Lettland

Lea

Anda Kārkliņa
Ein trauriges Spiel. Pascal Mercier „Lea“
In: andasstuff.wordpress.lv, 25.2.2015


Pascal Mercier: Lea © Zvaigzne ABCDie Lektüre von Pascal Merciers bedrückender Novelle Lea hinterlässt ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Ähnliches empfindet man bei einem klassischen Konzert, wenn die Schlussakkorde einer wunderbaren Melodie verklingen, sich langsam unter den Tiefenschichten der Haut ausbreiten und dort einen Augenblick der Verzückung auslösen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich der Achterbahnfahrt seiner Gefühle hinzugeben – von prickelnder Freude bis zu Tränen der Trauer. Mercier schreibt unglaublich treffend und rührt mit seinen Worten genau so tief wie Musik. Er schreibt über einen Vater, der auf der Straße einen Fremden anspricht und ihn bittet, seine Geschichte anzuhören: das tragische Schicksal seiner Tochter Lea. Er schreibt über den Fremden, der einen Weg zu sich selbst und seiner Familie sucht und über die Tochter, eine zerbrechliche Seele und virtuose Geigerin, deren Talent sich erst erhebt, um dann zu Asche zu verbrennen. Über Musik, die Festungen und Mauern zum Einsturz bringt aber auch erst errichten kann (...). Diese Geschichte muss man lesen und fühlen und man muss ihr Zeit geben sich zu setzen. Es ist eine Geschichte über Egoismus, Besessenheit und die Liebe. Einem virtuosen Geigenkonzert vergleichbar hat Lea mich wie ein Sturm ergriffen, aufgewühlt und Spuren hinterlassen. Ein mystisches Gefühl, das einen noch lange, nachdem man das Buch beiseite gelegt hat, gefangen hält. Doch jeder von uns sollte ins Meer der Traurigkeit eintauchen, das dieses literarische Werk bereithält, um danach gereinigt und emotional reicher ans Ufer zu treten.

Pascal Mercier
Lea (Originaltitel: Lea) Übersetzung: Silvija Brice
Rīga : Zvaigzne ABC, 2015
ISBN: 9789934050114