Blick auf die deutsche Literaturszene

Zur Entwicklung der deutschen Literaturkritik

Dr. phil. Helmut Böttiger
Dr. phil. Helmut Böttiger,
Literaturkritiker
Die Literaturkritik ist von der Entwicklung des Journalismus nicht zu trennen. Und hier hat in den letzten Jahren ein grundlegender Paradigmenwechsel stattgefunden.
Bis vor wenigen Jahren gab es bei Pressekonferenzen, die im Vorfeld für eine Großveranstaltung werben sollten, die einschlägige Formulierung „Wir begrüßen hochrangige Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur.“ Heute heißt diese Formulierung: „Wir begrüßen hochrangige Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien.“



Diese Veränderung sagt sehr viel aus. Die Kultur wurde in der Bedeutung von den Medien abgelöst, beziehungsweise: die Medien sind zur Kultur selbst geworden. In den Zeitungen wurden in den neunziger Jahren spezielle Medienressorts gegründet, die eine auffällige Tendenz zu dem haben, was in der Politik „Hofberichterstattung“ heißt. Fernsehredakteure, Produzenten, Magazinmacher haben eine ungeahnte öffentliche Bedeutung erlangt. Die Medien sind ein selbstreferenzielles System, mit einer sich ständig steigernden Umlaufgeschwindigkeit und der Austauschbarkeit von Personen. Es ist kein Zufall, dass im akademischen Milieu gleichzeitig Niklas Luhmann mit seiner „Systemtheorie“ Furore machte: sie reagierte konsequent auf die neuen Entwicklungen. Luhmann gelang es in Deutschland, gegenüber Jürgen Habermas die Diskurshoheit zu gewinnen. Die Kritische Theorie wurde als herrschende Denkmode von der Systemtheorie abgelöst.

Der Journalismus wurde in der Folge zusehends verwissenschaftlicht. Der neue Typus des „Medienexperten“ hielt auch in den Zeitungen Einzug. Für die althergebrachte Gattung der Literaturkritik hatte das einschneidende Folgen. Der Literaturkritiker ist es traditionell gewohnt, „ich“ zu sagen. Die deutschen Romantiker, allen voran Friedrich Schlegel, entwickelten die literarische Kritik als eine eigenständige literarische Gattung, sie zählte für sie zur Primärliteratur. In ihrem Idealfall reflektiert der Kritiker seine eigene Subjektivität mit. Von Friedrich Schlegel bis Walter Benjamin ist hier ein Maßstab gesetzt, bis heute. Schon früh allerdings konnte man dies als Gegensatz zu einer eher akademisch ausgerichteten Literaturkritik wahrnehmen, die im Namen einer wissenschaftlichen Objektivität zu sprechen vorgab.

In der Entfesselung der Medien seit den achtziger Jahren wurde diese „Objektivität“ neu akzentuiert. Bei Niklas Luhmann etwa existiert kein „Ich“ mehr. Der Journalismus wird in den Medienwissenschaften als eine Vermittlungsinstanz definiert, weniger als schöpferischer Vorgang: zentral sind die Bedürfnisse der Rezipienten, die „Information“ mit Statistiken, Meinungsumfragen und Ermittlung von Mehrheitsfähigkeit. Auch der Kulturteil der Tages- und Wochenzeitungen trug dem Rechnung: Er hat sich recht schnell dem Magazinjournalismus angenähert, wie er von Politmagazinen wie dem „Spiegel“ oder den diversen Illustrierten und Hochglanzgazetten entwickelt wurde. Das Magazin gibt den einzelnen Autoren meist die Themen vor, die Redaktionskonferenz entwickelt Konzepte und Formate, die von den Autoren – die durchaus austauschbar sind – gefüllt werden müssen. Der Produzent wird wichtiger als der Interpret. Die Popmusik als Leitmedium hat dies virtuos vorexerziert. Das Magazin betrachtet sich beileibe als keine Angelegenheit für speziell interessierte Minderheiten, sondern es ist publikumsorientiert. Es lebt vor allem von Lifestyle-Themen und von Personality-Stories, es geht um Prominenz.

Im Lauf der letzten Jahre war zu verfolgen, wie in den großen Tageszeitungen das Wochenendfeuilleton Zug um Zug durch ein Wochenendmagazin ersetzt wurde. Die Literaturkritik, früher eine Paradedisziplin, ist hier längst Interviews oder Reportagen gewichen, mit Schauspielerinnen, Models oder Fernsehmoderatoren. Die Gesetze des Magazins haben vielerorts schon längst das Rezensionswesen eingeholt, auch in führenden Wochenzeitungen: es geht um Aktualität, um Dranbleiben, um das Gespür für den Augenblick. Es wird den bestehenden Erwartungshaltungen zugeschrieben. Und vor allem: Es geht nicht mehr um Kritik.

Man kann in der Entwicklung des Verhältnisses von Literatur und Medien drei entscheidende Stationen ausmachen: die Gruppe 47, der Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb sowie das „Literarische Quartett“ im Fernsehen. Dieser Stationenweg ist dadurch definiert, dass am Anfang die Literatur stand. Die Gruppe 47 hatte bis 1967 das Selbstverstälndnis einer Autorengruppe mit Werkstattgesprälchen und harter, solidarischer Kritik. Mit der Zeit konnte man immer deutlicher eine Gruppe von Autoren und eine Gruppe von Kritikern unterscheiden, die sich immer mehr als Berufskritiker profilierten – ein zunälchst schleichender Prozeß, der vom sich entwickelnden Medienmarkt der Bundesrepublik heftig beschleunigt wurde.

