Sachbücher zu Gesellschaft, Kulturgeschichte, Geschichte und Autobiographien

Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943-1945 © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2017

Heinrich Böll
Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943-1945

Obwohl man aus den Kriegstagebüchern von Heinrich Böll wenig erfährt, was man aus den Briefen nicht schon wüsste, und obwohl sie meist nur wenige zusammen­hängen­de Sätze enthalten, in der Regel bloß Stichworte, Ortsangaben, gestammelte Anrufungen, sind gerade diese Anrufungen, diese Notschreie, Stoßgebete und Hilfe­rufe wahrhaft erschütternd. (…) Sechs Jahre lang ist Böll Soldat gewesen. In dieser Zeit hat er geheiratet, seinen ersten Sohn gezeugt, der wenig später starb, seine Mutter verloren, wurde seine Heimatstadt Köln zerstört.Mehr ...
Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere © Siedler Verlag, München, 2017

Magnus Brechtken
Albert Speer. Eine deutsche Karriere

Magnus Brechtken hat seine lange erwartete Speer-Biografie mit dem Untertitel „Eine deutsche Karriere“ versehen, nicht nur, weil Hitlers Architekt nach seiner Haftzeit eine fragwürdige zweite Laufbahn als extrem beliebter Zeitzeuge begann, sondern weil er hier den „Typus des bürgerlichen Deutschen, der bewusst zum Nationalsozialisten wurde und nach 1945 nicht den Willen und die Einsicht hatte, sich über seine Taten eine ehrliche Rechenschaft zu geben“, beschreiben will. Die zentrale These lautet: Speers Karriere war repräsentativ.Mehr ...
Ute Frevert: Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht © S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2017

Ute Frevert
Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht

Die Würde des Menschen ist antastbar. Es vergeht kaum eine Minute, in der sich dies nicht irgendwo auf der Welt zeigt. Von der Steinzeit bis zur Gegenwart zieht sich die Geschichte der Demütigung von Menschen. Bis heute werden Stigma und gesellschaftlicher Ausschluss als Waffen eingesetzt. Dabei galt und gilt: Je größer die Öffentlichkeit, desto größer die Scham, die sich einbrennt.
Zweieinhalb Jahrhunderte dieser Geschichte des Wechselspiels zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Unterlegenheit und Unterwerfung hat Ute Frevert nun durch­schritten.Mehr ...
Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Die Autobiographie © Aufbau Verlag, Berlin, 2017

Gregor Gysi
Ein Leben ist zu wenig. Die Autobiographie

Nicht die Eitelkeit sei „das Problem“ der eitlen Leute, „sondern die Frage, ob sie ihre Eitelkeit beherrschen oder von ihr beherrscht werden“. Das Fazit nach der Lektüre: Ohne Eitelkeit hätte Gysi seine letzten fünfzig Jahre nicht heil überstanden. (…) Vater Gysi hat seinen Sohn und die Tochter zum Kommunismus hin erzogen. Der Tochter wurde die restriktive Politik der DDR in den 80er Jahren zu bunt. Der Vater half bei der Ausreise. Der Sohn blieb beim heruntergestuften Kommunismus, dem Sozialismus, und bei dem Gedanken, dass die „Härte des Kalten Krieges“ und die Unerfahrenheit der Machthaber samt ihrer Selbstgerechtigkeit das politische System der DDR zugrunde gerichtet hätten.Mehr ...
Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem © Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2017

Jürgen Kaube
Die Anfänge von allem

Es erfordere Mut, „sich auf Anfänge festzulegen“, schrieb Jürgen Kaube einmal. Es setze außerdem eine „hohe Ansprechbarkeit durch Geschichtsphilosophie voraus“. Mut und solche Ansprechbarkeit bezeugt Kaube, Feuilleton-Chef und Mit­heraus­geber der „FAZ“, nun in einer umfangreichen Studie, deren Titel eine Enzyklopädie der Anfänge verspricht. (…) Doch Jürgen Kaube geht es gerade um das Wozu, freilich nicht im Sinne eines blanken Funktionalismus. Gerade die Technik­geschichte wird weitgehend ausgeklammert.Mehr ...
Lutz C. Kleveman: Lemberg. Die vergessene Mitte Europas © Aufbau Verlag, Berlin, 2017

