Uwe Johnson

Uwe Johnson (1934), Mutmaßungen über Jakob

Obwohl Uwe Johnson mit dieser ersten Romanveröffentlichung (1959) sofort großen Eindruck machte, wirkt seine Kühnheit im Rückblick erst wahrhaft verblüffend. Und weniger der Umstand, daß er sich dem Diktat des in der DDR streng gehandhabten "Sozialistischen Realismus" entzog, auch nicht, daß er sozusagen unter den Augen des Geheimdienstes an seiner Geschichte weiterschrieb (erst als das Buch fertig war, ging er nach Westberlin), obwohl damals, 1957-58, die "Verhaftungen anhielten wie ein Wetter", sondern die Radikalität und Konsequenz seiner ästhetischen Entscheidung sind es, die heute noch Staunen hervorrufen: In der Verlängerung von Walter Benjamins Thesen und mit Döblin und Barlach als Paten erfand er, in der DDR und DDR-spezifisch, den modernen Roman neu, splitterte die Perspektive aus in einer Weise, daß sie, Alltagssituationen reproduzierend (z.B. "das Zuhören bei einem Gespräch anderer in einem Coupé der Eisenbahn") die Fiktion des allwissenden Autors unnötig machte und das Personal durch anonyme Beobachterstimmen gewissermaßen ins Kollektive erweiterte. Unter den Beobachtern ist allerdings einer, der nicht anonym bleibt. "Herr Rohlfs, der Geheimdienstoffizier, der den Eisenbahn- Dispatcher Jakob Abe für sein Informationsbeachaffungsspielchen gewinnen will, nachdem Jakobs Mutter solchem Ansinnen in den Westen entwichen war, fuhrt fleißig Buch über seine Jakob und dessen Umfeld betreffenden Erkenntnisse und gewährt somit nach dem Willen des Autors recht freimütig Einblick in das Denken und Fühlen dieser Sorte Beamteter. Die Figur gerät Johnson ziemlich intellektuell und nicht unsympathisch, des Autors Bemühen um völlige Neutralität des Standpunkts wird hier hart geprüft. (Er gab später zu, an der Erfindung war "das Wunschbild jenes Kommissare beteiligt, den ein Hochschulabsolvent zu jener Zeit der DDR vorgezogen hätte als Partner beim Verhör").

Jakob Abs ist zu dem Zeitpunkt, da über ihn gemutmaßt wird, tot, umgekommen beim Überqueren der Gleise. Ob es ein Unfall war oder nicht, bleibt definitiv Im Dunkeln; aber daß die Behörde, die Johnson öfter als "V.E.B. Horch & Greif" apostrophiert, daran nicht unschuldig war, steht außer Zweifel.

Text von Gerhardt Csejka

Erschienen bei Suhrkamp, 1959

Published in English as Speculations about Jakob. London: Cape, 1963