamenten, und wenn sie welche fanden, beschlagnahmten sie auch beides. Die Macht hatte Angst vor Büchern, sie hatte Angst vor ihnen, denn sie wusste, dass die Geschichten auch ihre Leser verändern. Indem wir ein Buch öffnen, werden auch wir Teil einer anderen Geschichte, und ein bisschen beginnen wir, unsere eigenen Grenzen einzureißen. Wenn wir lesen, müssen wir dieselben Grenzen übertreten wie auch ihr Schreiber, und das Schmerzlichste und Erhebendste daran ist genau dies, dass wir, unabhängig davon, dass wir aus der anderen Richtung kommen, auf der anderen Seite der Grenze dennoch uns selbst begegnen werden.

György Dragomán

György Dragomán, 1973 in Marosvásárhely (Târgu-Mureş) / Siebenbürgen geboren,
übersiedelte 1988 mit seiner Familie nach Ungarn. 2002 erschien sein preisgekrönter erster Roman, A pusztítas könyve (Das Buch der Zerstörung). Er hat über Beckett promoviert, übersetzt aus dem Englischen und arbeitet als Webdesigner. Der weiße König (2005; dt. 2008) ist in dreißig Ländern erschienen. Sein Roman Der Scheiterhaufen, 2014 beim Magvetö Verlag, im Herbst 2015 auf Deutsch beim Suhrkamp Verlag erschienen, wurde im deutschen Feuilleton begeistert gefeiert und erreichte den ersten Platz der SWR-und ORF-Bestenliste. Der Erfolg führte ihn auf zahlreiche Lesereisen nach Deutschland und Österreich. Dragomán lebt in Budapest.

Budapest, im März 2016


(Aus dem Ungarischen von Agnes Relle)