Blick auf die deutsche Literaturszene

Zur mitteleuropäischen Literatur in deutschsprachigen Verlagen

Katharina Raabe © J. Bauer
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Katharina Raabe, Lektorin osteuropäischer Literaturen im Suhrkamp Verlag
Bücher aus Mitteleuropa haben, entgegen einem verbreiteten Vorurteil, in den deutschsprachigen Verlagen einen festen Platz. Einen ungarischen, polnischen, tschechischen, slowakischen oder slowenischen Autor zu entdecken und zu verlegen gilt nach wie vor als schwierig, doch in den literarisch anspruchsvollen Publikumsverlagen sitzen Lektoren, die sich mit der ihnen zu Gebote stehenden Überzeugungskraft dafür stark machen, daß neben Dave Eggers und Jonathan Safran Froer, Monica Ali und Aravind Ariga, auch neue Stimmen aus der unmittelbaren Nachbarschaft wie Petra Hůlová und Martin Šmaus, Dorota Masłowska und György Dragomán eine Chance bekommen.

Aber schon die Namen verraten die Schieflage: hier Autoren, die aus der Weltsprache Englisch übersetzt und auf dem internationalen Markt hoch gehandelt werden, dort ihre Kollegen aus den sogenannten kleinen Literaturen und Sprachräumen, denen ein hierarchisch bedingtes Desinteresse entgegenschlägt. Um so bemerkenswerter, daß es längst nicht mehr nur die kleinen Verlage sind, die sich bei uns um die „kleinen Literaturen“ kümmern. Gemessen an ihrer statistischen Unsichtbarkeit auf den Umsatzbarometern des Börsenvereins, machen Autoren und Bücher aus Mitteleuropa erstaunlich viel von sich reden.

Die Motive, sich als Verlag in das Spannungsfeld zwischen Marginalisierung und Subventionierung, Nische und Schonraum, Exklusivität und Bedrohtheit zu begeben, sind weitgehend identisch: Neugier auf das Unbekannte und Überraschende, das Gefühl, die Mauer im Kopf noch längst nicht eingerissen zu haben, die Überzeugung, daß in Mitteleuropa große Erzähler zu entdecken sind, Autoren, die uns etwas zu sagen haben, Bücher, die an einem gemeinsamen europäischen Gedächtnis mitschreiben, das Entdecken einer vergessenen Nachbarschaft. „Gerade wir in Wien“, sagte Bettina Wörgötter (Zsolnay/Deuticke), „wollen etwas vom mitteleuropäischen Kosmos vermitteln“. Für Martin Mittelmeier (Luchterhand) ist Mitteleuropa „das Labor, in dem sich zeigt, wie Gesellschaft sich verändert“.

Die Auswahlkriterien für die Bücher unterscheiden sich dagegen ganz erheblich und hängen an der Marktposition der Häuser. Bedeutende Kleinverlage wie Matthes & Seitz, Friedenauer Presse, Neue Kritik, Droschl-Verlag entwickeln ihre klar profilierten Programme in einem literarischen Umfeld, das sich in Jahrzehnten herausgebildet hat und stets für Autoren aus Mitteleuropa offen war. Verlegt werden Autoren, so Rainer Götz (Droschl), die mit anderen Autoren des Verlags korrespondieren, Bücher, die miteinander im Gespräch sind, ästhetisch, thematisch. Diese Verlage schaffen ein Milieu, eine intellektuelle Marke, sie tragen eine Handschrift. Verbindlichkeit statt Zufälligkeit ist ein Entscheidungskriterium. „Wer sich für Michel Butor interessiert, der muß sich auch für Milada Součková interessieren“, meint Andreas Rötzer. Der Verleger von Matthes & Seitz Berlin weiß, dass es für beide nur ein kleines Publikum gibt. Statt die immer gleiche coming-of-age novel zu verlegen, wie es die kommerziellen Verlage tun, entscheiden er und andere sich für das „nicht Substituierbare“.

Literarischer Anspruch vor kommerziellem Gewicht − diese Devise gilt auch in den Verlagen mittlerer Größe. „Ästhetisch dichte Texte, die sich auf der Höhe der Zeit bewegen“, sucht Martin Mittelmeier, egal ob sie aus Tschechien oder Deutschland, Israel oder Argentinien kommen. Auch bei Suhrkamp und Hanser gibt es eine lange Tradition der mitteleuropäischen Moderne: Wer seit den sechziger Jahren Gombrowicz und Hrabal, Kis und Konrád verlegt hat, kümmert sich heute um eine Neuübersetzung der Zimtläden von Bruno Schulz oder entdeckt in dem vergessenen Exilautor Zygmunt Haupt einen „polnischen Proust“.

