Thomas Brasch (1945), Vor den Vätern sterben die Söhne

Im Jahr der Biermann-Affäre (1976) entledigte sich der deutsche "Arbeiter- und Bauernstaat" auch des furiosen Rebellen Thomas Brasch, dessen Laufbahn als Autor wegen seiner wiederholten Konflikte mit der Macht noch gar nicht richtig hatte beginnen können: Vom Journalistik-Studium exmatrikuliert, dann auch von der Filmhochschule relegiert und zu 2 Jahren und 3 Monaten Gefängnis verurteilt (er hatte mit Flugblättern gegen die Okkupation der CSSR durch die Warschauer Pakt-Truppen protestiert) war er zwischendurch zwar auch literarisch aktiv gewesen, seine Bühnentexte gelangten jedoch nicht ans Licht der Öffentlichkeit. Als klar war, daß ein Westberliner Verlag 1977 eine Sammlung seiner Prosastücke herausbringen würde, öffnete man dem Unruhestifter die Tür zum Westen, und er ging.
Dieser Band mit dem sehr deutlich sprechenden Titel bestätigte auch künstlerisch, was die Medien an politisch-biografischen Charakteristika verbreitet hatten: Ein angry young man mit tiefsitzender Kränkung seines Soziabilitätsanspruchs und also mutwillig selbstbezogen, intensiv eigen und anpassungsscheu. Unausgeglichen auch (daher), doch um so bestimmter in seiner Poetik des existentiellen Anarcho-individualismus, Überzeugend in Gestus und Ton. Sicherlich wirkte das Buch auch deshalb so stark, weil hier einer nicht nur verbal gegen den Stachel gelöckt, sondern mit seiner ganzen Person Widerstand geleistet hatte: Seine Texte spiegelten lebendige Erfahrung, ersetzten sie nicht. Und von Anfang an deutlich auch sein direkter Bezug zur mythischen Dimension; in die Geschichte einer tödlich endenden Republikflucht, zwischen höchst eindringliche Sequenzen alltäglicher Unverträglichkeit streut Brasch die Marsyas-Legende, deutet den Wettstreit mit Apoll als eine Art Kamikaze des Anarcho-Stolzes, als Selbstbehä:utung zur Rettung der menschlichen Würde.
"Kleistisch" nannte Christa Wolf in ihrer Laudatio auf den Kleistpreis-Träger 1987 Braschs Standort "zwischen zwei Wertsystemen, die ihn beide vor falsche Alternativen stellen". Seine Fronde übersteigt in der Tat bei weitem die Grenzen der DDR Dissidenz.
Erschienen bei Rotbuch, 1977







