Litauen

Was wird heutzutage über die deutsche Literatur in Litauen gesprochen

Romualda Brastavičienė, Litauen © Romualda Brastavičienė
Romualda Brastavičienė,
Litauen,
Cheflektorin beim Verlag „Versus aureus“
Über die Bücher, über die Schriftsteller und über die Leser kann man sehr viel und lange reden, sowohl über die klassische als auch über die gegenwärtige deutsche Literatur, sowohl über den aktiven und intellektuellen als auch einfachen und statistischen Leser.

Der heutige litauische Leser kennt inzwischen viele deutsche Schriftsteller und ihre wichtigsten Werke, viele von ihnen sind auch übersetzt und in der litauischen Sprache ausgegeben. Schon in der Schule hat man nicht nur die Meisterwerke der deutschsprachigen Klassiker Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, Hugo von Hofmannsthal, Heinrich Heine gelesen, sondern auch die von Thomas Mann, Bernhard Schlink, Martin Suter, Max Frisch, Elfriede Jelinek, Patrick Süskind oder Jenny Erpenbeck. Nicht weniger weltberühmte deutsche Philosophen und Denker – Friedrich Nietzsche, Friedrich Schlegel, Sigmund Freud, Arthur Schopenhauer oder Martin Heidegger – könnte man erwähnen. Viele von ihnen haben einen großen Einfluss auf uns ausgeübt, den Literaturgeschmack und das Denken überhaupt formiert. Aber diesmal möchte ich mich mehr auf einige Probleme konzentrieren, mit denen ich nicht als aktive Leserin sondern als Vertreterin eines der litauischen Verlage bei der Auswahl und Ausgabe eines neuen Buches, bei der Vorstellung eines bekannten Klassikers oder eines unbekannten Autors der litauischen Leserschaft konfrontiere.

Fast jeden Tag quält mich ein und dieselbe Frage: welcher Schriftsteller, welches Buch heute? Wie wird interessante und dazu wertvolle Literatur gesucht, eingeschätzt, übersetzt, ausgegeben und auf den litauischen Buchmarkt gebracht? Diese Frage ist genügend umfangreich und schwer kurz zu beantworten. Alle Bücher, die derzeit im deutschen Sprachraum erscheinen, kann man per Internet fast in einem halben Tag finden. Alle Verleger Litauens können Kataloge und Programmhefte direkt bei den deutschen Verlagen beziehen und so auf dem neuesten Stand sein. Das ist sehr einfach: man muss nur das vorliegende Material gründlich durchlesen. Aber meistens, ich würde sagen fast immer, genügt es bei weitem nicht. Die Bücherwerbung in Deutschland ist schon auf die größte Hochebene gelangt: die Vorstellung des Werkes und seines Autors ist immer besonders meisterhaft gegeben. Viele Bücher könnte man direkt bestellen und ihre Ausgaberechte kaufen. Aber das Denken an den Buchpreis erlaubt es nicht: die Lizenzrechte-, die Übersetzungs- und die Ausgabepreise sind in den letzten Jahren sehr aufgestiegen. Immer denke ich als Vertreterin des Verlages an die Finanzen, die man dafür brauchen wird. Aber die andere Person, die in mir sitzt, meint es anders: man braucht das Buch selbst, um wirklich einschätzen zu können, ob das Werk eines bestimmten Autors nicht nur für mich interessant ist, ob es auch den lesenden Litauer anziehen und ansprechen wird. Meiner Meinung nach stellen sich ähnliche Fragen viele litauische Verleger, die nach besten Autoren und ihren Bestsellern suchen. Unzählige deutschsprachige Bücher kommen nach Litauen und werden von den zuständigen sachkundigen Mitarbeitern der Verlage sehr aufmerksam gelesen, sie werden nach mehreren Kriterien bewertet und diskutiert, gelobt und kritisiert. Wie in Deutschland oder Österreich, so auch in Litauen. Wenn man ein neues Buch liest, denkt man immer dabei an seine eventuelle Übersetzung: wie wird der zu übersetzende Text auf litauisch klingen, wie ist der Stil des Autors wiederzugeben, welcher von den litauischen Übersetzern könnte diese Aufgabe am besten bewältigen? Wie wird sich das Buch verkaufen? Wie viel Zeit und Geld wird für eine wirksame Werbung benötigt, damit es nicht in der Bücherflut versinkt und verloren geht? Nach solchen Qualen, die die meisten Verleger umtreiben, erschienen viele deutsche Werke in litauischer Sprache. Man hat Johannes Bobrowski, Heinrich Böll, Ricarda Huch, Christa Wolf, Thomas Hettche, Wilhelm Genazino, Günter Grass, Daniel Kehlmann und mehrere andere auf litauisch gelesen. Heute freue ich mich aus vollem Herzen und bin stolz, dass heutzutage weltweit populäre Werke von P. Süskind („Das Parfüm“) in Litauen noch im Jahre 1995, B. Schlink („Der Vorleser“) im Jahre 2000 erschienen sind. Dazu könnte man hinzusetzen: die litauischen Kenner der deutschen Literatur haben richtig gewählt – manche der oben erwähnten Werke haben die Leser Litauens früher gefunden und in ihren Bann gezogen.

