Schauplatz Literatur in Deutschland

Muss das sein? – Über Literaturpreise in Deutschland

Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises 2011 an Hans Joachim Schädlich. von links nach rechts: Doris Ahnen, Ministerin für Bildung, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, Ernst Josef Lehrer, Vorstand der Sparkasse Koblenz, Ruth Klüger, Laudatorin, Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig, Oberbürgermeister der Stadt Koblenz, Hans Joachim Schädlich, Preisträger 2011, Herr Prof. Wilhelm, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Egon Ammann, Präsident der Stiftung Joseph Breitbach. © Kulturamt der Stadt KoblenzJeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich drei Literaturpreise vergeben. Hilft das der Literatur?

Es sind international angesehene und eher regional bedeutende, ziemlich hoch dotierte und gar nicht dotierte, Preise mit merkwürdigen Namen und Preise mit ehrwürdigen Namenspatronen wie Grimmelshausen, Goethe, Kleist, Chamisso, Raabe oder Brecht. Stipendien, Werkjahre und Ähnliches gibt es auch noch. Wird die Literatur dadurch besser? Brauchen alle Autoren finanzielle Hilfe? Oder dienen solche Auszeichnungen in erster Linie dem Ruhm ihrer Stifter?

Wer stiftet? Und warum?

Der Brecht-Preisträger 2010 Albert Ostermeier; © Christina BleierEs sind Unternehmen, Banken und Sparkassen, Verbände und Stiftungen, Vereine und Privatpersonen, aber auch zahlreiche deutsche Städte und Gemeinden, die Literaturpreise ausloben – und sich oft viel Mühe damit machen. Wo das Geld herkommt und wie hoch die Preissumme sein soll, ist meist rasch geklärt. Wie aber nennt man den Preis? Und wie findet man Preisträger, die dem damit gesetzten Anspruch entsprechen? Leistet man sich eine unabhängige Jury und aus wem soll die bestehen? Oder ist ein Alleinjuror besser? Wie vermeidet man Blamagen? All diese und noch manch andere Fragen wollen reiflich erwogen werden und oft kosten die richtigen Antworten auch Geld, weit mehr, als in der Preissumme zum Ausdruck kommt. Egal: In Deutschland gibt es um die 1.200 Literaturpreise. Zählt man großzügig, kommt man auf weit mehr. Von Flensburg und Kappeln bis Meersburg und Wangen, von Angermünde und Beeskow bis Troisdorf und Schweich an der Mosel – ein Literaturpreis muss sein. In Bad Gandersheim ist er nach Roswitha benannt, in Pirmasens nach Hugo Ball, in Cuxhaven nach Joachim Ringelnatz und in Aalen nach dem armen Christian Friedrich Daniel Schubart. Die meisten Stifter sind auf der Suche nach Aufmerksamkeit, vielleicht sogar nach Ruhm – was nicht ausschließt, dass juristische Spitzfindigkeiten so mancher Finanzbuchhaltung und gewisse Gepflogenheiten der Finanzämter beim Preisstiften eine Rolle spielen. Klar ist: Wer einen Literaturpreis vergibt, tut im sozialen Sinne ein gutes Werk, erzielt einen schwer zu kopierenden kulturellen Distinktionsgewinn und erfährt öffentliche Aufmerksamkeit, die sich, meistens jedenfalls, mittel- oder langfristig auch auszahlt. Also: her mit einem Literaturpreis!

Wer bekommt? Und wer nicht?

Verleihung des Adelbert von Chamisso-Preises 2011, von links: Dr. Ingrid Hamm, Jürgen Ritte, Jean Krier und Jörg Thadeusz; © Robert Bosch Stiftung / Markus KirchgessnerHer mit einem Literaturpreis! Das sagen sich auch viele Schriftsteller. Wozu man wissen muss, dass nur wenige Stars vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Bestsellerautoren brauchen keine Literaturpreise. Doch weit mehr als 95 Prozent der deutschen Dichter haben einen Brotjob oder leben von Auftragsarbeiten, Stipendien, Lesungen und anderen Zuwendungen. Meistens reicht das eben so zu einer halbwegs gesicherten Existenz. Bei Literaturpreisen aber geht es nicht um Bedürftigkeit, sondern um herausragende Literatur. Darüber, was das denn sei, kann man sich bekanntlich trefflich streiten. Warum der und nicht ich? Warum schon wieder die? Anlässe zu Spekulationen und Verschwörungsthesen gibt es immer, nicht nur bei Kollegen. Natürlich ziehen die Jury-Entscheidungen über den Träger des mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner- oder des mit der gleichen Summe verbundenen Joseph-Breitbach-Preises regelmäßig auch Kritik auf sich. Für die Stifter ist es immer ein gewisses Risiko, einen bis dahin relativ unbekannten Poeten zu prämieren. Nicht von ungefähr gibt es zu vielen Literaturpreisen auch niedriger dotierte Förderpreise, die keinesfalls zu verachten sind und schon manchem zuvor wenig beachteten Dichter den Weg ins literarische Leben geebnet haben.

Literaturpreise muss es geben!

Verleihung des Kleist-Preises 2011 an Sibylle Lewitscharoff. © Marcus Lieberenz/bildbuehne.deDeutschland leistet sich ein im internationalen Vergleich dichtes Netz an Literaturförderung. Die Finanzknappheit von Bund, Ländern und Kommunen wird womöglich auch hier zu Einschnitten führen. Dann müssen private Förderer einspringen und das tun sie auch. Vielen ist durchaus bewusst, dass Literatur ein öffentliches Gut ist, das es zu pflegen gilt. Und die Autoren? Wer vor lauter Geldproblemen nicht richtig zum Schreiben kommt und erst recht keine Zeit dafür hat, das Geschriebene selbstkritisch zu überprüfen, die eigenen Texte zu „überfeilen“ (wie Lion Feuchtwanger das nannte), der wird vielleicht den Buchmarkt erreichen, aber kaum einmal wirklich gute Literatur abliefern. Gut Ding will Weile haben, und die kann sich nur leisten, wer materiell einigermaßen abgesichert ist. Ob es der Deutsche Buchpreis oder nur der Literaturpreis der örtlichen Kreissparkasse ist – Literaturpreise helfen den Autoren und damit der Literatur. Jeden Tag drei? Warum denn nicht?


Bibliografischer Hinweis

Hansjürgen Blinn, Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 2001/2003. ISBN 3-596-15268-2.

Manfred Plinke/Gerhild Tieger (Hg.), Deutsches Jahrbuch für Autoren, Autorinnen 2010/2011. Autorenhaus-Verlag, Berlin 2011. ISBN 3-86671-064-X.
Klaus Hübner
arbeitet als Publizist, Literaturkritiker und Redakteur der Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“ in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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