Walter Kempowski (1929), Tadellöser & Wolff. Ein bürgerlicher Roman

In der großangelegten literarischen Unternehmensplanung des Autors Kempowski war dieses Buch eine Art Pilotprojekt: Nach der ersten Buchpublikation (lm Block, 1969) worin das biographisch Nächstliegende, Bedrängende aufgearbeitet ist - acht Zuchthausjahre Bautzen, wegen angeblicher Spionage, waren zu bewältigen gewesen -, legte er nun (1971) mit Tadellöser & Wolff den ersten Band seiner "Deutschen Chronik" vor, geplant als literarische Rekonstruktion der familiären Lebenswelt in einem mehrbändigen Zyklus; Zeitgeschichte als Familiengeschichte oder: Besichtigung des bürgerlichen Zeitalters aus dem Blickwinkel der (deutschen) "oberen Mittelschicht".
Nach der Abfolge der Zeiträume, um die es in den einzelnen Bänden geht, bildet Tadellöser & Wolff zwar nicht den Anfang des Zyklus, der um 1900 beginnt, dennoch erfüllt er die Rolle einer Ouvertüre: das Personal wird eingeführt, Koordinaten, Perspektiven werden bestimmt, Themen und Motive angeklungen. Auf die Autobiographie bezogen, setzt er etwa im zehnten Lebensjahr des Erzählers, also 1939 ein und reicht bis Kriegsende 1945. Doch c& wird ja nicht kontinuierlich erzählt oder berichtet, sondern durch pointillistisches Anhäufen sprachlicher Konkretionen des Milieus ein Bild davon erzeugt, eine Atmosphäre wiedergegeben, ein Horizont abgesteckt. Was geschieht, das ist der bürgerliche Alltag, und der ist vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Vorgange entsetzlich inkonsistent ja ausgesprochen lächerlich, diese Gesellschaft bleibt vollkommen unberührt, die schlimmsten Nachrichten bewegen nichts, lösen keinerlei tiefergehende Reaktionen, geschweige Veränderungen aus. Stärkstes Ausdrucksmittel dafür sind die sprachlichen Stereotypen, die ewig wiederholten Floskeln, Gags und geflügelten Worte. Daher auch der Titel des Buches: "Tadellöser & Wolf" sagt der Vater unfehlbar dann, wenn er etwas gut findet, ebenso wie es bei verdrießlichen Anlassen nicht ausbleiben kann, daß er "Miesnitzdörfer & Jenssen" sagt. Und die Mutter und der Bruder, die Schwester und alle andern im Umkreis sind beteiligt an der Produktion und Reproduktion der gemütlichen Gedankenlosigkeit, die die Katastrophe begleitet.
Erschienen bei Hanser, 1971







