Lettland

Atemschaukel

© Mag/EtöDace Rukšāne
Atemschaukel
In: LILIT 06.2011


© Apgāds Zvaigzne ABCHand aufs Herz, eines kann ich mit Sicherheit sagen: Ich gehöre nicht zu denjenigen, die begeistert Literatur über historisch schwierige Zeiten lesen, über Themen die schon im Vorhinein leidvolle Erfahrungen versprechen. Ich bin ganz und gar der Ansicht, dass man die Geschichte kennen muss und die Vergangenheit nicht ignorieren darf, denn wenn nicht gegossene Wurzeln vertrocknen, stirbt auch der Baum bis in den Wipfel ab. Allerdings suche ich mir gerne sehr sorgfältig aus, wie ich mit Geschichte konfrontiert werde. Der im Verlag Zvaigzne ABC erschienene Roman Atemschaukel der Nobelpreisträgerin Herta Müller dagegen ist eines jener Werke, die echte Freude bereiten. Der Leser durchlebt die Ereignisse des Romans, der einen tiefbleibenden Eindruck hinterlässt, gleichsam selbst. Das Buch basiert auf einer wahren Geschichte, dem Schicksal eines Rumänen, der in einem Arbeitslager in der Nachkriegs-UdSSR inhaftiert ist. Besonders bedeutsam ist die Tatsache, dass der Erzähler Poet war, denn an so feine und besondere Details kann sich nur jemand mit einer anderen Wahrnehmung und Weltsicht erinnern. Dieses Buch ist wie ein Gedicht, jeder Satz ist ein Kunstwerk. Doch lassen Sie sich davon nicht abschrecken – es findet sich darin nichts Schwieriges, keine Spur von Besserwisserei, Gekünsteltheit und stilisierten Posen. Ein wirklich schöner, schwermütiger und vor allem direkter, ein sehr direkter Roman.

Herta Müller
Elpas šūpoles (Originaltitel: Atemschaukel) Übersetzung: Silvija Brice.
Rīga : Apgāds Zvaigzne ABC, 2011
ISBN 978-9934-0-1171-9