Sachbücher zu Philosophie, Gesellschaft, Literatur- und Kulturgeschichte

Götz Aly
Europa gegen die Juden. 1880-1945

© S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2017 Götz Aly: Europa gegen die Juden. 1880-1945 © S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2017Der säkulare Antisemitismus hatte, wenn man Götz Alys panoramahafter Studie über die Judenfeindschaft in Europa nach 1880 folgt, andere, tiefere Motive. Der wachsende Hass auf die jüdischen Minderheiten war ein Effekt der nationalistischen Bewegungen, die auf den Trümmern der zusammenbrechenden multiethnischen Großreiche Russland, osmanisches Reich und K.-u.-k-Dynastie wuchsen. In den neuen, jungen Staaten, von Griechenland bis Ungarn und Polen, machte sich im frühen 20. Jahrhundert ein aggressiver Nationalismus breit, der alles, was anders war, diskriminierte und unterdrückte. Die Idee der ethnisch reinen Nation war ein Brandbeschleuniger für militante Judenfeindschaft. „Europa gegen die Juden“ führt diesen Zusammenhang, der nicht ganz neu ist, anschaulich vor Augen.
Ein zweites Schlüsselmotiv war die mit dem Niedergang der feudalen Kastensysteme und der Morgenröte der bürgerlichen Gesellschaft verbundene Emanzipation der Juden, die seit dem 19. Jahrhundert, im Westen rascher als im Osten, auf dem Kontinent Fuß fasste. Juden standen neue Berufe offen. Viele ergriffen, mit dem für Minderheiten typischen Schwung, die Möglichkeit aufzusteigen und Anwalt, Arzt oder Unternehmer zu werden. Genau das mobilisierte die judenfeindlichen Phobien.
Als typisches Beispiel zeichnet Aly die Lage in Ungarn. Dort stellte die jüdische Minderheit 1920 kaum 6 Prozent der Bevölkerung, aber 51 Prozent der Rechtsanwälte, 39 Prozent der Ingenieure und Chemiker, 34 Prozent der Journalisten und etwa 50 Prozent der Ärzte.

Stefan Reinecke: „Auf Biegen und Brechen“
© die tageszeitung, 22. Februar 2017

Götz Aly
Europa gegen die Juden. 1880-1945
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2017
ISBN 9783100004284
432 Seiten


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