Hintergrund

Literatur und Wende

Das historische Ereignis der Wende hat in der Literatur eine beachtliche Vielzahl von Werken hervorgerufen, in deren Mittelpunkt die kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Deutschlands stehen. Der Zeitpunkt der Entstehung hat dabei einen nicht unerheblichen Einfluss auf Form und Stil des literarischen Werks.

Die deutsche Literatur zur Wende hat seit dem Mauerfall 1989 äußerst unterschiedliche poetische Konzepte entwickelt. Dabei lässt sich an den Werken von Christa Wolf, Thomas Brussig, Ingo Schulze, Clemens Meyer und Uwe Tellkamp exemplarisch eine zeitliche Entwicklung der „Wendeliteratur“ beobachten, die von Sprachlosigkeit in den Jahren unmittelbar nach der Wende über satirisches und fragmentarisches bis zu parabolischem Erzählen reicht.

Schreiben unmittelbar nach der Wende: Christa Wolfs „Medea“

Mit dem Mauerfall verlieren die DDR-Schriftsteller der älteren Generation, darunter Christoph Hein, Volker Braun und Christa Wolf ihre gesellschaftliche Position als Sprachrohr einer Ersatzöffentlichkeit, deren Aufgabe es war, zu dokumentieren, was nicht in der Zeitung stand. Einige von ihnen, darunter Christa Wolf, reagieren in den Jahren unmittelbar nach der Wende – auf der Suche nach einem neuen Selbstverständnis – mit einer literarischen Pause auf ihre veränderte Situation. Als Kritikerin der Wiedervereinigung und Verfechterin einer „sozialistischen Alternative“ zur Bundesrepublik sieht sich Christa Wolf auch nach der Wende als politisch-moralische Instanz. Ihre Eindrücke der sich überstürzenden Ereignisse hält sie zunächst in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen fest, bevor 1996 ihr erstes literarisches Werk – Medea – nach der Wende erscheint. Der Definitionsanspruch von Wahrheit scheint hier nur noch verschlüsselt als Rückgriff auf einen antiken Stoff möglich zu sein.

Utopieverlust: Thomas Brussigs Roman „Helden wie wir“

Neben der Generation der Schriftsteller, die bereits in der DDR tätig waren, tritt nach der Wende eine jüngere, noch weitgehend unbekannte Generation von Schriftstellern hervor, die noch nicht in das ostdeutsche Literatursystem involviert ist. Im Gegensatz zu den Werken der älteren Generation ist in ihren Texten deutlich der Verlust einer Utopie zu spüren, der sich auch in der Wahl ihrer Themen und ästhetischen Orientierungen niederschlägt. Thomas Brussigs bereits fünf Jahre nach der Wende erschienener Roman Helden wie wir ist eine bittere Satire auf die Vergangenheit der DDR, in der er die wichtigsten Mythen der Wende ironisiert und mit dem Literatursystem des Staates abrechnet. „Sehen sie sich die Ostdeutschen an, vor und nach dem Fall der Mauer. Vorher passiv, nachher passiv, wie sollen die je die Mauer umgeschmissen haben?“. Deutlich vollzieht er in seinem als lang ersehnter Wenderoman gefeierten Werk den Bruch mit den Schriftstellern der älteren Generation, die auch nach der Wende noch an einer linksutopistischen Tradition festhalten. Die Form der Satire erlaubt es Brussig, sich der Vergangenheit aus einer ironisch-distanzierten Perspektive zu nähern, die schonungslos auf die Missstände in der ehemaligen DDR verweist.

Auswirkungen der Wendejahre: Ingo Schulze mit seinen Romanen „Simple Storys“ und „Adam und Evelyn“

Auch Ingo Schulze bevorzugt in seinen Werken einen unpathetischen Ton. Er gilt als einer der zuverlässigsten Chronisten der deutschen Wiedervereinigung. Im Mittelpunkt seiner Werke stehen die Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Verluste der ehemaligen DDR-Bürger, für die er immer wieder neue Formen findet: vom Episoden- zum Briefroman über Erzählungen zur jüngst erschienenen Tragikomödie Adam und Evelyn. Mit einem zeitlichen Abstand von fast zwanzig Jahren wendet sich Schulze darin noch einmal dem Jahr 1989 zu und stellt seine Figuren vor die Entscheidung, entweder in den Westen aufzubrechen oder aber am Vertrauten festzuhalten. Wie bereits in Simple Storys gibt es für seine Protagonisten auch in Adam und Evelyn nie die nur einzige richtige Entscheidung. War das Erzählen in Simple Storys (1998) nur als Episodenroman denkbar, der einzelne individuelle Schicksale in den Blick nimmt, so entdeckt Schulze in Adam und Evelyn die menschliche Urgeschichte von Verbot und Verlockung und findet zu einer Leichtigkeit des Erzählens, die nur aus der Distanz zur Wende möglich scheint.

