Blick auf die deutsche Literaturszene

Lyrik boomt!

Quelle: Goethe-Institut © Thomas Wohlfahrt
Thomas Wohlfahrt © Thomas Wohlfahrt
Thomas Wohlfahrt
Leiter Literaturwerkstatt Berlin
Davon zeugt eine wachsende Zahl an Lyrikveranstaltungen und Poesiefestivals in den meisten europäischen Ländern.
An den geringen Verkaufszahlen von Lyrikbüchern hingegen hat sich kaum etwas geändert. In Deutschland etwa liegt der Verkauf, bezogen auf den Gesamtumsatz des Buchhandels nach Auskunft des "Buchhändler- und Verlegerverbandes", im Null Komma X-Prozent-Bereich.
In dem Maße aber, in dem große Verlagshäuser ihre Lyrikproduktionen aufgeben oder arg drosseln, entstehen allerorten kleine, sich nur der Kunst des Gedichts verpflichtende Print- und Audioverlage neu.



Beide sich widersprechende Phänomene weisen deutlich darauf hin, dass unser Verständnis von Lyrik neu justiert werden muss.

Die romantische Vorstellung, wonach Lyrik als "Königsgattung" des Belles-Lettres Bestandteil einer Triade sei, zu der auch die Prosa und das Drama gehören, hat in der Praxis so nie existiert. Das Drama in Buchform erreicht ähnlich niedrige Verkaufszahlen wie der Lyrikband. Aber es braucht das Buch nicht. Es will auf die Bühne. Dort ist der Ort des Dramas. Dort erreicht es viele Menschen. Die Prosa hingegen braucht das Buch! Entsprechend existieren Verlage und Buchmessen. Mit Prosa werden beste Verkaufszahlen erzielt. Das Buch ist ihr Medium, und im Buch hat die Prosa ihren Ort.

Und Lyrik? Das Buch ist ein tolles, aber nicht das optimale Medium für Lyrik. Das, was das Gedicht erst zum Gedicht macht, die Klang- und Rhythmuslinien, die Reim- oder Binnenreimstrukturen der Verse, sind in ihrer das Gedicht konstituierenden Relevanz beim bloßen Lesen nur bedingt wahrnehmbar. Lyrik bedarf, ähnlich wie eine Musikpartitur, eines Instruments. Im Fall der Lyrik ist das Instrument meist die menschliche Stimme. Wenn Dichtung gesprochen wird, womöglich vom Dichter selbst, entsteht sofort ein Konzerterlebnis. Das, was im Gedicht im semantischen und kognitiven Sinne bedeuten will, wird durch das Zusammenspiel vieler ästhetischer Momente erreicht: Sprachklang als Wohlklang, Rhythmuslinien, Welten von Bildern, Reime und anderes binden die Sprache im Vers. Poesiefestivals und Lyrikveranstaltungen erfreuen sich deshalb überall auf der Welt wachsender Beliebtheit. Das Gedicht braucht, medial betrachtet, den Doppelauftritt: als zu Lesendes und zu Hörendes.

Damit ist ein Ort für die Lyrik begründet: Die Versammlung von Menschen, die dem Dichter lustvoll lauschen und darüber zum Lesen oder Nachlesen animiert werden. Das erklärt den aktuellen Lyrikboom. Dieses Rezeptionsverhalten nennt die Dichterin Brigitte Oleschinski „eine mimetische Rückkehr zu den mündlich-musikalischen Anfängen der Poesie und zugleich ihre Weiterentwicklung in die medialisierte Unterhaltungskultur von heute“. (Brigitte Oleschinki, „Frage nach den Sirenen", S. 15)

Im eigenen Haus (Literaturwerkstatt Berlin - Red.) haben wir mit www.lyrikline.org ein ständig wachsendes digitales Archiv von Dichtung der Gegenwart begründet. Auf dieser Internetplattform können zur Zeit mehr als 830 Dichter gelesen, gehört und durch immer mehr Übersetzungen in immer mehr Sprachen von immer mehr Menschen verstanden werden. Beinahe acht Millionen Besucher aus aller Welt nutzten den Service von lyrikline.org bisher. www.lyrikline.org ist das weltweit grösste Archiv zeitgenössischer Dichtung im Netz und sorgt für deren internationalen Austausch. Schauen Sie, welche Dichter Sie aus Ihrem Land dort finden, beziehungsweise wer in Ihre Sprache übersetzt und zu entdecken ist.

Seit Gedichte gedruckt erscheinen können, hat die Dichtung, bei allem Zugewinn an Komplexität, ihren sozialen Ort aufgegeben: den Marktplatz. Aus dem kollektiven Wahrnehmen einer Dichtung wurde der private Akt des Lesens. Die Dichtung veränderte sich fortan. Sie wurde komplexer, aber auch innerlicher. Sie gewann an Subjektivität, wurde aber auch hermetischer, intimer und unzugänglicher. (Ein besonderes Kapitel wäre der Vermittlung von Dichtung in den Schulen zu widmen.).

Allen vermeintlichen Anfeindungen und Todeserklärungen zum Trotz dichten Dichter und haben sich eine der ältesten Kunstformen der Menschheit nicht nehmen lassen. Mit Recht reklamiert die Dichterin Monika Rinck selbstbewusst, dass es uns heute Lebenden doch nicht anstünde, einer über 5.000 Jahre alten Kulturtechnik das Aus zu bescheren.