Zugänglichkeit ist dagegen das Hauptkriterium, wenn es um Verkäuflichkeit geht. „Sobald Erzählkonven-
tionen ins Spiel kommen, die dem westlichen Leser fremd sind, wird es schwierig“, sagt Hella Reese, zuständig für die Premium-Reihe bei dtv. Ihren tschechischen Autor Martin Šmaus konnte sie im Verlag nur über die „Roma-Thematik“ durchsetzen, während sich im Buchhandel der Hinweis, es handele sich um einen Roman „aus dem Herzen Europas“ als hilfreich erwies. Autoren, die eine Geschichte erzählen können, die zugänglich sind, aber auch etwas zu sagen haben, die Lesegewohnheiten eines an angelsächsischer, plotgetriebener Literatur gewöhnten Publikums nicht überfordern − Tanja Graf, die als Lektorin bei Piper Sándor Márais Glut für den deutschen Markt entdeckte und heute einen eigenen Verlag führt, ist sich sicher, daß es der urbane Flair der mitteleuropäischen Zwischenkriegszeit, der nostalgische Reiz, die Eleganz und Weltläufigkeit von Autoren wie Márai und Szerb war, der ihre weltweite Entdeckung befördert hat. Eine traditionelle Poetik und der Verzicht auf historisches Hintergrundwissen ist das Betriebsgeheimnis dieser Bücher. Mit der Komplexität des Stoffes steigt die Unzugänglichkeit.

„Warum geben Sie der lettischen Literatur keine Chance? Warum haben Sie noch immer keinen slowakischen Autor im Programm?“ Auf solche Fragen engagierter und spezialisierter Literaturvermittler, ob sie in nationalen Buchstiftungen sitzen oder als Scouts und Übersetzer im Interesse ihrer Autoren tätig sind, lautet die Antwort: Weil wir keine Nationalliteratur verlegen, sondern Autoren. Damit ihre Bücher bei uns heimisch werden können, müssen sie kontextualisierbar und übersetzbar sein. Sie müssen auch von uns handeln, uns existentiell berühren, unsere literarische Erfahrung bereichern. Nur so können wir sie verkaufen − und selbst dann ist es noch schwer genug.

Aleksandar Tišmas Gebrauch des Menschen, Péter Nádas’ Buch der Erinnerung, Imre Kertész Roman eines Schicksallosen, Hanna Kralls Existenzbeweise machten Epoche im Leben vieler deutschsprachiger Leser, weil hier aus der Innensicht vom Überleben während der Shoah und vom Stalinismus danach erzählt wurde. Mitteleuropa als Totenhaus; als Zone der Verbrechen unter Hitler und Stalin, wo Vertreibungen, Entwurzelung, millionenfaches Unglück in jede Familie hineinwirkte: an diesem ungeheuren Stoff wird sich die Literatur noch lange abarbeiten. Poetische Landvermesser wie Andrzej Stasiuk, Juri Andruchowytsch, Olga Tokarczuk haben diesen versehrten Raum als Landschaft nach der Schlacht erkundet, Poetiken der Grenze und Mythen der Peripherie geschaffen. Die Wirren der Transformationszeit und Mitteleuropa als Territorium im Umbruch, das den Auswirkungen der Globalisierung ungeschützter ausgesetzt ist als der Westen, erzwingen eine „notwendige“ Literatur, die visionär und kraftvoll von etwas erzählt, das auch uns bevorsteht.

All dies ins Deutsche zu bringen, bedarf es der besten Übersetzer. Die Politik war 15 Jahre lang klug genug, großzügige Unterstützung zu gewähren. Der Beitritt der mitteleuropäischen Länder zur EU, irrtümlich mit einer Osterweiterung des Bewußtseins gleichgesetzt, bedeutete das Ende einer intensiven Förderpolitik und damit auch das Aus für viele Projekte. Doch um sich auf dem Markt zu behaupten, braucht es mehr als eine Übersetzungsförderung. Vielmehr erfordert es größtmögliche Umsicht und Professionalität, um ein Buch aus einer kleinen mitteleuropäischen Sprache zu übersetzen, zu lektorieren und auf dem Markt zu lancieren. Man muß wissen, wem man was wie verkauft. Die genannten Auswahlkriterien müssen sich in Verkaufsargumente transformieren lassen: „Ein europäischer Roman voller Anspielungslust, Witz und Weltläufigkeit“, aus der Feder eines „slowenischen Camus“, oder eine „turbulente Geschichten aus großen Zeiten“, „tragisch und aberwitzig komisch“. Fabulierkunst, Farbigkeit, Anekdotenreichtum und Humor, so Sabine Baumann (Schöffling), bescheinigen wir einer Literatur, von der wir insgeheim wissen: sie ist so unpopulär wie der Problemfilm.

Selbst die zahlreichen Achtungserfolge ändern nichts daran, dass die „kleinen“ Literaturen aus Mitteleuropa kraft der hierarchischen Marktverhältnisse in die Marginalität verbannt sind. Was kann dagegen helfen? Imagekampagnen? Internationale Verlagsbündnisse? Politische Foderungen? Ob Zentrum oder Peripherie, Nische oder Mainstream, in Anbetracht der unabsehbaren Umwälzungen auf dem Buchmarkt kann man sich fragen, ob nicht am Ende doch die Nischen größere Überlebenschancen haben. Einstweilen aber gilt es, die Netzwerke lebendig zu halten, um die besten Bücher zu finden, unermüdlich zu lesen, vernünftig zu kalkulieren und nur das zu „machen“, wovon wir wirklich überzeugt sind.

Katharina Raabe
Lektorin für osteuropäische Literaturen im Suhrkamp Verlag

Oktober 2011

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