Schauplatz Literatur in Deutschland

„Der Russe ist einer, der deutsche Bücher liebt?“

Die Diskussionsrunde auf der Leipziger Buchmesse 2013 mit der Übersetzerin Maria Zorkaja, dem Verleger Michael Krüger, Anne-Bitt Gerecke von Litrix.de, dem Präsidenten des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann und dem Kritiker Alexej Mokroussow (von links nach rechts); Foto: Arne SchneiderAuf der Leipziger Buchmesse 2013 diskutierten hierzu die Übersetzerin Maria Zorkaja, der Kritiker Alexej Mokroussow, der Verleger Michael Krüger, der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann und Anne-Bitt Gerecke von Litrix.de.

Knapp 1.000 Titel, die aus dem Deutschen übersetzt wurden, erscheinen in Russland jährlich. Damit belegt die deutsche Literatur in der russischen Übersetzungslandschaft zwar Platz drei hinter der englischen und der französischen – das allerdings mit deutlichem Rückstand. Die Tendenz, so lässt sich an den Auflagenzahlen ablesen, ist erfreulicherweise steigend. Dennoch geben solche Statistiken nur begrenzt Auskunft über die tatsächlichen literarischen Interessen russischer Leser oder ihre mögliche Liebe zur deutschen Literatur.

Deutscher Gemeinschaftsstand auf der Non-Fiction 2011 in Moskau; Foto: Shoshana LiessmannWelche deutschen Autoren sind heute in Russland überhaupt bekannt? Welche deutschen Bücher sprechen russische Leser an? Diese Fragen interessierten auch die russische Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Maria Zorkaja. Von ihren Studenten am Moskauer Gorki-Literaturinstitut, so berichtete sie auf der Leipziger Buchmesse, bekam sie überraschende Antworten: An erster Stelle nannten sie Goethes Faust, gefolgt von Werken von Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Franz Kafka, Lion Feuchtwanger und Anna Seghers. „Das Ergebnis hat mich verblüfft“, gestand Zorkaja. „denn vor 30 Jahren hätte ich dieselben Titel genannt. Ich wollte die Hintergründe dieses Stillstands verstehen, und die Erklärung stellte sich letztendlich als ganz einfach heraus: Eben diese Bücher stehen in den Bücherschränken der Eltern, und für den Kauf von Neuerscheinungen haben die meisten schlichtweg kein Geld. Für zeitgenössische deutsche Autoren kann man die jungen Leser vor allem dann richtig begeistern“, ergänzte Zorkaja, „wenn sie Gelegenheit bekommen, den Autor bei einer Lesung zu erleben und dabei sogar noch ein Buch günstig zu erwerben.“

Lesereisen

Zorkajas Beobachtungen bekräftigen die Wirkung und den Nachhall von Lesereisen, wie sie das Goethe-Institut Russland jährlich organisiert. Wenn zeitgenössische deutschsprachige Autoren die russischen Metropolen und das Netzwerk der Lesesäle in der weitläufigen Region besuchen, treffen sie auf ein interessiertes Publikum. „Wichtig ist die Auswahl der Autoren“, betonte Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts und Juror in verschiedenen Literaturgremien. „Sie sollten sich mit Themen befassen, die sowohl ein deutsches als auch ein russisches Publikum bewegen. Dann kann ein wirklicher Austausch entstehen.“ Auch Litrix.de möchte mit seinem Russischschwerpunkt von 2012 bis 2014 in diese Richtung vermittelnd wirken. Das Internet-Literaturportal und Förderprogramm des Goethe-Instituts stellt aktuelle deutschsprachige Titel vor und bietet russischen Verlagen eine Übersetzungsförderung. Deutsche und russische Juroren wählen gemeinsam aus, welche deutschsprachigen Titel in diesem Rahmen vorgestellt werden. Dass das Konzept aufgeht, belegen die ersten Titel, die mit Förderung von Litrix.de bereits erschienen sind.

Leipziger Buchmesse 2013; Foto: Gesa Husemann



Literaturkritik

Trotz des Erfolgs bleibt zu fragen, ob russische Leser in den Buchhandlungen tatsächlich zu diesen Neuerscheinungen greifen werden und wie man für die Titel außerhalb von Autorenlesungen Interesse wecken kann. Alexej Mokroussow, der ebenso wie Maria Zorkaja als Juror für Litrix.de tätig ist, lieferte hierzu ein entscheidendes Stichwort. Literaturkritik, erklärte Mokroussow, der selbst in Moskau ein Internetportal zur Rezension ausländischer Literatur betreibt, könnte eigentlich eine wichtige Instanz der Vermittlung sein. Gleichzeitig räumte er ein: „Nur wenige russische Kritiker sind heute überhaupt dazu in der Lage, über deutsche Literatur fundiert zu schreiben. Es fehlt sowohl an Wissen um den Kontext zeitgenössischer deutscher Literatur, als auch an der Kompetenz, Übersetzungen kritisch zu besprechen. Auch wenn man heute Bücher von Autoren wie Ingo Schulze oder Peter Stamm in russischen Buchhandlungen findet, gibt es für sie kaum einen kompetenten Kritiker.“ Ein gezieltes Vermittlungsprogramm für russische Kritiker könne zu einer Verbesserung der Situation beitragen, riet Mokroussow.

Reichweite

Deutscher Gemeinschaftsstand auf der Non-Fiction 2011 in Moskau; Foto: Shoshana LiessmannAbschließend lenkte der Verleger und Autor Michael Krüger die Diskussion nochmals zu dem von Maria Zorkaja beschriebenen Szenario zurück und äußerte sich besorgt darüber, dass Bücher aus rein finanziellen Gründen ihren Weg zum Leser nicht finden können. Auch das russische Vertriebssystem schränkt die Reichweite der Bücher leider immer noch ein, denn die meisten großen Verlage sitzen in Moskau, und die dort erscheinenden Titel sind für Leser in entfernten Regionen nach wie vor schwer erhältlich und zumeist teurer.

Nach der vielschichtigen Bestandsaufnahme dieser Diskussionsrunde war der Ausblick einhellig optimistisch: Deutsche Gegenwartsliteratur, die ihren Weg nach Russland findet, stößt auf Interesse bei Publikum und Verlegern. Ein umfangreiches, längerfristig angelegtes Vermittlungsprogramm ist deshalb nicht nur wünschenswert, sondern auch erfolgsversprechend. Dabei sollte sich durch das entstehende Netzwerk eine Zweibahnstraße verfestigen, die im Gegenzug auch die Rezeption russischer Literatur in Deutschland wieder stärken kann.

Shoshana Liessmann
lebt als freie Journalistin und Dozentin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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