Lyrik ist eine eigenständige Kunst, die eigenen Gesetzen folgt. Mit der Einrichtung des "Welttags der Poesie" hat die UNESCO im Jahr 2000 der Eigenständigkeit von Dichtung als besonders schützenswertes Kulturgut deutlich Ausdruck verliehen und den Stellenwert von Dichtern in der Gesellschaft erhöht. Kulturpolitisch ist dem in vielen Ländern Europas, so auch in Deutschland, bislang nur unzureichend Rechnung getragen worden.

Dichtung ist aber auch Querschnittskunst und, wie es der französische Maler Eugène Delacroix formulierte, "Es gibt keine Kunst ohne Poesie". Alle anderen Künste kamen und kommen auf das Gedicht zu, um mit ihm zu arbeiten. Warum? Weil sie sich in ihm wiederfinden: Die Musik antwortet mit dem Lied oder dem Song, hat den Chansonnier beziehungsweise den Singer-song-Writer hervorgebracht. Der Tanz arbeitet mit der Rhythmik von Sprache und Atem, die Bildende Kunst hat die grafischen Strukturen von Buchstaben längst für sich adaptiert. Und den Poesiefilm gibt es seit Filme gedreht werden. Der älteste heißt "The night before Christmas" und entstand 1905, von Apollinaire ist ein Film aus dem Jahr 1910 bekannt.
Es bedurfte aber des Computers, um den Poesiefilm weltweit zu einem Genre werden zu lassen. Nun ist auch der Film in der Lage, dem Gedicht strukturell antworten zu können und das heißt, von Sekunde zu Sekunde zu switchen von Realität in Virtualität, Phantasmagorie/Animation, Spiritualität usw.
Die neuen technischen Möglichkeiten haben die sogenannte "Digitale Poesie" hervorgebracht, in der Bereiche der dichterischen Moderne wie die Soundpoetry, die Visuelle Poesie, aber auch die Konkrete Poesie neue Entwicklungsmöglichkeiten erfahren.

Poesie, so wäre zu definieren, ist die Kunstform der Sprache, die sich unter Verwendung schriftlich, oral, sonisch, körpersprachlich oder grafisch fixierter und verwendeter sprachlicher Mittel und Zeichen als Kunst begründet. Somit ist sie von vornherein mehrmedial ausgestattet. Auch aufgrund ihrer Verknappung – im Sinne von Verdichtung – ist Poesie bestens gerüstet für die multimediale Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaften. Als Kunst der Sprache agiert Poesie immer auch sprachpflegerisch. Nicht erst seit Raoul Schrotts/Arthur Jacobs „Gehirn und Gedicht“. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren" (Carl-Hanser-Verlag, 2011) wissen wir, dass es ein „poetisches Denken" gibt. Poetische Spracharbeit ist in der Lage, hochkomplexe Zusammenhänge so zu durchdringen, dass sie mittels gebundener Sprache Einblicke in deren Wesen freilegt: zum Beispiel wenn die Dinge mal anders gesagt oder benannt werden, oder wenn sie in der durch den Vers vorgegebenen Formatierung anders ergründet wurden.

Vor unseren Augen vollzieht sich im Bereich der Poesie ein medialer Prozess der Ausdifferenzierung, der nicht nur die Produktionsformen von Lyrik verändert, sondern auch deren mediale An- und Einbindung. Ganz aktuell beispielsweise werden die „Pergamon Poems" von Gerhard Falkner gefeiert, weil sie in der Verbindung von Dichtung, hervorragend inszenierter und gesprochener Sprache sowie filmischer Umsetzung, den Text einen Scanner sein lassen, der durch Ohr und Auge des Zuschauers den riesigen Altar im Berliner Pergamonmuseum abschreitet und neu entdeckt (siehe YouTube).

Als Bestandteil schwarzer und lateinamerikanischer Protestkulter waren in den 70er Jahren die Spoken Poetry und der Poetry Slam entstanden. Als Format verweisen sie durchaus auf die Dionysien im alten Griechenland oder die Sängerkriege oder Troubadoure des Mittelalters.
Slam Poetry ist sehr narrativ sowie stark rhythmisch und verweist auf den Tanz. Ihr sehr intensiver und direkter Umgang mit gesellschaftlichen Miss-ständen einerseits und emanzipatorischem Pathos andererseits vermittelt breitesten und vor allem jungen Bevölkerungsschichten ein starkes Bewusstsein für Sprache und deren Fähigkeiten und Zuständigkeiten für alle Belange des Lebens. Zudem hat ein Poetry-Slamer an sich entdeckt, dass er viele für die Performance des Textes wichtige Elemente mitbringen muss, um die eigene Sprache und Stimme in Bezug auf ein Publikum zu schulen und zu entwickeln. Viele der heute wichtigen poetische Stimmen in unseren Ländern bekennen sich zur performativen Kraft der Spoken Poetry beziehungsweise haben dazu ein Verhältnis entwickelt, das durchaus auch ablehnend sein kann.

Entdecken wir Dichtung und die Lust am poetischen Denken neu und lernen uns darüber besser kennen!
Thomas Wohlfahrt
leitet die Literaturwerkstatt Berlin und damit die www.lyrikline.org,
das poesiefestival berlin und das ZEBRA poetryfilmfestival.

Herbst 2012
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