Stephan Hermlin (1915-1997), Abendlicht

Hinter dem mild symbolischen Titel dieser Veröffentlichung aus dem Jahr 1979 verbergen sich erzählerisch durchgestaltete Erinnerungen Stephan Hermlins, der abgeklärte Rückblick einer Dichtergestalt, die sich seit zartesten Jünglingsjahren gleichsam historisch begriff. Der 16jährige, der drei Jahre zuvor zufällig das Kommunistische Manifest gelesen hatte, beschloß den sicheren Boden des angestammten großbürgerlichen Milieus zu verlassen und aufzubrechen zu den neuen Ufern der verhießenen klassenlosen Gesellschaft. Er trat dem Kommunistischen Jugendverband bei. Die von Hermlin beschriebene Rezeption der Marxschen Heilsbotschaft kennzeichnet bereits die charakteristische Art und Weise, wie politische Horizonte und poetische Visionen sich in seinem späterem Wirken überlagerten und durchdrangen: Der große poetische Stil nämlich war es - vor der Schlüssigkeit des Gesagten - was ihn ergriff und über die Jahre festhielt; aufschlußreicher noch für das Verhältnis des Intellektuellen Hermlin zum Marxismus ist jedoch das Eingeständnis, daß er einen Kernsatz bei wiederholter Lektüre immerzu falsch gelesen hatte, und wie erschütternd diese Entdeckung für den 50jährigen war: Die Fehlleistung hatte ihm suggeriert, die freie Entwicklung aller sei im Manifest zur Bedingung für die freie Entwicklung eines jeden erklärt, und nun, da ihm klar und deutlich vor Augen stand, daß umgekehrt die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist, kann er befreit aufatmen, das schlechte Gewissen, das ihm die nie ganz überwundenen "bürgerlichen Reminiszenzen" zeitweilig verursacht hatten, erweist sich im nachhinein als gegenstandslos - eine wahre Absolution!
Doch wie entscheidend auch immer der falsch verstandene Satz (Glaubenssatz) Vorstellungswelt und Verhaltensweise des Autors bestimmt haben mag, seine Biografie muß er nach der Klarstellung keineswegs umschreiben. Die richtige Lesart des Satzes erst macht es ihm im Gegenteil leicht, sich voll und ganz zur Geschichte des Staates zu bekennen, bei dessen Aufbau nach dem Marxschen Leitbild er mitgeholfen hat, da erreichen weder die stalinistischen Auswüchse noch andere Deformierungen, Unarten und Verdrießlichkeiten auch nur annähernd das Gewicht jenes einen Satzes.
Text von Gerhardt Csejka
Erschienen bei Wagenbach, 1978
Published in English as Evening light. San Francisco: Fjord Press, 1983







