Brigitte Reimann

Brigitte Reimann (1934-1975), Fransiska Linkerhand

1974 erschienen gleich drei wichtige (ost)deutsche "Frauenromane", darunter Brigitte Reimanns großangelegtes, nicht mehr vollendetes (das letzte, 15. Kapitel konnte sie gerade noch beginnen) Nachlaßwerk mit der Architektin Franziska Linkerhand im Mittelpunkt. Entstanden zwischen 1963 und 1973, als die Zeit der Autorin durch den Krebs bereits gestundet war, ist es prall angefüllt mit Leben; als hätte Brigitte Reimann sich schadlos zu halten versucht für die ihr vorenthaltenen Jahre (und ungeschriebenen Bücher), mobilisierte sie mit letzter Willenskraft enorme Ressourcen an Sensibilität, Imagination und konstruktiver Intelligenz, um in einer Art stockendem Entwicklungsroman den schwierigen Aufbau (nicht zufällig ist die Hauptfigur Architektin) der DDR-Gesellschaft an einem Einzelschicksal faßbar zu machen.

Durchgängig wirkt als treibende Kraft die Spannung, die aus der Diskrepanz zwischen dem Bild/der Utopie einer menschlichen Welt, (konkret: der menschenbezognen Vorstellung vom fälligen Städtebau) und der "unabweislichen" ökonomischen und bürokratischen Realität entsteht, eine Kraft, die zumal Franziska umtreibt. In diesen großen Rahmen fügen sich mehrfach geschachtelt und geschichtet existentielle Bedrängnisse und Fragen, bedeutsame Erfahrungen, aber auch das persönliche Glück. Als glänzende Erzählerin hemmt Brigitte Reimann bewußt den Strom linearer Narration, um Fülle und Widersprüchlichkeit des gestalteten Lebens nicht einer Fabel zu opfern, sondern voll zur Geltung zu bringen und reflexive in den Griff zu bekommen: eine "Nachdenken über"-Variante, ein 600 Seiten langer Abschiedsbrief Franziskas an den Mann, den sie liebt, der ihren Idealen aber nicht entspricht; um zu begründen, warum sie sich von ihm trennen muß, erzählt sie ihm ihr Leben, auktorial distanziert, dann wieder aus unmittelbarer Ich-Perspektive das Erzählte kommentieren, die Zeitebenen wechselnd: kunstvoll eine Authentizität erzeugend, vor der Tabus keinen Bestand haben und die die Selbstverwirklichung einer Frau als Frau zum literarischen Fakt werden läßt.

Text von Gerhardt Csejka

Erschienen bei Verlag Neues Leben, 1974