Musik in Deutschland – Hintergrund

Musik in Deutschland

Copyright: GIDie Kulturnation Deutschland besitzt eine Musiklandschaft, deren inhaltlicher Reichtum und deren topografische Dichte auffallend sind.

Diese beruhen auf historischen Gegebenheiten eines überragenden Erbes, das zunächst geprägt ist durch die Werke großer deutscher Komponisten wie Bach, Beethoven, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Wagner bis hin zu Hindemith, Stockhausen oder Rihm.

Reichtum und Dichte haben aber auch mit jenen aristokratischen bzw. frühbürgerlichen politischen Kräften zu tun, die eine Musik-Infrastruktur der vielen regionalen und lokalen Zentren schufen. Das garantiert – durch die Jahrhunderte hindurch bis in die Gegenwart - eine im europäischen Vergleich einzigartige Vielschichtigkeit der Musikkultur. Anders als im zentralistischen Frankreich, in Spanien, Italien oder Polen sind die musikalischen Energien und deren Schauplätze in Deutschland weit verstreut – was den Überblick nicht leicht und die Beschreibung schwer macht.

Durch die Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland haben sich Zahl und Dichte regionaler Musikzentren und Institutionen ab 1990 in Deutschland noch zusätzlich erhöht. Umso mehr, als der ostdeutsche Staat Kulturarbeit und Musik (wie auch den Sport) aus Gründen internationalen Prestiges noch konsequenter förderte als der westdeutsche. Die öffentliche Finanzierbarkeit des ganzen ist jedoch in die Krise geraten.

Copyright: GIIn 16 deutschen Bundesländern entfaltet sich heute eine Musikkultur, deren Organisationsstrukturen geprägt sind von der Trägerschaft öffentlicher Hände (Bund, Länder, Kommunen) wie von Sponsoren, privaten Mäzenen und persönlichen Initiativen. Diese Musikkultur ist im internationalen Maßstab wohl die erfolgreichste, verzweigteste, teuerste und wirtschaftlich umsatzstärkste. Ihre wichtigsten Komponenten sind:

  • rund achtzig Opernhäuser verschiedener Größen, zumeist im Dreispartenbetrieb (Oper, Schauspiel, Ballett)
  • Dutzende von Symphonieorchestern, Kammer- und Spezialensembles sowie Chören
  • eine Musikerziehung mit staatlichen Musikhochschulen, Konservatorien und städtischen Musikschulen
  • rund ein Dutzend öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten mit musikintensiven Fernseh- und Hörfunkprogrammen
  • ein millionenfach aktives Musik-Amateurwesen in Vereinen und im Kirchendienst;
  • die große Anzahl von Musikwettbewerben und von Musikfestivals jeden Zuschnitts und Formats
  • ein verzweigtes Netz öffentlicher und mäzenatischer Musikförderung
  • ein Musikmedien-, Musikinstrumente- und Musiktonträgermarkt von beträchtlichem Ausmaß

Die Zentren der Musik sind übers Land verteilt, zumeist identisch mit den Länderhauptstädten – an der Spitze die deutsche Hauptstadt Berlin mit ihren drei großen, aus Steuergeldern finanzierten Opernhäusern (Deutsche Oper Berlin, Staatoper Berlin, Komische Oper Berlin) sowie acht Symphonieorchestern. Es folgt München mit zwei Opernhäusern und vier Symphonieorchestern, danach Hamburg, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart, Dresden und Leipzig. Charakteristisch für den Charme der deutschen Musikkultur sind auch die kleineren weit verstreuten Kulturstädte, wie Freiburg, Ulm oder Halle, Münster, Bonn oder Bamberg, Darmstadt oder Potsdam. Tradition und eine zumeist vorsichtig-kluge Innovationslust, eine funktionierende Infrastruktur und rege Publikumsbeteiligung – zusammen mit Musikaktivitäten in zahllosen kleinen und kleinsten lokalen Zentren – lassen Deutschland insgesamt als das Mekka der Musik erscheinen, ein Magnet für Musiker und Zuhörer aus aller Welt.

Die größte internationale Strahlkraft erreichen vor allem drei Institutionen, die bis heute den Charakter deutscher Musikkultur vital symbolisieren:

  • die Berliner Philharmoniker mit ihrer 120-jährigen Geschichte und den großen Dirigentennamen Nikisch, Furtwängler, Karajan, Celibidache, Abbado und Rattle
  • die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele (seit 1876)
  • die Donaueschinger Musiktage für zeitgenössische Musik (seit 1922).

Sie vor allem und die 1946 errichteten Darmstädter Ferienkurse für neue Musik demonstrieren, dass Deutschland vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg das führende Land des musikalisch Zeitgenössischen war und geblieben ist.

Wolfgang Schreiber
ist Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung.

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aktualisiert Mai 2006

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