Blick auf die deutsche Literaturszene

Die osteuropäischen Literaturen von Deutschland aus gesehen

Jörg Plath
Jörg Plath,
Literaturkritiker
Ex oriente lux? Nein, das war einmal, vor gut 100 Jahren, als ermattete Westeuropäer hofften, das abendländische Denken und Fühlen möge an Dostojewski und Tolstoj genesen. In postutopischen Zeiten fallen die Erwartungen an Literatur aus Osteuropa bescheidener aus.

Zwar tauchte mit dem Untergang des sowjetischen Imperiums 1989 aus der homogenisierend „Ostblock“ genannten Sphäre ein halber Kontinent wieder auf. Doch die sich aus der russischen Hegemonie befreienden osteuropäischen Literaturen trafen auf einen überfüllten deutschsprachigen Buchmarkt. Mittlerweile haben die Osteuropäer eine Nische besetzt: Aus dem Osten kommt heutzutage weniger Erleuchtung als (große historische und kleinere gegenwärtige) Verbrechen. Also das Überleben in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts und das Durchwursteln in den undurchsichtigen Verhältnissen danach, dazu hin und wieder etwas Metaphysik.

Die vorherrschende Gewalt ist nicht das einzige Problem: Bei näherem Hinsehen ist die literarische Osterweiterung Europas nämlich Stückwerk. Auch wenn deutsche, österreichische und Schweizer Belletristikverlage sehr viel übersetzen (3623 von 14780 Titeln im Jahr 2008) – Osteuropa kommt dabei recht kurz. Die einzige verfügbare Statistik für die Herkunftssprachen der Übersetzungen ins Deutsche gilt leider für alle Fachrichtungen, also für belletristische ebenso wie für wissenschaftliche oder Kinder- und Jugendbücher, spricht aber eine deutliche Sprache: Zwei Drittel der Übersetzungen gelten englischen Originalen (4908), ein Zehntel französischen (847). Das restliche knappe Viertel bleibt der restlichen Welt: Russisch liegt mit 131 Übersetzungen (darunter viele Fachbücher) auf dem 7. Rang, mit deutlichem Abstand folgen Polnisch (44 Übersetzungen), Ungarisch (29) und Kroatisch (28 – ein wohl einmaliges Ergebnis, weil sich das Land 2008 auf der Leipziger Buchmesse präsentierte; vgl. Buch und Buchhandel in Zahlen 2009, hg. v. Börsenverein des Deutschen Buchhandels).

Einige osteuropäische Länder sind so gut wie gar nicht auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vertreten – Lettland etwa und Serbien. Aus Russland wiederum fehlen die jüngeren Stimmen der nach 1960, nach Wladimir Sorokin und Viktor Pelevin Geborenen. Immerhin kommt mit Polina Daschkowa eine der wenigen erfolgreichen osteuropäischen Krimiautoren aus Russland.

Marginal sind die osteuropäischen Literaturen aus vielen Gründen. Der wichtigste: Sie sind – mit Ausnahme des Nobelpreisträgers Imre Kertész – schwer verkäuflich. Probleme der Identität und Subjektivität werden von ihr oft, jedenfalls gilt das für die übersetzten Werke, im Kontext von jahrzehntelangen Gewalterfahrungen verhandelt. Das ist keine leichte Kost, und wenn sich jüngere Autoren davon lösen, tendieren sie nicht selten zur temporeichen Groteske, zur Farce. Auch das ist nicht jedermanns Geschmack.

Warum aber sind dann manche Länder, etwa das kleine Ungarn, besser als andere vertreten? Vielleicht dank der Erinnerungen an die k.u.k. Doppelmonarchie, sicher wegen der großen Zahl großer Autoren wie Imre Kertész, Péter Esterházy, Péter Nádas, László Krasznahorkai. Und nicht zuletzt, weil diese Schriftsteller ein wunderbares Deutsch sprechen.

Deutsch spricht auch der charmante Ukrainer Juri Andruchowytsch, der stets und erfolgreich für die Literaten (und bildenden Künstler) seines Landes wirbt. Ähnlich setzt sich der polyglotte Lyriker Aleš Steger für slowenische Kollegen ein. Solche Botschafter sind wichtig auf einem personalisierten Buchmarkt. Wenn der Rumäne Mircea Cartarescu, der Tscheche Jáchym Topol, der Bulgare Georgi Gospodinov oder der Litauer Tomas Venclova, allesamt in ihrem Land berühmte und in Europa hoch geschätzte Autoren, nicht nach dieser Vermittlerrolle streben – nicht zuletzt, weil sie kein Deutsch sprechen –, haben es ihre Nationalliteraturen schwer.

