Sachbücher zu Gesellschaft, Kulturgeschichte, Geschichte und Autobiographien

Lutz C. Kleveman
Lemberg. Die vergessene Mitte Europas

© Aufbau Verlag, Berlin, 2017 Lutz C. Kleveman: Lemberg. Die vergessene Mitte Europas © Aufbau Verlag, Berlin, 2017Im Herbst 1990 rissen Lemberger Bürger das Lenin-Denkmal nieder. Endlich gab der Sockel aus Granit nach, Herbeigeeilte schwangen Hämmer, um das Symbol der Sowjetherrschaft vollends zu zerstörten und hielten inne. Unter der Granithaut bestand der Sockel aus Grab­steinen mit hebräischen Inschriften. Die Deutschen hatten den jüdischen Friedhof 1944 zerstört, die Sowjets herumliegende Grab­steinhaufen später verbaut.
Diese knappe Szene beschreibt der Journalist Lutz C. Kleveman in seinem zwischen Essay, historischer Recherche und Reiseführer oszillierenden Stadtporträt über Lem­berg. Diese Episode ist eine Metapher für die verschüttete, traumatische, von den totalitären Gewaltregimen des letzten Jahrhunderts bestimmte Geschichte dieser Stadt. Schon ein paar zufällig gesetzte Hammerschläge reichen, um sie zum Vorschein zu bringen.
Lemberg, ukrainisch Lwiw, gehörte zwischen 1914 und 1991 zu sieben ver­schie­den­en Staaten, zu Österreich-Ungarn und Polen, zur Sowjetunion und zur Ukraine. In den 40er Jahren wurde die multiethnische Stadtgesellschaft, eine Mixtur aus Juden, Polen, Ukrainern, Armeniern, Deutschen, erst von Stalins Terrororganisationen heimgesucht, dann vom Vernichtungskrieg der SS. Ende der vierziger Jahre gab es in Lemberg kaum noch Bewohner, die dort schon zehn Jahre zuvor gelebt hatten. Die Oper und die barocken Ensembles im Zentrum hatten den Krieg recht heil über­standen - die jüdische Gemeinschaft war von den Deutschen ermordet, die polnische von Stalin vertrieben worden. Ein Gespenster-Ort.

Stefan Reinecke: „Narbiges Antlitz“
© die tageszeitung, 8. Juli 2017

Lutz C. Kleveman
Lemberg. Die vergessene Mitte Europas
Aufbau Verlag, Berlin, 2017
ISBN 978-3-351-03668-3
315 Seiten