Günter Grass (1927), Die Blechtrommel

Der heute weltberühmte Blechtrommler Oskar Matzerath, der in diesem Roman sein Leben erzählt, war laut eigener Auskunft Pfingsten 1925 acht Monate alt, ist somit also gut drei Jahre älter als sein ebenso berühmter Erfinder; diesen Vorsprung braucht er allerdings auch, denn die Zeitläufte, von denen er berichten soll, gestalten sich schwierig, da müssen die Sinne ausgereift sein, um alles richtig mitzubekommen. Außerdem aber macht es ihm sichtlich Spaß, mittels seiner Zaubertrommel frei über die Zeit zu verfügen und auch sonst geschehen zu lassen, was ihm als kunstbewußtem Erzähler gerade zupaß kommt.
Die altehrwürdige Trickkiste erzählender Literatur ist Günter Grass jederzeit zur Hand, er greift tief hinein, legt seiner Phantasie keine Zügel an; dennoch steht die von ihm "erdichtete" Realität zur historischen Wirklichkeit natürlich in einem engen und bedeutsamen Zusammenhang. Nicht nur, daß im Hintergrund der romanhaften Handlung authentische Geschichte sichtbar wird (Oskar stammt wie Grass aus Danzig und erlebt, ein echter "Zwerg seiner Epoche", den deutschen Überfall auf Polen und was darauf folgte), Figuren und Fabelkonstruktion haben durchaus auch - bei aller Behutsamkeit, mit der Grass die Ebene des Symbolischen nutzt - direkt zeichenhafte Züge, was die Deuter und Interpretationskünstler auf den Plan ruft. Schon daß Oskar ein Zwerg ist und bleiben will (der Dreijährige weigert sich, die folgenden Altersstufen zu erklimmen, ja er drängt angesichts des Weltzustands, den zu konstatieren er genötigt ist, verzweifelt in die Geborgenheit des mütterlichen Schoßes zurück), hat man als aussagekräftige Option des Autors erkannt, umso mehr geben Oskars aggressive Trommelkünste und seine anarchistisch-nihilistischen Anwandlungen, seine moralische Zweifelhaftigkeit immer wieder Anlaß zu tiefschürfenden Analysen. Zumal Grass in den Jahren nach Erscheinen der Blechtrommel (1959) sehr stark in der deutschen Öffentlichkeit präsent war und den Vergleich mit seinem durch den Roman suggerierten Autoren-Ich immer wieder herausforderte. Die deutliche Differenz, die sich da auftat, irritierte vor allem die linksradikalen und die konservativen Leser: der prominente Autor war und blieb demokratischer Sozialist.
Published in English as The tin drum. London: Secker & Warburg, 1962