Lutz C. Kleveman
Lemberg. Die vergessene Mitte Europas

Im Herbst 1990 rissen Lemberger Bürger das Lenin-Denkmal nieder. Endlich gab der Sockel aus Granit nach, Herbeigeeilte schwangen Hämmer, um das Symbol der Sowjetherrschaft vollends zu zerstörten und hielten inne. Unter der Granithaut bestand der Sockel aus Grab­steinen mit hebräischen Inschriften. Die Deutschen hatten den jüdischen Friedhof 1944 zerstört, die Sowjets herumliegende Grab­steinhaufen später verbaut.
Diese knappe Szene beschreibt der Journalist Lutz C. Kleveman in seinem zwischen Essay, historischer Recherche und Reiseführer oszillierenden Stadtporträt über Lemberg.Mehr ...
Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus © C. H. Beck Verlag, München, 2017

Gerd Koenen
Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus

Was war der Kommunismus? Laut Brecht das Einfache, das schwer zu machen ist. Gangchanzhuyi – die chinesische Umschreibung des höchsten Ideals und end­gül­tigen Ziels der Partei, bedeutet etwa „die gemeinsame Wiedergeburt der Herr­schaft der Gerechtigkeit“. (…) In Gerd Koenens monumentaler Studie über die „Ursprünge und die Geschichte des Kommunismus“ findet man all diese Be­stimmungen, Apho­ris­men, Selbstbeschreibungen – und noch viele mehr. Ein Charakteristikum des Kommunismus sieht Koenen, angeregt vom Roman „Der stille Don“, für den Michail Scholochow den Literaturnobelpreis erhielt, in der extremen „Spannung zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten. (…)Mehr ...
Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: Mit Rechten reden. Ein Leitfaden © Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2017

Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn
Mit Rechten reden. Ein Leitfaden

Kann, soll und will man überhaupt mit den Anhängern der neuen Rechten reden? Diese Fragen stellen sich selbst und ihren Lesern der Historiker Per Leo, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn und der Jurist Maximilian Steinbeis. Ihren ge­mein­samen, als „Leitfaden“ untertitelten Band „Mit Rechten reden“ verstehen sie als „Intervention“ gegen „Erwartbarkeit“ und „Nervosität“. Beides prägt die ge­gen­wär­ti­gen Debatten des linksliberalen Mainstreams, etwa zur Flüchtlingspolitik oder zur Rolle des Islam in Europa. (…) „Rechts“ ist für Leo, Zorn und Steinbeis keine mehr oder weniger konsistente politische Haltung wie „konservativ“ oder „liberal“, sondern eine bestimmte Art des Sprechens.Mehr ...
Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017

Ijoma Mangold
Das deutsche Krokodil

Wenn das literarische Genre des „Memoirs“ weiter so boomt, werden bald immer mehr Menschen in immer jüngeren Jahren ihre vorläufige Autobiografie verfassen. Im Prinzip ist natürlich jedes Leben, sogar jeder Lebensabschnitt erzählenswert; es kommt auf die Perspektive und auf die Art der Darstellung an. Wer von Berufs we­gen die Kunst des Schreibens pflegt, hat hier die besseren Karten. Unter jenen, auf die das zutrifft, dürften indes nur wenige über einen so ungewöhnlichen Le­bens­stoff verfügen wie Ijoma Mangold, einer der bekanntesten deutschen Litera­tur­kri­ti­ker, früher bei der SZ, heute bei der Zeit, der 1971 in Heidelberg ge­bo­ren wurde, bei seiner Mutter aufwuchs und erst als Erwachsener seinen nigerianischen Vater, dessen Familie und die Hintergründe seiner eigenen Herkunft kennenlernte.Mehr ...
Markus Metz, Georg Seeßlen: Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven © Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017

