Ungarn

Vielleicht Esther

©‎ Park KonykiadoCecília Stenszky
Katya Petrovszkaja megtalálja a múltját (Katja Petrovskaja findet ihre Vergangenheit)
librarius.hu, 27. März 2015


Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther ©‎ Magvető VerlagEine Schriftstellerin russischer Abstammung aus Kiew hat sich auf die Spuren ihrer Vorfahren gemacht, noch dazu auf Deutsch, um jene bis dahin verworrenen Fäden zu entwirren, die auch in ihrem Leben Wirkung zeigen. Spontan und ungekünstelt aufrichtig ist sie, und genau dadurch ist das Buch Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja durch und durch authentisch.

Ihre Sprache und ihre Denkweise sind kreativ, was sie entdeckt, bringt sie in Verbindung mit ihrer Seele, dem Weg in die Vergangenheit und mit den Worten, die berufen sind, zumindest einen Teil des Lebens abzubilden, der nicht darstellbar ist. Schlichte Archivaufnahmen ergänzen die Charakterporträts der Vorfahren in den jeweiligen Kapiteln.

Die in den Geschichten hier alt, da jung, dort als Kind auftauchenden Protagonisten erhalten inmitten der Widrigkeiten des 20. Jahrhunderts oft allein schon durch ein Wort eine klar umgrenzte und doch vielschichtige Persönlichkeit, sie geben der Geschichte eines Lebens Raum, das die Autorin erahnt oder weiß. Ohne ziellose Umwege, mit Sorgfalt baut Katja Petrowskaja den Text auf, fesselt den Leser bis zum Schluss an den Text, dass er liest, was an jenem bestimmten Tag an jener Straßenecke in Kiew geschehen ist, als die Urgroßmutter von Vielleicht Esther ihrem Achillesschicksal entgegentrippelte.

Es ist gut, Vielleicht Esther zu lesen, es ist ein kreativer und dichter Text. Zugleich wirklich, soweit die in Buchstaben gefasste Vergangenheit Wirklichkeit zu sein vermag, und auch das verleiht dem Buch Glaubhaftigkeit. Seine größte Schönheit ist es aber, dass die vom Schicksal zufallsmäßig hin- und hergezerrten, einfachen russischen, polnischen, jüdischen Vorfahren und ihre mutigen Nachkommen aus den unmöglichen Situationen alles Menschenmögliche machen, in einer unversehrten, Tiefe bewahrenden Sprache; das ist es, was der Seele Auftrieb geben kann. Was Petrowskaja in diesem Buch präsentiert, - weil weder beckmesserisch, noch wetteifernd oder flapsig, sondern mit schlichter Offenheit - ist nicht nur vielleicht Literatur, sondern wirklich.

Katja Petrowskaja
Talán Eszter (Originaltitel: Vielleicht Esther)
Übersetzt von: Imre Kurdi
Budapest: Magvető, 2015
ISBN 978-963- 142815-5