Schauplatz Literatur in Deutschland

„Reise ins Ungewisse“ – Thea Dorn über das Literaturfest München

Thea Dorn, Kurtatorin forum:autoren | © Literaturfest München, Foto: Volker Derlath
Thea Dorn, Kurtatorin forum:autoren | © Literaturfest München, Foto: Volker Derlath


Erst zum dritten Mal öffnet das Literaturfest München im November 2012 seine Pforten. Und doch hat es in der Szene bereits einen guten Namen. Wie kommt das? Die individuellen Handschriften von Kuratoren, die auch selbst Autoren sind, verleihen dem Literaturfest sein unverwechselbares Profil. Nach Ilija Trojanow und Matthias Politycki tritt mit Thea Dorn 2012 eine Autorin und Kritikerin an, die sich für das „Forum:Autoren“ besonders viel vorgenommen hat. Ein Interview.

Frau Dorn, nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Autoren für das Literaturfest München 2012 eingeladen?

Nachdem ich mich im letzten Herbst entschieden hatte, mein Festival als Reise ins Ungewisse zu verstehen, war klar, dass dies nur mit Autoren geht, die in jener Frage ähnlich denken wie ich, die gleichfalls einen Überdruss an unserer gegenwärtigen Kleinmütigkeit verspüren, die sich nach Aufbruch und Abenteuer sehnen. Es war für mich ein großes Glück, dass viele Kollegen, die ich für ihren literarischen Wagemut schätze, in diesem Jahr neue Bücher veröffentlicht haben, etwa Christian Kracht mit seinem grandiosen Roman Imperium, Vladimir Sorokin mit seinem High-Tech-Alchemie-Märchen Der Schneesturm oder Christoph Ransmayr mit seinem Atlas eines ängstlichen Mannes.

Anders als im Vorjahr sind 2012 auch ausländische Autoren eingeladen – weil es doch nicht so viele deutschsprachige Autoren gibt, die Ihre Erwartungen erfüllen, oder aus welchen Gründen?

Gerade weil sich das Forum:Autoren im vergangenen Jahr auf die deutschsprachige Literatur beschränkte, erschien es mir richtig, in diesem Jahr auch internationale Autoren einzuladen. Außer Sorokin sind noch die schottischen Schriftsteller A. L. Kennedy und John Burnside dabei – Kollegen, deren Werke ich seit Jahren lese und liebe. Und beide Kulturen, die russische wie die schottische, stehen ja im Ruf, ein durchaus intimes Verhältnis zum Romantischen zu unterhalten.

Im Frankfurter Städel läuft zurzeit die Ausstellung „Schwarze Romantik“, viele der von Ihnen eingeladenen Autorinnen greifen in ihren Texten wieder Motive und Formen der literarischen Romantik auf. Sehen Sie da einen neuen Trend?

Wir leben in einer extrem prosaischen Zeit: Effizienz, Sicherheit, Planbarkeit sind die Kategorien, denen wir nicht nur unser Denken und Tun, sondern mittlerweile auch unser Fühlen unterwerfen. Der Raum für Träumereien, Spinnereien, das alte Spiel der Kunst: „Was wäre wenn ...?“ ist nahezu verschwunden. In den letzten Jahrzehnten hat diese prosaische Grundhaltung auch auf die Literatur übergegriffen. Mit dem Ergebnis, dass der „welthaltige“, der realistische, der sozialkritische oder zeitgeschichtliche Roman hoch im Kurs steht. Ich meine aber zu beobachten, dass sich seit einer Weile Widerstand regt: sowohl gegen den lebensweltlichen als auch gegen den literarischen Realismus. Das freut mich. Und die Tatsache, dass Felicitas Hoppe, die diesjährige Büchner-Preisträgerin, Sibylle Lewitscharoff, die letztjährige Kleist-Preisträgerin, und Clemens J. Setz, der im vergangenen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, so erfolgreich sind, deutet an, dass ich mit dieser Freude nicht alleine dastehe. Wenn man sich in der Geschichte umschaut, wird man feststellen, dass gerade die deutsche Literatur immer dann am größten war, wenn sie sich von den Fesseln der Realität befreit hat: Bei aller Weltgewandt- und Weltzugewandtheit war Goethe nie Realist. Kleist wusste selbst, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war. Eichendorff, E.T.A. Hoffmann und all den anderen Romantikern galt „Wirklichkeit“ als Schimpfwort. Kafka schrieb über seine höchst realen Schmerzen und Ängste – aber nie, indem er sie eins zu eins aufs Papier zu bringen versuchte. Selbst Thomas Mann lässt sich nicht als durchweg realistischer Autor verstehen – oder warum schreibt er sonst einen Roman, seinen Doktor Faustus, in dem der Teufel ins Spiel kommt?

Im Programm fallen Begriffe wie Gott, Jenseits, Tod auf, die man normalerweise in dieser Häufung auf Literaturfestivals nicht antrifft, sondern eher im religiösen Kontext. Worauf wollen Sie damit hinaus?

Die Kehrseite unserer realistischen Schein-Vernünftigkeit ist, dass wir an einer transzendentalen, metaphysischen Unterzuckerung leiden. Wenn uns ein Unbill widerfährt, rufen wir sofort nach der Versicherung, dem Arzt oder Therapeuten, in der Hoffnung, dass sich alles schon wieder einrenken lasse. Ich halte es für vernünftiger, davon auszugehen, dass uns die großen Fragen des Lebens: „Was soll das alles?“, „Wo kommen wir her?“, „Wo gehen wir hin?“, „Wie verkraften wir den Schrecken der Endlichkeit?“ ebenso unbeantwortet umschwirren, wie sie die Menschen vor zweitausend Jahren umschwirrt haben. Da ich – entgegen aller anders lautenden Gerüchte – nicht daran glaube, dass die klassischen Religionen bei uns eine große Renaissance erfahren werden, halte ich die Kunst für den besten Ort, sich diesen Fragen auszuliefern. Martin Walser versucht schon seit einer Weile, in seinen Romanen dem auf die Spur zu kommen, was „Jenseits“ heißen könnte. Jenny Erpenbeck hat einen faszinierenden Roman über die Sterblichkeit geschrieben. Solche Bücher lese ich – gerade, weil sie mir keine Antworten bieten – als Trost.

Sehen Sie eine Chance, auf Festivals auch die Literatur unbekannterer Länder zu präsentieren? Mit welchen Formaten und Vermittlungsformen könnte man ausländische Literatur, speziell aus Asien, Afrika, Lateinamerika, bei uns bekannter und erfolgreicher machen?

Ich fürchte, dass solche dezidierten Förderversuche immer etwas Forciertes haben. Das lässt sich alljährlich bei der Frankfurter Buchmesse und dem jeweiligen Gastland beobachten. Als beispielsweise im letzten Jahr Island Ehrengast gewesen ist, ist die Nachfrage nach isländischer Literatur – zumindest für diese eine Saison – sprunghaft angestiegen. Bei Neuseeland in diesem Jahr blieb die große Neugier eher aus. Es scheint eben so zu sein, dass es Literaturen gibt, die das deutsche Publikum mehr in Bann ziehen als andere.

Literaturfest München 14.11.–02.12.2012
Dr. Bernd Zabel
führte das Gespräch. Er ist Referent im Bereich „Literatur und Übersetzungsförderung“ beim Goethe-Institut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2012

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