Blick auf die deutsche Literaturszene

„Bücher, über die man spricht“

Berthold Franke © Berthold Franke
Berthold Franke © Berthold Franke
Berthold Franke, Juror Deutscher Buchpreis
Neben zweifellos anstrengenden Seiten bietet die Teilnahme an einer Literaturjury auch angenehme Aspekte: Lesen, extensive Lektüre dürfen in einer Art Ausnahmezustand für eine Weile zum Hauptberuf gemacht werden. Als Juror des Deutschen Buchpreises hat man es dann aber mit einer interessanten Verschiebung der Perspektive zu tun. Welt und Wirklichkeit werden plötzlich gewissermaßen durch die Brille aktueller deutschsprachiger Prosa wahrgenommen, ein durchaus spannendes Projekt. Denn was man auf diese Weise zu sehen bekommt, ist eine Wirklichkeit zweiter Instanz, eben eine literarisch vermittelte, die zum einen metaphorische Distanz zum Konkreten und zum anderen einen ganz speziellen Zugriff auf die Realität durch die künstlerisch-erzählerische Verdichtung ermöglicht. Buchfreunde wissen das: Man ist immer zugleich näher dran und weiter weg; Literatur erzeugt, mit einem Wort von Adorno, das Phänomen der „fernen Nähe“.

Dieses Paradox erleben wir bei Büchern wie „Hool“ von Phillip Winkler oder in Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“, wo extreme oder ferne Lebenswelten beschrieben werden, in denen am Ende aber ganz elementare, universale menschliche Konstellationen aufscheinen. Oder, umgekehrt, in Gerhard Falkners „Apollokalypse“, einem Buch, das Generationen- und Stadterfahrungen als Konstruktionselemente biographisch-literarischer Identität lesbar macht. Die literarische Kunst der Verbindung von äußerer, sozialer und innerer, subjektiver Welt hat Bodo Kirchhoff, der frisch gekürte Gewinner des Deutschen Buchpreises, besonders weit getrieben. Sein kurzer, eigentlich als Novelle titulierter Roman führt die leise, aber zugleich radikale Liebesgeschichte zweier nicht mehr junger Menschen in die europäische Wirklichkeit des Sommers 2015, damit, wenn man so will, in eine Konfrontation mit der Globalisierung, die Europa in Gestalt der neuen Migrationsbewegungen erlebt. Dass dies ganz ohne einen Moment des Abrutschens in den Kitsch gelingt, hat mit der Konzentration des Textes und der sprachlichen Feinheit des Autors zu tun. Kirchhoff spricht Klartext, ohne dass in diesem großartigen Buch das Wort „Flüchtlinge“ überhaupt fiele. So aktuell und tief zugleich wahrzunehmen ist das Privileg des literarischen Blicks auf die Welt.

Wenn es einen Trend in der aktuellen deutschsprachigen Literatur gibt, womöglich in der aktuellen Literatur überhaupt, dann ist es der zum biographischen Schreiben. Eine große Zahl der seit einiger Zeit die Produktion und Bestsellerlisten dominierenden Bücher hat ihren zentralen Impuls im literarischen Memoir. Dem Welterfolg des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård entsprechen in ihrer umfassenden Rahmung die deutschen Projekte von Gerhard Henschel, Andreas Maier, Joachim Meyerhoff. Herausragend neben vielen anderen Einzelstücken der aktuellen Literatursaison von Maxim Biller, dem genannten Gerhard Falkner bis Benjamin von Stuckrad-Barre und anderen sind die Bücher der gleichfalls auf der Shortlist platzierten André Kubiczek und Thomas Melle. Während Kubiczek in „Skizze eines Sommers“ eine (seine?) Urszene des Erwachsenwerdens im Potsdam des Jahres 1985 erzählt und dabei in einem herrlich verspielten, dabei präzise beobachteten bittersüßen Pubertätsroman eines der vergnüglichsten Bücher des Jahrgangs vorlegt, lässt Thomas Melles biographischer Bericht über seine jahrelange manisch-depressive Erkrankung unter dem Titel „Die Welt im Rücken“ den Atem stocken. Wenn man dieses Buch jenseits aller Genre-Grenzen definieren müsste, dann wäre es so etwas wie ein „nonfiktionaler Roman“, ein Text, dessen Grundlage eine brutal-nüchterne Selbstentblößung darstellt, dessen Mittel aber hoch literarisch sind. Wir lesen nicht nur eine ergreifende, bis an die Grenzen des Erträglichen gehende Krankengeschichte und ihrer fürchterlichen Auswirkungen auf die Biographie des Autors, sondern einen großen Text über die Conditio Humana aus einem zuvor unbeschriebenen Blickwinkel.

