Blick auf die deutsche Literaturszene

Die Gegenwart erfassen

Ina Hartwig, Deutschland © Georg Kumpfmüller
Ina Hartwig,
Literaturkritikerin
20 Jahre nach dem Mauerfall wird in Deutschland wieder sehr selbstbewusst erzählt

Als der Sekretär der Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm vor die Presse trat, um zu verkünden, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009 heiße Herta Müller, da reagierte das Ausland weitgehend hilflos: „Herta who?“, fragte in selbstgefälliger Ignoranz eine amerikanische Zeitung. In Deutschland hingegen ist die seit 1987 in (West-)Berlin lebende Herta Müller nicht nur eine längst hochdekorierte Schriftstellerin, sie ist zudem, was nicht unbedingt deckungsgleich sein muss, eine der angesehensten Autorinnen deutscher Sprache überhaupt. Seit ihr erster Roman „Niederungen“ (1984) in der Bundesrepublik erschienen ist, gilt sie in literarisch interessierten Kreisen als ganz Große, als zauberhafte Sprachartistin. Ausgerechnet ihr jüngster Roman allerdings, „Atemschaukel“, der das Leben und Leiden rumäniendeutscher Häftlinge in einem russischen Arbeitslager der Jahre 1945 bis 1950 auf sehr poetische Weise schildert, hatte, als das Buch im August herauskam, einen Disput ausgelöst. Auf der einen Seite versammelten sich die Begeisterten und Beglückten. Auf der anderen fragten die Skeptiker: Darf man als Nachgeborene überhaupt Lagerliteratur schreiben? Und darf die Sprache so „schön“ sein? Das Nobelpreiskomitee hat sich davon glücklicherweise nicht beeindrucken lassen.

Aufmerksamkeitstechnisch gesehen war es für den als Verkaufsmotor gedachten Deutschen Buchpreis (der den „besten deutschsprachigen Roman des Jahres“ prämiert) diesmal schwierig. Gegen die Adelung aus Stockholm war schwer anzukommen. In gewisser Weise erlebte der Deutsche Buchpreis im fünften Jahr seines Bestehens einen kleinen Gau: Herta Müller – als eben gekürte Nobelpreisträgerin – war unter den sechs Finalisten. Es gewann schließlich die 1958 in Gotha geborene Kathrin Schmidt. Ausgezeichnet wird ihr autobiographisch grundierter Roman „Du stirbst nicht“ über eine ostdeutsche Schriftstellerin, die nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht und ihre Identität, ihre Geschichte, ihre Sprache, auch ihre Liebeskrisen, mühsam Stück für Stück wieder zusammenflickt; das ganze unsentimental und nicht ohne Situationskomik erzählt.

Auch deshalb liegt „Du stirbst nicht“ von Kathrin Schmidt im Trend, weil der Roman gleich zwei gewichtige Themen der deutschen Gegenwartsliteratur verhandelt: Krankheit und die Frage, wer man sei als „Deutscher“. Schon Judith Hermanns Erzählungen „Alice“, im Frühjahr erschienen, kreisen um lauter Krebstode, ein elegisches Buch, das sich eher mit Bedeutungslosigkeit als mit Bedeutung schmückte; dann folgten im Herbst plötzlich, als habe eine Verabredung stattgefunden, mehrere Krebsbücher von selbst oder familiär Betroffenen (Georg Diez, Christoph Schlingensief, Jürgen Leinemann). Das zweite große Thema in Kathrin Schmidts Roman ist die Befragung der deutsch-deutschen Gefühlslage, indem nämlich die Protagonistin gleich zwei deutsche Identitäten rekonstruieren muss, eine DDR-Identität als Teil eins ihrer Biographie, dann als Teil zwei ein Leben in der vereinigten Bundesrepublik.

Auf Flaubert geht das schöne Bonmot zurück, das Unangenehme an der Gegenwart sei die Zukunft. Vielleicht, weil die Gegenwart von 1989 inzwischen Vergangenheit ist und die damalige Zukunft die heutige Gegenwart, kann der politische Umbruch inzwischen erzählerisch besser bewältigt werden als während des unmittelbaren Geschehens. Doch gibt es auch Gegenbeispiele. Einer, der sich definitiv der Gegenwart verpflichtet, ist Rainald Goetz. Fieberhaft erprobt er seine écriture automatique als voyeuristisches Gesellschaftsspiel und Selbstexperiment zugleich; Doku, Tratsch, Erkenntnisblitz sind eins. „Loslabern“ heißt Goetz’ pünktlich zur Buchmesse erschienenes Büchlein, in dem die Mächtigen aus Politik und Medien ihre mehr oder weniger peinlichen Auftritte haben. Auch die Buchbranche kriegt ihr Fett weg, so dass vor allem diese sich an Goetz’ Protokoll delektieren dürfte. Was also ist die Gegenwart? Für Rainald Goetz gilt: Ich schreibe einfach mit. Doch die Wahrheit ist komplizierter, denn es wirkt der lüstern-quälende Sprachzweifel der alten Avantgarde noch fort.

