Ungarn

1913. Sommer des Jahrhunderts

©‎ Park KonykiadoViktória Bodó Booklány
Még semmi nem történt meg (Noch ist nichts geschehen), 2014


©‎ Park KonykiadoDieses eine Jahr trennte das lange 19. vom kurzen 20. Jahrhundert. 1913 war der Markstein zwischen dem, was man hierzulande als „glückliche Friedenszeit“ zu bezeichnen pflegt, und dem, was die Hölle selbst war. In diesem Jahr erreichte ein irgendwie nihilistischer, aufrührerischer, zum Zerreißen angespannter und individualistischer Zeitgeist seinen Gipfelpunkt, während in der Tiefe bereits der Geruch von endgültigem Zerfall und Verwesung zu spüren war.

In diesem Jahr liefen sich in den maßgebenden Städten des Kontinents einander bekannte und unbekannte Persönlichkeiten über den Weg: der unendlich abergläubische Schönberg dem Erneuerer Strawinski in der Musik, Picasso, Kokoschka und Malewitsch in der Malerei, Proust, Rilke und die Gebrüder Mann in der Literatur, in einem kleinen Hutsalon tauchte Chanel auf, die Witwe Mahlers vor allem im Bett eines Kunstmalers. Dieser erfolglose, mittelmäßige Maler, ein gewisser A. H. und eine unter Pseudonym in der Illegalität reisende Gestalt namens J.(W.)S. sind vermutlich in einem bestimmten Park aneinander vorbeispaziert, mag sein, dass sie sogar gegenseitig den Hut zogen, höflich, wie es damals üblich war. Während Jung und Freud dem Denken für immer ihren Stempel aufdrückten….

Dass wir seither über die Seele, über den Wert des Menschen, über Krieg und Frieden, die Kunst, die Mode, die Musik und die Literatur so reden, wie wir es heute noch tun, geht auf sie alle zurück. Grundbegriffe, Basis und Halt für unser Denken gaben uns Nachgeborenen sie, die einfach ihr Leben lebten und sich bemühten zu arbeiten, zurechtzukommen, zu lieben, auf der Suche nach Erfolg …

Florian Illies
1913 : Az évszázad nyara
(Originaltitel: 1913 : Der Sommer des Jahrhunderts)
Übersetzt von: Fodor Zsuzsa.
Budapest: Park, 2014
ISBN 978-963-355-050-2