Eine wichtige Autobiographie ist auch unter den Sachbüchern zu erwarten, nämlich diejenige von Wolf Biermann, jenem Sängerpoeten, der einst die Machthaber der DDR das Fürchten lehrte. „Warte nicht auf bessre Zeiten“ gibt Auskunft über ein prallvolles Leben, das mit deutscher Zeitgeschichte so verwoben ist, wie kaum eines sonst in dieser Generation und uns den Vollblutmenschen und wichtigsten deutschen Dichter in der Nachfolge Bertolt Brechts nahebringt. Nachfolger Martin Luthers sind in gewissem Sinne alle, die heute Deutsch schreiben. Zum Lutherjahr 2017 gibt es neben der einschlägigen Biographie der australischen Historikerin Lyndal Roper von Bruno Preisendörfer eine kulturgeschichtliche „Reise in die Lutherzeit“ mit ihren nicht nur religions- sondern auch sprachgeschichtlichen Großereignissen vor nunmehr 500 Jahren.

Die politische Aktualität und die kulturellen Trends der Jetztzeit bilden wie immer einen Hauptteil der Sachbuchproduktion. Ursachen und Folgen der vielberufenen Krise der gedruckten Presse analysiert Michael Angele in seinem ironisch auf Thomas Bernhard zurückgreifenden Essay „Der letzte Zeitungsleser“. Die teils zynische, teils verdrängte, in jedem Fall nicht angenehme Tatsache, dass die moderne Mittelklasse in den reichen Ländern ihren Lebensstil mittlerweile auf Kosten einer neuen Klasse des dienenden Proletariats im Sektor der Serviceökonomie zelebriert, bringt Christoph Bartmanns Buch „Die Rückkehr der Diener“ zur Sprache. Und eine frische, unaufgeregte aber sehr präzise neue Stimme im Chor des Feminismus zeigt sich in Margarete Stokowskis „Untenrum frei“. „Gegen den Hass“ schreibt die neue Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Carolin Emcke. Ihr Buch über die neue Dimension enthemmt fanatischen Hasses, die sich in unseren politischen und kulturellen Öffentlichkeiten Bahn gebrochen hat, gehört, zusammen mit ihrer polarisierenden Preisträgerinnenrede, in Deutschland zu den meistdiskutierten Texten des Herbstes, in dem auch das Flüchtlingsthema weiter debattiert wird. Das Buch von Herfried und Marina Münkler „Die neuen Deutschen“ geht von der Unausweichlichkeit sozialer Veränderungen durch die neuen Migrationswellen aus und analysiert wohltuend nüchtern und emotionsfrei Chancen und Risiken des anstehenden Integrationsprozesses einer großen Zahl von Menschen. Dass „Europa in der Falle“ steckt, wird nicht zum ersten Mal festgestellt. Der Doyen der kritischen Politologie in Deutschland, Claus Offe, kann diese wahrlich nicht erfreuliche Analyse ohne Selbstbetrug mit konkreten Perspektiven für eine Lösung versehen, während Jan-Werner Müllers vielzitierter Essay „Was ist Populismus?“ die zunächst notwenigen kategorialen Klärungen vornimmt. Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der, zumal nach amerikanischen Wahlen, Europa mehr denn je aufgefordert ist, zu sich selbst zu finden.

Ob Literaturpreise, Bestenlisten oder eine Bücherliste wie diese: Die Auswahl aus einer Vielzahl von möglichen Büchern ist immer eine Qual, denn jede Entscheidung für ein Buch stellte eine Entscheidung gegen viele andere dar. Das liegt nun einmal in der Sache. Wer also das dabei unvermeidliche spielerisch-willkürliche Element grundsätzlich nicht akzeptieren kann (wofür durchaus einiges spricht), sollte sich, wenn es denn geht, von all den Preisen und Listen nicht weiter beeinflussen lassen. Allen anderen empfehlen wir als Inspiration für die Reise durch die deutsch-sprachige Buchwelt dieses Winters diese Broschüre. Viel Spaß mit der aktuellen Ausgabe von „Bücher, über die man spricht“.

Berthold Franke

Berthold Franke, geb. 1956,
studierte Musik, Germanistik und Sozialwissenschaften und arbeitete als Journalist und Hochschuldozent. Seit 1988 beim Goethe-Institut mit Stationen u. a. in
Warschau, Dakar, Stockholm, Paris und als Regionalleiter Südwesteuropa und Europa-Beauftragter des Goethe-Instituts in Brüssel.
Seit 2014 in Prag als Regionalleiter für die mittelosteuropäischen Goethe-Institute.
Essays und Publikationen zu kulturpolitischen und politischen Themen, u.a. im MERKUR.
Zuletzt Hg. „Kanon und Bestenlisten. Was gilt in der Kultur? – Was zählt für Deutschlands Nachbarn“ (Göttingen: Steidl 2012).
2016 war er Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises.

Herbst 2016