Heimatverlust: Clemens Meyers „Als wir träumten“ und Uwe Tellkamps „Der Turm“

Vom Leben in der ehemaligen DDR erzählen Clemens Meyer und Uwe Tellkamp, wobei die Milieus, in denen sich ihre Protagonisten bewegen, unterschiedlicher kaum sein könnten.
Aus der ungewöhnlichen Perspektive vierer am Rande der Gesellschaft lebender Jugendlicher erzählt der Ich-Erzähler in Meyers Als wir träumten von seiner Jugend zwischen DDR und BRD, von Alkoholexzessen, Diebstählen und Prügeleien, vom Kampf für Anerkennung und gegen die Verlorenheit. Die Wiedervereinigung ändert nichts an der Orientierungs- und Heimatlosigkeit seiner jugendlichen Protagonisten, deren Träume und Hoffnungen sich fernab des politischen Geschehens abspielen. Während bei Schulze privates Leben und politisches Leben ineinander fließen, halten die Figuren bei Meyer an ihrem privaten Leben in der Clique fest, die ihnen mehr Heimat ist, als es DDR und wiedervereintes Deutschland sein können. Fliehen Meyers Protagonisten vor der Realität in nostalgische Erinnerungen, so widmen sich die Figuren in Der Turm von Uwe Tellkamp der Lektüre und dem intellektuellen Austausch und kommentieren resigniert den Untergang eines Gesellschaftssystems: Angesiedelt im bürgerlichen Milieu Dresdens in den achtziger Jahren, zieht der Roman seine Kreise in die verschiedensten Teile und Schichten Dresdens hinein und fügt sich zu einem facettenreichen Gesellschaftsporträt. Dabei verlässt Tellkamp die Ebene des persönlichen Ausschnitts und nimmt das Phänomen des Epochenumbruchs in seiner historischen Totalität in den Blick. Nach Thomas Brussigs aus Wut und Enttäuschung über die nicht stattgefundene Vergangenheitsbewältigung geschriebene Satire kommt die Verarbeitung des Lebens in der ehemaligen DDR mit Der Turm zu einem erzählerischen Abschluss. Aus der größtmöglichen Distanz schreibt Tellkamp einen Abgesang auf die letzten sieben Jahre in der DDR, in dem er jedes noch so kleine Erinnerungsdetail auf Papier bannt und wieder zum Leben erweckt, was damals unterging. Mit dem Mauerfall am 9. November 1989 endet die DDR und so kommt auch der Roman an diesem Tag zu seinem Ende. Offen und überaus spannend bleibt hingegen die Frage, welche Sujets und Perspektiven in der Wendeliteratur noch folgen werden.

Die Wiedervereinigung aus westdeutscher Sicht: „Selam Berlin“ von Yadé Kara und „Ein weites Feld“ von Günter Grass

Während Mauerfall und Wiedervereinigung für die ostdeutsche Bevölkerung mit einer radikalen Veränderung ihrer bisherigen Lebenssituation einhergehen, sind die Veränderungen aus westdeutscher Sicht zunächst weniger existentiell, gleichwohl aber überall zu spüren.
Die Westberliner Autorin Yadé Kara führt den Leser in ihrem Roman Selam Berlin an der Seite des Protagonisten Hasan noch einmal in die Umbruchzeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zurück. Dabei bedient sich Kara einer besonderen Perspektive, die es erlaubt, das Geschehen aus einer gewissen Distanz zu betrachten und die Atmosphäre dieses einzigartigen Zeitintervalls einzufangen: Hasan ist – wie die Autorin – Westberliner mit türkischem Hintergrund. Zur Zeit des Mauerfalls hält er sich in Istanbul auf und kehrt daraufhin nach Berlin zurück, in eine Welt, die ihm vertraut, aber schon nicht mehr ganz die seine ist.
Während Yadé Kara wie Ingo Schulze und Clemens Meyer die Auswirkungen der Wendezeit auf ihre Figuren in den Mittelpunkt rückt, so unternimmt Günter Grass in seinem 1995 erschienen Werk Ein weites Feld den Versuch, das aktuelle Geschehen, in einen größeren gesellschaftlich-geschichtlichen Zusammenhang zu bringen und von dort aus zu bewerten. Der Mauerfall wird zum Ausgangspunkt für raum- und zeitgreifende Wanderungen durch die deutsche Geschichte der letzten 150 Jahre, wobei Parallelen zur Reichsgründung 1870/71 nahe gelegt werden. Von den Feuilletons lange als „Wenderoman“ erwartet, wurde kein anderer Roman in den letzten Jahrzehnten so kontrovers diskutiert wie dieser. Ein Grund hierfür ist nicht zuletzt Grass Kritik an der Wiedervereinigung, die er nicht nur in Reden und Essays vertritt, sondern die sich auch in seinem literarischen Werk widerspiegelt. An den Werken Grass’ und Karas lässt sich einmal mehr der sich sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands stattfindende Generationenwechsel nachvollziehen, der sich im Selbstverständnis des Schriftstellers als moralisch-politische Distanz oder als Chronist und Beobachter seiner Zeit niederschlägt.

Literatur:
Volker Wehdeking (Hg.): Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990–2000), Berlin 2000
Kerstin E. Reimann: Schreiben nach der Wende? Wende im Schreiben? Literarische Reflexionen nach 1989/90, Würzburg 2008
Britta Lange
ist Literaturreferentin am Nordkolleg Rendsburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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