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Porträt des Dichters als „Fliegender Robert“ – Hans Magnus Enzensberger zum 80. Geburtstag

Hans Magnus Enzensberger; © Isolde OhlbaumHans Magnus Enzensberger; © Isolde OhlbaumEr gehört seit über einem halben Jahrhundert zu den tonangebenden Intellektuellen der Bundesrepublik. Seine Essays und Gedichte sind ein Spiegel der politischen Ideengeschichte des Landes. Am 11. November 2009 wird Hans Magnus Enzensberger 80 Jahre alt.

Als „zugereister Harlekin“ hat ihn der Soziologe Jürgen Habermas charakterisiert, als „Kolibri“ erschien er seinem Dichterkollegen Peter Rühmkorf. Sich selbst hat Hans Magnus Enzensberger immer gern als „Fliegender Robert“ inszeniert. Hartnäckig entschwebt er allen Versuchen, ihn politisch festzulegen. Und so steht die „Marke HME“, wie ihn der Medientheoretiker Norbert Bolz genannt hat, für das große, offene Etikett des „Querdenkers“.

„Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht“

Cover des Gedichtbands „verteidigung der wölfe“; © Suhrkamp Verlag Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Erlangen, Freiburg, Hamburg und Paris. 1955 promovierte er mit einer Arbeit über die Poetik von Clemens Brentano, nachdem sein erster Plan – eine Dissertation über Hitlers Rhetorik – am Widerstand der Professoren gescheitert war.

Bis 1957 arbeitete Enzensberger als Hörfunkredakteur in Stuttgart. Er nahm an mehreren Tagungen der Gruppe 47 teil. Er lebte als freier Schriftsteller in Norwegen und Italien, in den USA und auf Kuba. Zeitweilig war er Lektor beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt. Der Dichter und Essayist, Herausgeber und Übersetzer lebt und schreibt heute in München-Schwabing und gilt als einer der wendigsten – und wichtigsten – deutschen Intellektuellen.

Schwerelosigkeit der Sprache

Cover des Gedichtbands „Rebus“; © Suhrkamp Verlag Bekannt wurde Enzensberger mit seinem ersten Gedichtband verteidigung der wölfe (1957). Eine „leichte, mozartisch schwerelose Hand“ attestierte der Schriftstellerkollege Alfred Andersch dem „zornigen jungen Mann“. Der verpackt seine schneidende Zeitkritik bis heute in eine schmucklose, klare Sprache, meist ohne Reim und mit freien Rhythmen. Enzensberger gilt als Meister des einfachen und doch doppelbödigen Vokabulars, der virtuosen Sprachspiele, als „der Jürgen Habermas der deutschen Lyrik“. 1963 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, zahllose Auszeichnungen kamen in den letzten Jahrzehnten hinzu.

Im Frühjahr 2009 ist mit Rebus Enzensbergers zwölfter Lyrikband erschienen. „Nur manchmal, nachts, holt die alte Wut / mich ein, hinterrücks. Wie früher hat sie / gewöhnlich recht. Aber merkt sie nicht, / daß es keinen Zweck hat, daß sie stört, / daß ich sie nicht haben will?“ Der Zorn der frühen Gedichte ist verraucht und einer Sehnsucht nach Stille gewichen. Doch Enzensbergers Sprache schwingt nach wie vor schwerelos.

„Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor“

Cover von „Der Zahlenteufel“; © Hanser VerlagSeit Mitte der 1950er-Jahre begleiten Enzensbergers Essays die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland kritisch. Scharf greift er die „Wirtschaftswundermentalität“ der Nachkriegsjahre an und – in seiner berühmten Besprechung des Neckermann-Katalogs – den Stumpfsinn der Massen. In seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970) formuliert er eine vehemente Medienkritik, die 1988 in seiner Formel „Fernsehen als Nullmedium“ gipfelt.

Auch als langjähriger Herausgeber der Zeitschrift Kursbuch gilt Enzensberger als einer der wichtigsten Vordenker der studentischen Protestbewegung. Er unterstützte die außerparlamentarische Opposition (APO), ließ sich aber zu keinem eindeutigen Bekenntnis hinreißen: „Die moralische Aufrüstung von links kann mir gestohlen bleiben“, formulierte er schon 1966.

„Ich bin kein Idealist“

Cover von „Der Fliegende Robert“; © Suhrkamp VerlagKosmos erschien in einer Prachtausgabe, die mit einer Auflage von 80.000 Exemplaren zu einem Riesenerfolg wurde: ein Erfolg, der abermals zeigte, wie virtuos Enzensberger die Aufmerksamkeit der Medien zu lenken versteht.

Eine von Enzensbergers großen Leidenschaften ist die Mathematik. Das erfolgreichste Buch des Autors ist eine Liebeserklärung an die Kunst des mathematischen Denkens: Der Zahlenteufel (1997), der Kindern wie Erwachsenen die Angst vor der Mathematik nehmen will. Mit Bibs erschien 2009 ein weiteres Kinderbuch mit Illustrationen von Rotraut Susanne Berner: über die Macht der Wünsche.

„Es ist eine komische Nachrede, dass ich einer sei, der sich überall einmischt“, sagte Hans Magnus Enzensberger einmal. „Dabei gibt es große Aspekte der Gegenwart, die mir völlig fremd sind. Ich bin Fußgänger, kann nicht Auto fahren.“ Stattdessen spannt der begnadete Essayist, mutige Verleger, gewiefte Medienstar und feinsinnige Lyriker Hans Magnus Enzensberger seinen Regenschirm auf und erhebt sich in die Lüfte. Und, so seine eigenen Worten, aus dem Gedicht Der fliegende Robert: „Ich hinterlasse nichts weiter / als eine Legende“.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Copyright des Enzensberger-Porträts: Isolde Ohlbaum
November 2009

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