Jurek Becker

Jurek Becker (1937-1997), Jakob der Lügner

Jurek BeckerSchauplatz des sehr erfolgreichen Romanerstlings von Jurek Becker (erschienen 1969): ein Ghetto in der polnischen Provinz wie jenes, in dem Becker selbst aufwuchs; sein Erfolg hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß er den ungeheuerlichen Stoff gegen die vorgeprägten Erwartungen gestaltete, die gemeinhin - zumal seinerzeit in der DDR - an ein Buch zum Thema Judenvernichtung herangetragen wurden (bezeichnenderweise war die Drehbuchfassung, die es vor der Romanfassung gab, von der DEFA abgelehnt worden); Becker holt den Begriff des Widerstands aus der Erhabenheit auf den Boden des Alltagslebens herunter und unterläuft so die Forderung nach dem hohen Pathos der Tragödie, ohne sie zu mißachten. So stolpert der Hauptheld, Jakob Heym, gewissermaßen durch Zufall in die Rolle des Mutspenders und Helden, nachdem er seiner "eigentlichen" Rolle des sicheren Opfers knapp entronnen war; aus dem deutschen Polizeirevier nämlich, das man als Jude normalerweise nicht wieder heil verließ, kommt er nicht nur ungeschoren heraus, sondern bringt eine sensationelle Radiomeldung mit, die er da aufgeschnappt hatte: die Russen nur noch zwanzig Kilometer vor Bezanika, die Rettung naht.

Sobald Jakob die Nachricht weiterzugeben versucht, tritt die mörderische Dramaturgie des Ghettolebens in Kraft: Die wild wuchernde Hoffnungslosigkeit mit hoher Suizidrate läßt ihm keine Wahl, er muß das kostbare Wissen glaubhaft unter die Leute bringen, riskiert damit aber selbst Hals und Kragen. Um glaubhaft zu sein, müßte er die Informationsquelle aufdecken, täte er dies aber, wäre er sofort als Spitzel oder Kollaborateur verdächtig und die Glaubwürdigkeit dahin - also lügt er. Er erfindet ein Radio, das er strengstem Verbot zum Trotz versteckt halte, und die Notlüge erst zwingt ihn ins Heldenfach; denn um nicht aufzufliegen, muß er sich immer wieder Zugang zu weiteren Informationen beschaffen, und dabei geht es zuweilen recht waghalsig zu. Da Becker seinem Helden die geniale Idee, ein fiktives Radio einzuschalten, schon auf Seite 29 beschert, entsteht eine Spannung, die er mit viel erzählerischem Geschick bis zum Ende aufrecht zu erhalten weiß, wo die Wirklichkeit sich wieder Geltung verschafft: kein Happyend, sondern das reale Ende mit Schrecken.

Text von Gerhardt Csejka

Erschienen beim Aufbau-Verlag, 1969

Published in English as Jakob the Liar.
New York: Harcourt Brace Jovanovich, 1975