Das fand seine Fortsetzung darin, dass mit Marcel Reich-Ranicki einer der bei der Gruppe 47 hervorgetretenen Kritiker den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt initiierte. Hier wurde das Prinzip jener Gruppe konsequent zu Ende gedacht. Es ging nun offensiv um Öffentlichkeitswirkung, um Medienrelevanz. Die Autoren waren vor allem ein Vorwand für die Kritiker, die als Stars der Veranstaltung gesetzt waren. Das „Literarische Quartett“ knüpfte, als neues Format einer Fernseh-Talkshow, logisch daran an. Es trug dem realistischen Verhältnis von Autoren und Medien Rechnung: es gab keine Autoren mehr, sondern nur noch Kritiker.

Das „Literarische Quartett“ hat das flächendeckend durchgesetzt, was als letzte Konsequenz wissenschaftlicher Fragestellungen standardisiert wurde: den mehrheitsfähigen Geschmack. Was in Rundfunk und Fernsehen längst als Kriterium für Qualität gilt, ist auch im Feuilleton der Zeitungen selbstverständlich geworden – hohe Verkaufszahlen sind das Signum dafür, wichtig zu sein. Das ist auf jeden Fall einen großen Artikel wert, abseits jeglicher Kritik. Das Phänomen als solches ist das Thema. Reich-Ranicki nennt in seiner Autobiographie seinen Vorgänger als Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen, den brillanten Intellektuellen Karl-Heinz Bohrer, nicht einmal mit Namen – die Höchststrafe. Bohrer wird nur dadurch benannt, dass er als Vorgänger den Literaturteil „mit dem Rücken zum Publikum redigiert“ habe.

Das „Publikum“ – was ist das eigentlich? Ist es eine einheitliche Masse, drückt es sich in Bestsellerlisten aus? Sind es alles einzelne, die sich doch auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner bringen lassen? Gibt es ein Publikum, oder gibt es mehrere? Die Halbwertzeit der wichtigen literarischen Werke eines Zeitraums ist meistens eine andere als die derjenigen, die bei der Veröffentlichung genau auf den Augenblicksgeschmack zielen. Jedenfalls stellt sich das regelmäßig nach einem gewissen zeitlichen Abstand heraus, wenn die Möglichkeit besteht, aus der Distanz heraus zu urteilen. Gegenwärtig verschiebt sich das Wechselverhältnis zwischen der Kritik und dem Leser. Die Qualität einer Kritik scheint sich zusehends darin zu zeigen, wie genau man taxieren kann, was mehrheitsfähig sein könnte.

Bei alldem stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt es, dass die überlieferte Form der Literaturkritik in den deutschen Zeitungen immer noch existiert, obwohl sie dem Magazinjournalismus längst unterlegen sein müsste? Führt sie ein Rückzugsgefecht, oder hat sie einfach einen längeren Atem? Es spricht immerhin einiges dafür, dass die Phase der ersten Medieneuphorie langsam abebbt. In der Wirtschaft etwa zeigen sich zunehmend die Defizite, die die New-Economy der neunziger Jahre mit sich brachte: man sieht mittlerweile die Grenzen des Shareholder-Value-Prinzips, man sieht die Nachteile allzu kurzfristiger Renditeerwartungen. Wörter wie „Nachhaltigkeit“ werden plötzlich zu Modewörtern. Und im Vergleich zum üblichen Magazin-Journalismus kann die Literaturkritik auf jeden Fall beanspruchen, für eine gewisse Nachhaltigkeit zu stehen.

Es gibt immer noch Kritiker, darunter durchaus auch jüngere, die sich dem essayistischen Ideal verpflichtet fühlen, der Literatur mit ihren eigenen Mitteln zu begegnen, ihr in ihrer eigenen Sprache gerecht zu werden. Es gibt immer wieder verblüffende retardierende Momente im deutschen Feuilleton, in denen man sich weigert, dem saisonweise hochgejubelten Konsens-Schrott Tribut zu zollen. Kritik besteht eben auch darin, sich einem allgemein scheinenden Konsens zu widersetzen – genauso wie die Literatur nicht dazu da ist, das abzubilden, was man eh schon weiß. Literatur braucht mehr als bloße Medienkompetenz.

Dr. phil. Helmut Böttiger
– geboren 1956 in Creglingen.
Verantwortlicher Literaturredakteur u.a. bei der „Frankfurter Rundschau“.
Seit 2002 freier Autor und Kritiker in Berlin.

Veröffentlichungen u.a.:
Ostzeit - Westzeit. Aufbrüche einer neuen Kultur. (München 1996);
Nach den Utopien. Ein Panorama der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. (Wien 2004);
Celan am Meer. (Hamburg 2006).
Kurator der Ausstellung „Doppelleben“. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland 2009.
Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik 1996.
Gastprofessuren für Literaturkritik in Berlin und Göttingen.

März 2011