Blick auf die deutsche Literaturszene

Bilanz des sozialistischen Groß-Projekts 20 Jahre danach

Lerke von Saalfeld, Deutschland © Lerke von Saalfeld
Lerke von Saalfeld,
Kulturjournalistin und Literaturkritikerin
In Deutschland dominierten in den Buchveröffentlichungen im Jahr 2009 – zwanzig Jahre nach dem Ende des Ostblocks – die Erinnerungen an den Fall der Mauer, in Bildbänden, Tagebüchern, Zeitzeugenberichten, literarischen Stellungnahmen.

Das Ende der deutschen Teilung als historische Zäsur und Endpunkt des Kalten Krieges bewegte die Gemüter vorrangig als Ausdruck der persönlich erlebten Geschichte. Zum Glück blieb es nicht dabei, nur die deutsch-deutschen Verwicklungen retrospektiv noch einmal zu beleuchten, eine Reihe wichtiger Publikationen eröffneten einen größeren Horizont und richteten den Blick auf das Gesamtphänomen des Aufstiegs und Falls einer epochalen Herausforderung, die unter dem Namen des Sozialismus Glück verhieß und so viel Unglück über die Betroffenen brachte.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade zwei aus Ungarn stammende Autoren Studien vorlegten, die auf große Resonanz stießen, weil beide Autoren auf sehr unterschiedliche Weise die Tragik und unfreiwillige Komik dieses Jahres formulierten: Andreas Oplatka, „Der erste Riss in der Mauer – September 1989 – Ungarn öffnet die Grenzen“ (Zsolnay-Verlag) und György Dalos, „Der Vorhang geht auf – Das Ende der Diktaturen in Osteuropa“ (C. H. Beck Verlag). Andreas Oplatka, 1956 aus Ungarn geflohen und langjähriger Osteuropa-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, räumt in seinem Buch nicht nur mit mancher Legende auf, er zeichnet Schritt für Schritt nach, wie sich der Auflösungsprozess nach dem Abtreten von János Kádár vollzog. Der neue Ministerpräsident Miklós Németh hatte bereits im November 1988, als es um die Einsparungen im ungarischen Haushalt ging, ohne zu zögern den Posten für die Sanierung der verrotteten Grenzanlagen gestrichen – damit war der erste Schritt getan. Mit taktischem Geschick lavierten die ungarischen Reformer zwischen den Fronten. Im fiebrigen und nervösen Sommer 89 hatten sich mehrere Zehntausend DDR-Touristen in Ungarn versammelt, in der Hoffnung, in den Westen ausreisen zu können. Der Autor beschreibt anschaulich, welche Stimmung unter den Fluchtwilligen herrschte, wie die ungarischen Behörden mit dem unerwarteten Problem fertig zu werden versuchten, aber auch, wie auf der Ebene der hohen Politik gerungen wurde. Németh konsultierte Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich sofort in Moskau eine Rückversicherung geben ließ. Noch war nicht entschieden, wie dieser Prozess enden würde, obwohl alle Zeichen auf Sturm standen. Oplatka hat für seine Recherche nicht nur ein umfangreiches, inzwischen offen zugängliches Quellenmaterial herangezogen, er befragte auch siebzig Akteure von damals in Interviews.

György Dalos, der ungarische Historiker und Schriftsteller, hat nicht nur eine kenntnisreiche, sondern vor allem auch eine mit feinem Gespür für geschichtliche Vorgänge angereicherte Darstellung des Niedergangs des Ostblocks verfasst. Selbst früher zur demokratischen Opposition seines Landes gehörend, beschreibt er in einzelnen Länderporträts die jeweiligen Besonderheiten wie auch die Gemeinsamkeiten der Erosion der einstigen sowjetisch-orientierten Volksdemokratien, in denen sich langsam das Volk selbst zu Wort meldete. Polen war der Auftakt, Rumänien bildete das Schlusslicht in diesem dramatischen Prozess. Dazwischen eingebettet sind die Ereignisse in Ungarn, in der DDR, in Bulgarien und der ČSSR. Mit „barockem Pathos“, wie Dalos schreibt, versuchen einige der überalterten Führungskader das Unheil abzuwenden, mit Blindheit oder Bauernschläue ausgezeichnet, versuchen sie, die Bewegung von unten zu ignorieren oder mit operettenhaften Zügen sich an die Macht zu klammern – es hilft nichts, Zentimeter für Zentimeter geht der Vorhang auf, der den Osten vom Westen abtrennte.

Den Blick auf die Sowjetunion wirft der Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Erlangen, Helmut Altrichter: „Russland 1989 – Der Untergang des sowjetischen Imperiums“ (C. H. Beck Verlag). Der Autor untersucht, welche Geister Michail Gorbatschow rief und warum er sie nicht wieder loswerden konnte. Plötzlich ist der Deckel vom Topf genommen, und es wird offen auch über Alltagsprobleme gesprochen wie den Mangel an Fleisch oder Zucker bis hin zu neuen Geschichtsschreibungen über bis dahin tabuisierte Themen der Geschichte der Sowjetunion. Gorbatschow hat den Weg verlassen, dass allein das Modell der Sowjetunion zum Sieg führen würde, und nun mussten die einzelnen Satellitenstaaten selbst mit der krisenhaften Situation fertig werden.