Manchmal kommen ihnen aktuelle Ereignisse zu Hilfe. Die „Orange Revolution“ machte die ferne Ukraine und den damals in Kiew demonstrierenden Juri Andruchowytsch mit einem Mal im Westen bekannt. Die Kriege im auseinander brechenden Jugoslawien ließen Leser zu Büchern von Dubravka Ugrešić, Bora Ćosić, Dževad Karahasan, David Albahari und Aleksandar Tišma greifen. Ihre Romane und Erzählungen wurden möglicherweise als Dokument, öfter wohl als privilegierter Zugang zur Vorgeschichte der Konflikte und Tragödien gelesen. Die Literatur als Speicher historischer Erfahrungen, mit Schicksalsschwere und einem höheren Grad von Wahrheit – solche umfassenden Erwartungen mussten die spanische oder französische Literatur niemals schultern. Keine Mauer hielt ja Leser und Leserin davon ab, sich dort ein eigenes Bild zu machen.

Weil den osteuropäischen Literaturen die Kompetenz vor allem für historische Erfahrungen zugeschrieben wird, übernehmen Anthologien mit literarischen Reportagen, die sämtlich von Stiftungen finanziert werden mussten, die Erkundung der Gegenwart („Last & Lost“, „Der Andere nebenan“, „Sarmatische Landschaften“, „Odessa Transfer“). Von den Problemen des Überlebens in den Transformationsgesellschaften erzählt die übersetzte Literatur Osteuropas vornehmlich in Grotesken und Farcen: Der Rumäne Dan Lungu und der Bulgare Alek Popov schildern Meister des Durchwurstelns in undurchsichtigen, nepotistischen oder mafiösen Verhältnissen. Allein der polnische Metaphysiker Andrzej Stasiuk, einer der entschiedensten Warner vor der EU-Osterweiterung, beschreibt das verfallene, rückständige Osteuropa voller Hingabe als Landschaft der letzten Dinge, als Seelenlandschaft.

Nicht immer müssen politische Ereignisse, die für die literarische Rezeption eminent wichtig sind, aktuell sein. Nach 1989 beschäftigte sich die Öffentlichkeit vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich erneut mit dem nationalsozialistischen und dem stalinistischen Zivilisationsbruch, mit den zwei Diktaturen, der Vertreibung der Deutschen und dem Mythos Mitteleuropa. Die Bücher aus Osteuropa erlauben den Deutschen einen Blick von außen auf die eigene Geschichte: Der Ungar Imre Kertész‘ erzählt in dem epochalen Roman „Schicksallosigkeit“ von der Deportation eines Jungen nach Auschwitz, der Russe Warlam Schalamow in den „Erzählungen aus Kolyma“ vom Überleben im Gulag.

Jüngere Autoren treiben politisch-literarische „Heimatkunde“ der Provinz: Die Polin Olga Tokarczuk erkundet die Vergangenheit ihres Hauses in Schlesien, ihre Landsmänner Stefan Chwin und Pawel Huelle gehen der Vertreibung der Deutschen aus Danzig, die Tschechin Radka Denemarková der Vertreibung aus der Tschechoslowakei nach. Ruinen gleich welcher Provenienz werden um der Zukunft willen gesichtet. Damit verlässt die mittlere, nach 1960 geborene Generation den Horizont der um Verlust, Bedrängnis und Todesgefahr kreisenden osteuropäischen Literaturen. Der Tscheche Jáchym Topol verwirbelt die Teilung des Kontinents, den Gulag und Auschwitz mitsamt der westlichen Erinnerungskultur in „Die Teufelswerkstatt“, und der Ukrainer Serhij Zhadan lässt seine jugendlichen Helden zwischen Depeche Mode und verfemten Anarchokommunisten, zwischen Michel Foucault und sowjetischen Überbleibseln ihren Weg suchen. Westeuropäer werden manche lieb gewordene, in jahrzehntelangen Diskussionen erstrittene Gewissheit über das 20. Jahrhundert revidieren müssen.

Verwirrung stiftet gegenwärtig ausgerechnet der gute alte, für Kontinuitäten sorgende Familienroman: Die Estin Sofi Oksanen erzählt in „Fegefeuer“, die Ukrainerin Oksana Zabuschko in „Museum der vergessenen Geheimnisse“ die Geschichte ihres jeweiligen Landes als Vergewaltigung durch sowjetische Okkupanten. Zabuschko scheut sich nicht, die zeitweise mit den Nazis verbündeten Partisanen der vierziger Jahre als Vorkämpfer einer unabhängigen Ukraine zu rehabilitieren. Diese Arbeit am Widerstand als Nationalmythos der jungen Staaten verfälscht die Geschichte. Man darf gespannt sein, wo und wann die viel beschworene, aber bisher nicht sichtbare gemeinsame europäische Erinnerung auftauchen wird.

Jörg Plath
war Buchhändler, promovierte über den Flaneur Franz Hessel und arbeitet als Literaturkritiker in Berlin für die „Neue Zürcher Zeitung“, die „Frankfurter Rundschau“ und „Deutschlandradio Kultur“.

Oktober 2010