Markus Metz, Georg Seeßlen
Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven

Die aufregende Differenz und Identität von Freiheit und Kontrolle wäre so ein Problem, dem sich Georg Seeßlen und Markus Metz jetzt in einem Buch widmen. Das Problem kennt jeder, ich kenne es von der Französischen Revolution. Diese rief „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ aus, aber es ist klar, dass der Anspruch auf Gleichheit mit dem auf Freiheit nicht kompatibel ist. Die Propaganda will die vielen gleichen Schwestern und Brüder vor einer Freiheit schützen, die die Ungleichheit zur Voraussetzung hat. „Man braucht Kontrolle“ – dieser politische Slogan stand oft auf Plakaten. (…)Mehr ...
Christina Morina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte © Siedler Verlag, München, 2017

Christina Morina
Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte

Wie wird aus Theorie Praxis, aus Ideen Politik? Und wie lässt sich davon erzählen? Die Historikerin Christina Morina hat die faszinierende Form des Gruppenporträts gewählt, um davon zu berichten, wie das Theoriegebäude von Karl Marx unter die Menschen kam. Die Erfindung des Marxismus heißt ihr eindrucksvolles Buch, und eine ihrer Botschaften lautet, dass die Protagonisten mindestens ebenso sehr von Marx´ Ideen gefunden und zusammengebracht wurden, wie sie ihrerseits den Marxismus als politische Bewegung erfanden.Mehr ...
Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin © Berlin Verlag, Berlin, 2017

Ronen Steinke
Der Muslim und die Jüdin

Die Gestapo kam regelmäßig. Der ägyptische Arzt im vornehmen Berlin-Charlotten­burg schrieb 1943 zu häufig Zwangsarbeiter krank. Wenn die SS-Schergen herein­pol­ter­ten, besänftigte sie am Empfang die Muslimin Nadja. Dass sie ein Kopftuch trug und der Arzt ihr ein paar Worte auf Arabisch zurief, irritierte die Ge­heim­po­li­zisten nicht. Schließlich galten die Muslime den Nazis als potenzielle Verbündete gegen die Juden und die englischen Kolonisten am Nil. Doch die Arzthelferin ver­barg unter dem Kopftuch nicht nur ihr Haar, sondern ihr nacktes Leben. Denn Nadja war Anna, eine 17-jährige, von der Gestapo gesuchte Jüdin. (…)Mehr ...
Thomas Wagner: Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten © Aufbau Verlag, Berlin 2017

Thomas Wagner
Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten

Einen gewagten Weg beschreitet (…) der dezidiert linke Soziologe Thomas Wagner mit seinem Buch Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten (Aufbau Verlag). Im Glauben, ein offen geführter Streit führe weiter als ein Diskursausschluss, liest er nicht nur die Texte der intellektuellen Rechten der Gegenwart, sondern sucht die maßgeblichen Protagonisten auch auf.(…) Er spricht mit ihnen nicht im üblichen Gestus des extremismusforschenden Entlarvers, der eh schon weiß, was seine Gesprächspartner in Wahrheit so denken und glauben und es nur nicht so sagen, sondern als neugieriger Diskutant. Das ist zweifellos der Reiz dieses ungewöhnlichen Buches. (…)Mehr ...
Heinrich August Winkler: Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika © C.H. Beck Verlag, München, 2017

Heinrich August Winkler
Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika

Rund zwanzig Jahre seines wissenschaftlichen Lebens hat der Berliner Historiker Heinrich August Winkler diesem Thema gewidmet, zunächst dem "Langen Weg nach Westen", den die Deutschen gehen mussten. Dann machte er sich an eine vier­bän­di­ge Geschichte des Westens von der Antike bis in die Ge­gen­wart.
Doch kaum war der letzte Band veröffentlicht, da schien das "normative Projekt" in eine Krise gekommen: Die Europäische Union verlor an Anziehungskraft, die bisher so selbstverständlich wirkende Gemeinsamkeit von Demokratie, Liberalismus und Rechtsstaatlichkeit lockerte sich.Mehr ...