Zwei Neuerscheinungen beschäftigen sich im Rückblick mit der Geschichte des Warschauer Pakts, der 1955 geschlossen wurde und die Militärpräsenz der Sowjetunion in Osteuropa völkerrechtlich verankerte. Der Historiker Frank Umbach („Das rote Bündnis – Entwicklung und Zerfall des Warschauer Paktes 1955–1991“, Ch. Links Verlag) zeichnet nach, wie die Sowjetunion dieses Militärbündnis als ständige Drohung gegenüber ihren Partnerstaaten einsetzte und die wechselseitigen Abhängigkeiten von politischer Führung und Militäreliten ausbaute. Mit Bedacht hält der Autor weder die Politik eines Ronald Reagan noch die Entspannungspolitik des Westens für ursächlich bei der Auflösung des alten sowjetischen Machtgefüges, vor allem auch auf dem Hintergrund, daß die sowjetische Militärdoktrin dem Westen gegenüber immer in der Defensive blieb. Nicht weniger aufschlussreich ist ein Sammelband aus dem Ch. Links Verlag zum Thema „Der Warschauer Pakt“, in dem 15 Autoren aus dem ehemaligen Ostblock sowie Wissenschaftler aus der Schweiz, Österreich und Deutschland Bilanz ziehen. Die Ereignisse in Ungarn 56 und Prag 68, das Eingreifen der sowjetischen Militärmaschinerie übte auf den Westen eine nicht zu gering zu schätzende Abschreckung aus. Dennoch, eine der Thesen der Beiträge ist, die Sowjetunion brauchte die Entspannungspolitik, um die enorm hohen Rüstungsausgaben, die alle Staaten an den Rand des Ruins brachten, reduzieren zu können. Die hohen Militärausgaben waren für den gesamten Ostblock eine der Ursachen für das Scheitern.

Mehr dem wissenschaftlichen Diskurs dient der Sammelband „Europa im Ostblock – Vorstellungen und Diskurse 1945–1991“ (Böhlau-Verlag) und das „Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944-1991“ (Vandenhoeck & Ruprecht). Auf die Rolle der Kirchen im Ostblock konzentriert sich Joachim Jauer, „Urbi et Gorbi – Christen als Wegbereiter der Wende“ (Herder Verlag).

Weit aus greift der Oxforder Historiker Archie Brown in seiner Studie „Aufstieg und Fall des Kommunismus“ (Propyläen Verlag). Auf fast tausend Seiten beschäftigt sich der Brite mit den Ursprüngen des Sozialismus/Kommunismus im 19. Jahrhundert, der bolschewistischen Revolution, dem Stalinismus und Poststalinismus, dem Kalten Krieg und schließlich der Ära von Glasnost und Perestroika. Nicht nur die Geschichte der Sowjetunion bewegt den Autor, er befasst sich auch mit China und den mitteleuropäischen Staaten seit 1945 und fragt zum Schluss, warum der Kommunismus so lange überleben konnte, welches die Ursachen des Zusammenbruchs sind und was vom Kommunismus bleiben wird. Archie Brown hat ein Standardwerk verfasst, das auch im deutschen Sprachraum hohe Aufmerksamkeit gefunden hat. Was allerdings nicht in seinem Werk vorkommt, das sind persönliche und Alltags-Befindlichkeiten, wie sie zum Beispiel sein Oxforder Historikerkollege Timothy Garton Ash seit etwa zwanzig Jahren veröffentlicht, Bücher, in denen er sowohl über Gespräche mit Vertretern der Nomenklatura berichtet, aber auch Alltagsmenschen und ihre täglichen Erfahrungen zu Wort kommen lässt. Garton Ash ist ein sensibler und engagierter Beobachter des Ostblocks und der Zeit danach, immer der Geschichte auf den Fersen und dem Lebensgefühl der postkommunistischen Gesellschaften auf der Spur. Sein letzter vor zehn Jahren auf Deutsch erschienener Band ist übertitelt „Zeit der Freiheit – Aus den Zentren von Mitteleuropa“. Auf einer ähnlichen Wellenlänge liegt der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel, der immer wieder Schlaglichter geworfen hat auf die Entwicklung der Sowjetunion und der russischen Landschaften und Städte und mit seinem zuletzt erschienenen Buch über „Terror und Traum – Moskau 1937“ (Hanser Verlag) einen weiteren Meilenstein für das Verständnis der äusserst heterogenen Entwicklungen im Herzen des Kreml gesetzt hat.

Wie aufmerksam diese Literatur Beachtung findet, läßt sich ablesen am Buchpreis für europäische Verständigung, jedes Jahr zum Auftakt der Leipziger Buchmesse verliehen. 2009 wurde Karl Schlögel ausgezeichnet, 2010 erhielt György Dalos diesen Preis.
Dr. Lerke von Saalfeld
ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, sie lebt und arbeitet als Kulturjournalistin und Literaturkritikerin in Stuttgart und Berlin. Geboren 1944 in Lenggries, Schulzeit in Lenggries und Cuxhaven, Studium der Germanistik und Romanistik in Freiburg i.Br. und an der Freien Universität Westberlin. Dozententätigkeit an der FU und an der summer university am College in Middelbury/Vermont. Für den Rundfunk wie für das Fernsehen führt sie regelmäßig Interviews mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik. Seit den siebziger Jahren Beschäftigung mit den demokratischen Oppositionen Ost/Mittel-Europas; seit den achtziger Jahren Berichterstattung über die Kulturen Südostasiens; seit mehr als fünfzehn Jahren liegt ein Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Auseinandersetzung mit Schriftstellern nichtdeutscher Muttersprache, die Deutsch zu ihrer Literatursprache gewählt haben.

Veröffentlichungen u. a.: Saalfeld, Kreidt, Rothe „Geschichte der deutschen Literatur“ (1989/91); „Ich habe eine fremde Sprache gewählt – ausländische Schriftsteller schreiben deutsch“ (1998); „Swetlana Geier – Leben ist Übersetzen“ (2008)

April 2010