50 Jahre „Blechtrommel“ – Eckhard Fuhr im Gespräch

Ein Paukenschlag rückte die deutsche Nachkriegsliteratur 1959 wieder in den Fokus der Weltliteratur. Vor 50 Jahren brachte Günter Grass seinen Roman „Die Blechtrommel“ heraus. Darüber, warum der Roman den damals 32-jährigen Autor schlagartig berühmt machte, und über den Einfluss, den der Roman bis heute auf die Literatur ausübt, sprach Eckhard Fuhr, Leiter des Feuilletons der Tageszeitung „Die Welt“, mit Goethe.de.
Herr Fuhr, was hat den Erfolg der „Blechtrommel“ in Deutschland begründet?
In der Blechtrommel wird ein Ton angeschlagen, der in der deutschen Nachkriegsliteratur so noch nicht zu hören gewesen war. Ein Ton, der sich sehr stark an historischen Vorbildern orientiert, an Grimmelshausen etwa oder an Rabelais. Bei Heinrich Heine kommt der Trommler, der die Wahrheit herbeitrommelt, auch schon vor. Grass ist es gelungen, über diese Vorbilder hinaus in einer ganz eigentümlichen und eigenständigen Weise zu einem unverwechselbaren Erzählstil zu gelangen.
Hinzu kommt die Urtümlichkeit seiner Erzählweise. Da wird keine Sprachskepsis geübt, da wird nicht nach neuen Ausdrucksformen oder formalen Konstruktionsprinzipien gesucht, sondern – dem ersten Anschein nach zumindest – einfach drauflos erzählt.
Hier beschäftigt sich ein dicker Roman mit der unmittelbaren deutschen Vergangenheit und macht gleichzeitig die ganze deutsche Literaturgeschichte und Erzähltradition wieder lebendig.
Grass war kein Ein-Werk-Autor
War dies auch der Auslöser für den Erfolg des Romans im Ausland?
Man hat im Ausland vielleicht sogar schneller noch als in Deutschland bemerkt, dass die deutsche Nachkriegsliteratur durch die Blechtrommel den Anschluss an die Weltliteratur und an die Moderne wiedergefunden hat. Im Ausland ist man im Übrigen bei dieser Einschätzung geblieben, während in Deutschland die Aktien des Autors Günter Grass sehr schwankend waren, vor allem bei den Kritikern.
Die literarischen Gefährten von Grass wie Uwe Johnson, Heinrich Böll oder Martin Walser bringt man nicht so stark mit einem einzelnen Werk in Verbindung. Der Name Grass jedoch führt bei den allermeisten sofort zur Assoziation „Blechtrommel“ ...
Das Bild von Grass als dem Ein-Werk-Autor ist, glaube ich, falsch. Jeder seiner Romane hat große literarische Kontroversen ausgelöst, und diejenigen, die ihn verrissen haben, haben nachher gesagt, er habe eben dieses eine große Werk hervorgebracht, und alles andere falle dagegen ab. An der Blechtrommel kommt man nun einmal nicht vorbei. Ich sehe das nicht ganz so. Grass hat Werke von sehr unterschiedlicher Qualität geschrieben. Jedes ist eigenständig, und er selbst hält ja zum Beispiel Hundejahre für viel besser als Die Blechtrommel.
Wahr ist allerdings, dass Volker Schlöndorffs Romanverfilmung, die als erster deutscher Spielfilm mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, eine unglaubliche Popularisierung des Blechtrommel-Stoffs mit sich brachte. Viele Leute, die sagen, sie kennen die Blechtrommel, kennen eigentlich nur den Film und verbinden das Buch, wenn sie es lesen, automatisch mit den Filmbildern.
Die „Blechtrommel“ ist blasphemisch
Als „Die Blechtrommel“ erschien, gab es einige Aufregung wegen gewisser Passagen, die als blasphemisch oder obszön kritisiert wurden. Hat dieser Skandal zum Erfolg des Buches beigetragen?
Er hat die publizistische Resonanz natürlich gesteigert. Vielleicht griffen die Leute daraufhin aus Neugier zu dem Buch. Heute würde man diese Passagen – es geht um das berühmte Brausepulver im Nabel oder um die Zeugung von Agnes auf dem Kartoffelacker – ganz gewiss nicht mehr als pornografisch bezeichnen. Blasphemisch allerdings geht es in dem Roman tatsächlich zu. Das war in den 1950er-Jahren das größere Problem und wirkte möglicherweise eher abschreckend als verkaufsfördernd.
Großer Eindruck bei der Gruppe 47
Wie schätzen Sie den Einfluss der „Blechtrommel“ auf die Gruppe 47 ein?
Die Gruppe 47 war sehr beeindruckt von der Blechtrommel. Grass hat ja 1958 bei ihrem Treffen in Großholzleute im Allgäu ein Kapitel daraus vorgelesen, und er bekam dafür den Preis der Gruppe 47. Die Kollegen haben damals gemerkt, dass da etwas ganz Neues und Eigenständiges auftritt.
Ansonsten hatte der Roman selbst keinen großen Einfluss auf die Gruppe 47, wohl aber Günter Grass und seine Generationsgenossen, die zwischen 1926 und 1929 Geborenen, zu denen etwa auch Hans Magnus Enzensberger gehört. Sie gewannen damals in der Gruppe die Oberhand gegenüber der Gründergeneration, die zum Teil schon vor und während des Krieges literarische Erfahrungen gemacht hatte.
Kartoffelacker als Lieblingsstelle
Glauben Sie, dass heute noch ein Roman von einer solchen Tragweite geschrieben werden kann?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt durchaus Autoren der jüngeren Generation, die Bücher geschrieben haben, die sich zwar nicht direkt an der Blechtrommel orientieren, aber doch wie sie ältere Erzählweisen aufnehmen und ihren Platz in der Literaturgeschichte ganz bewusst ausspielen.
Zum Beispiel Uwe Tellkamps Der Turm. Das ist in meinen Augen ein Roman, in dem viele Blechtrommel-Elemente enthalten sind. Nicht so sehr das Fantastische, obwohl es auch vorkommt, sondern die Tatsache, dass es darin letztlich doch hauptsächlich um einen Ort geht. Im Turm werden wie in der Blechtrommel die Atmosphäre, die Gerüche, die Sprache und der Dialekt eines Ortes, in dem Fall ist es ein Stadtteil von Dresden, in der Literatur wieder lebendig gemacht.
Haben Sie eine Lieblingsstelle in der „Blechtrommel“?
Meine Lieblingsstelle ist die auf dem Kartoffelacker. Das ist einfach unübertrefflich gut geschildert und eine wunderbare Komposition von Bildern und Sprechweisen und Sprachmelodien.
stellte die Fragen. Sie lebt als freie Autorin und Redakteurin in München.
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Oktober 2009
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