Ungarn

F

©‎ Park KonykiadoBalázs Dániel Görföl
Selten liest man ein derart entspanntes und intellektuelles Buch wie den neuen Roman des Wunderkindes der deutschen Literatur (Ritkán olvasni olyan felszabadult és intellektuális könyvet, mint a német irodalom csodagyerekének új regénye.)
In: Jelenkor.net, 04. Dezember 2014


Daniel Kehlmann: F ©‎ Magvető VerlagDaniel Kehlmann dürfte den ungarischen Lesern vor allem wegen seines Romans Die Vermessung der Welt bekannt sein. Was Esprit, Eleganz, und künstlerisches Niveau betrifft, ist F, erschienen im vergangenen Jahr, in jeder Hinsicht dem außerordentlich erfolgreichen Band ebenbürtig, der das Duo Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß in den Mittelpunkt stellt. Das neue Werk spielt bereits im Deutschland unserer Tage, zur Zeit der großen Finanzkrise – beziehungsweise mit Rückbezügen auf die 1980-er Jahre.

Aufgrund der Figuren fragten sich deutsche Kritiker, ob es dem Roman um die katholische Kirche, die Krise des Finanzsektors und der Welt der Kunst gehe, doch Kehlmann ist viel zu nüchtern und konkret, als dass man ihm derartige ideologische Absichten unterstellen könnte. Wie er in einem Interview sagt, hütet er sich vor Symbolen, seine Protagonisten verkörpern nicht abstrakte Inhalte, sie sind, wer sie sind. F handelt vor allem von den Mitgliedern der Familie Friedmann, und genau das ist befreiend, nämlich dass es für uns als Leser vollkommen ausreichend und lohnend ist, uns in ihre außerordentlich schön ausgearbeiteten Charaktere zu vertiefen, ohne fortwährend nach hintergründigen Inhalten zu suchen. Sicher, wenn man aufmerksam liest, erfährt man mittels der Akteure sehr-sehr viel, zumindest bietet es sich an, sich über die verschiedensten Bereiche des Lebens Gedanken zu machen.

… der Roman richtet einen zwar nicht bösartigen, aber doch sanften Angriff gegen die Seele des Lesers oder zumindest gegen seine scheinbar sicheren Vermutungen. Wer bis dahin gedacht hatte, zwischen Glauben und Ungläubigkeit sei eine scharfe Grenze, oder wer meinte, andere wüssten, was sich in ihm abspiele, wer gar der Ansicht war, dass es Leuten, die am interessantesten zu sein scheinen ..., nicht davor graut, dass auch sie mittelmäßig sind, wer vielleicht darauf vertraute, das Leben sei eine konstante Geschichte, nicht aber eine wirre Abfolge bloßer Eindrücke und nicht mitteilbarer Erlebnisse, der könnte beim Lesen des Romans verunsichert sein. Wobei er von Kehlmann natürlich auch keine sicheren Antworten oder Anleitungen erwarten sollte.

Ich kann nur hoffen, dass F auch bei uns seine Leser finden wird. Endlich ein Buch, das verunsichert, ohne in Ratlosigkeit zu stürzen und einen in seine subtilen Freuden und Spielereien auf eine Weise einbezieht, dass man sich ihm getrost anvertrauen darf.

Daniel Kehlmann
F (Originaltitel: F)
Übersetzt von: Zsuzsa Fodor
Budapest: Magvető, 2014
ISBN 9789631427813