Inzwischen bevölkert die literarische Szene eine imposante Schar von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die erst nach der Wende zu schreiben begannen. Auffallend ist: Sprachzweifel ist ihnen fremd. Die jungen ostdeutschen Erzähler packen anders an. Uwe Tellkamp etwa, der in seinem Roman „Der Turm“ (2008) provozierend selbstbewusst die ganze Geschichtskraft einsetzt. Anders als oft behauptet, wird hier keineswegs die marode DDR schöngepinselt als Insel verträumter Bildungsbürger. Die volle Härte seines Hegel-Blicks lässt Tellkamp dem Roten Adel angedeihen, der sozialistischen Nomenklatura, die vom Gift des Zweifels heimgeholt wird. Tellkamps DDR geht in einer „Revolution“ unter, mit allem Pathos, nicht als „Wende“. Ganz anders wiederum verfährt Clemens Meyer, der 2006 mit seinem Debüt „Als wir träumten“ über eine Leipziger Jungenclique Furore machte. Der politische Umbruch erscheint wie hinter einem Alkoholschleier: als Groteske, als Theater, als Gaudium.

Im Jahre 20 des Mauerfalls steht die deutschsprachige Literatur so vital, selbstbewusst, vielfältig und experimentierfreudig wie lange nicht da. Zumindest die deutsche Literatur hat die Wiedervereinigung mit Bravour bewältigt. Und vergessen wir nicht: Der Westen ging 1989 ebenso unter wie die DDR. Auch die alte Bundesrepublik will literarisch erforscht werden, zum Teil harrt sie spannender Umdeutungen, die wiederum die Basis kommender Gegenwartsdeutungen sein werden. Etliche Romane platzen aus den Nähten, eine neue Lust am Umfang ist zu verbuchen: Die Erzählungen greifen aus in die weite Welt. Die Globalisierung hat die Literatur erfasst; die Erfahrungen werden längst nicht mehr in kargen Berliner Altbauwohnungen gesucht. Man hat offenbar etwas nachzuholen. Ein interessanter Romancier ist der Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler. Seine Bücher (in diesem Herbst: „Die Welt aus Glas“) wagen die Gegenwartsdiagnose unter Einbeziehung der Geldströme und des Triebs, wobei er Männer und Frauen als vollkommen gleichwertige Energieerzeuger begreift. Es ist schon ein ziemliches Armutszeugnis der schönen, neuen Preiskultur, dass ausgerechnet dieser kluge Autor nicht einmal auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis aufgetaucht ist. Es ändert nichts daran: Die gewisse Ernsthaftigkeit, der Glaube an die Erzählbarkeit der Welt, auch und gerade weil ihrer Komplexität wieder ins Auge geschaut wird, schlägt sich nieder in den deutschsprachigen Neuerscheinungen der letzten Jahre; Bücher, die von der Provinz handeln (als Beispiel sei Stephan Thome erwähnt), von Warenflüssen (David Wagner), von Fetischismus (Marlene Streeruwitz), von Autos und Städten (Ulf Erdmann Ziegler), von echten und falschen Helden (Felicitas Hoppe), von verletzlichen und verletzten Milieus (Anna Katharina Hahn), von der neuen Arbeitswelt, schwankend zwischen Absurdistan und Ausbeutung (Terezia Mora), von Liebe und sexueller Hörigkeit (Ralf Rothmann), von den Engeln der Geschichte (Sibylle Lewitscharoff), von Rausch und Dunkelheit (Andreas Maier).

Könnte es sein, dass wir mitten in der Krise, die ein ideologisches Vakuum erzeugt, einer neuen literarischen Gründerzeit beiwohnen?

Wir danken Ina Hartwig, Literaturkritikerin der Frankfurter Rundschau, für die exklusive Einstimmung auf unsere Buchauswahl.
Ina Hartwig
Literaturkritikerin

Oktober 2009