Aber ich möchte noch einiges über die Probleme der Literaturauswahl im heutigen Litauen sagen. Um ein gut gekauftes und viel gelesenes Buch zu finden, muss man zuerst an den statistischen litauischen Leser denken, und es ist nicht leicht, sich damit zu beschäftigen. Manche deutsche Bücher der gegenwärtigen Literatur passen direkt nur auf den deutschen Buchmarkt, weil die dort aufgehobenen Themen und geschilderten Geschehnisse mehr mit der Geschichte Deutschlands oder mit dem heutigen Staat verbunden und darum den Deutschen selbst interessant sind. Die Übersetzungen solcher Werke würden in Litauen einen engen Leserkreis finden, daraus ergibt sich: das Buch wird im Büchermeer zugrunde gehen und mehr Ausgaben als Nutz bringen. Damit so was nicht passiert, wählt man sozusagen leichtere Lektüre. Da schlägt man für die litauische Leserschaft historische Romane, Krimis und Liebesromane vor. Die sind am meisten gelesen und dem lesenden Litauer bereits durch recht viele moderne deutsche Werke zugänglich. Meistens ist diese Weise der Literaturauswahl unkompliziert und einfach. Die klassische und gegenwärtige populäre Literatur bahnt sich meistens schneller den Weg auf den litauischen Buchmarkt. Aber unter den Litauern gibt es solche, die tiefere, reichere und intellektuellere Bücher zum Lesen brauchen – die weltberühmte deutsche Klassik. Es gibt auch mehrere Studenten, Schüler und überhaupt die Klassikschmöcker, die solche Werke in der Muttersprache nicht finden werden. Mit großem Bedauern muss ich aber feststellen, dass noch heutzutage, am Anfang des 21. Jahrhunderts, viele Meisterwerke aus der Schatzkammer der deutschsprachigen Klassik in der Muttersprache der litauischen Leserschaft nicht vorhanden sind. Wir brauchen weitere litauische Übersetzungen von J. W. Goethe, H. Heine, Hermann Broch, Arthur Schnitzler, Franz Werfel usw. Aber für eine solche wichtige und zeitaufwendige Arbeit braucht man nicht nur gebildete, talentierte und kreative Übersetzer, sondern auch eine feste materielle Basis, damit alle Vorgänge des langen und kostspieligen Prozesses der Übersetzung und der Veröffentlichung reibungslos ablaufen können. Und heute denkt man schon daran: Ende September wird „Die Woche des deutschen Romans“ an der Vilniusser Universität stattfinden, die besten fünf deutschen Romane aus den sechzig Büchern, die die litauische Leserschaft am besten schätzt und am meisten liest, werden gewählt. Die vorgeschlagenen Werke gehören zum deutschen Schatz sowohl der klassischen als auch der populären gegenwärtigen Literatur. Diese Veranstaltung zeigt, dass man immer an den lesenden heutigen Litauer denken muss: an den, der die „echte“ Klassik liebt, und an den, der die leichte Lektüre sucht und schätzt.
Romualda Brastavičienė, Litauen
ist Cheflektorin beim Verlag „Versus aureus“

Oktober 2009