Slowakei

Vielleicht Esther

© Mag/EtöĽubomír Jaškobr
Im Schatten des Stammbaums
In: Tageszeitung SME, 30. Oktober 2015


Katja Petrowskaja: Asi Esther © PremediaAlle Umstände des Buches (und der Autorin) drohten das Leseerlebnis zu deformieren und die Leser zu vergraulen. Die Erinnerung an die Familiengeschichte droht oft in Nostalgie zu versinken. Die Ukrainische Herkunft der Schriftstellerin sowie ihr aktuelles Leben in Deutschland erwecken den Eindruck einer Emigrantensaga.

Das literarische Erzählen über Verwandte in Verbindung mit dem KZ Mauthausen und dem Warschauer Ghetto hätte sich in bereits tausendmal gelesenen leeren Stereotypen verlaufen können.

Doch Katja Petrowskaja hat all diese Hindernisse mit Bravour überwunden, und ihr Buch ist glücklicherweise ganz anders. Sie wollte ursprünglich etwas über Frieden schreiben, doch immer wieder landete sie beim Krieg. Sie hat sich für die deutsche Sprache entschieden, die beim Schaffen eine Befreiung bedeutete. Hätte sie auf Russisch geschrieben, wäre sie in der moralischen Polemik zwischen Sieger und Opfer gefangen geblieben.

Mit der deutschen Sprache hat sie bewiesen, dass es für sie im Buch nicht die Hauptrolle spielt, wer Täter und Opfer sind. Sie kämpfte privat mit der neuen Sprache. Ihre Auseinandersetzung mit dieser sprachlichen Herausforderung und ihr Mut wurden von der deutschsprachigen Leserschaft und Kritik zu Recht hochgelobt.

Katja Petrowskaja
Asi Esther (Originaltitel: Vielleicht Esther)
Übersetzt von: Zuzana Demjánová
Bratislava: Premedia, 2015,
ISBN 978-80-8159-254-6