Jazz aus Deutschland – Strukturen

Jazz aus Deutschland – eine Einführung

Foto: Thomas J.KrebsFoto: Thomas J. KrebsDeutscher Jazz ist vielfältig. Kaum eine andere nationale Jazzszene Europas verfügt über eine derartige Bandbreite an Stilen, Traditionen und Spielhaltungen. Von Blues, Boogie und Dixieland über Swing, Bebop und Cool Jazz bis zu Jazzrock, Free Jazz und verschiedenen Mischformen von Jazz mit Neuer Musik, Weltmusik, HipHop, Ambient, Folklore und Popularmusik erfreuen sich nahezu alle Spielarten improvisierender Musik einer breiten Basis

Jazz wird viel und vor allem live gespielt, von jungen Hochschulabsolventen wie von alten Hasen des Geschäfts. Er hat ein großes und erfahrenes Publikum, eine wechselhafte und ereignisreiche Geschichte, die aufgrund des föderalen politischen Systems bis heute zahlreiche regionale Besonderheiten aufweist, und eine künstlerische Dynamik, die in den Jahren nach dem Mauerfall zunehmend auch international wahrgenommen und geschätzt wird. Kurz: Jazz aus und in Deutschland hat inzwischen eine eigene Identität, die aus der Historie ebenso resultiert wie aus der Ausbildungssituation, der Konzert- und Clublandschaft und den strukturellen Eigenheiten der politischen regionalen Gliederung.

Getrennte Vergangenheit, gemeinsame Gegenwart

Foto: Thomas J.Krebs
   Klaus Doldinger

Deutschland ist ein föderaler Staat, der über vier Jahrzehnte in zwei politische Systeme geteilt war. Im Westen bestimmte nach der Emanzipation von US-amerikanischen Vorbildern spätestens seit Ende der 1960er-Jahre die Balance zwischen Traditionshinterfragung und Konservatismus die Entwicklung. Zwar schien der Free Jazz nach 1970 durch den dominanten Einfluss der Wuppertaler Szene um Musiker wie den Saxofonisten Peter Brötzmann besser aufgestellt als andere Stilrichtungen. Insgesamt jedoch war der westdeutsche Jazz durch ein breites Spektrum an Ausdrucksformen gekennzeichnet, das von den Experimenten Albert Mangelsdorffs bis zum Jazzrock Klaus Doldingers reichte.


Klaus Doldinger's Passport
Uranus, 1971 Quelle:
www.youtube.com
MP3/Flash
Die Musiker der DDR gingen ihren eigenen Weg im Spannungsfeld zwischen staatlicher Kontrolle und künstlerischer Identität. Einige wie der Pianist Ulrich Gumpert entwickelten neben dem Free Jazz einen nationalen Stil-Cocktail aus Volkslied, Arbeitersong und sächsischem Barock, der aber nach dem Mauerfall wenig Nachahmer fand. Demgegenüber gab es bereits vor 1989 trotz politischer Grenzen zahlreiche fruchtbare Kontakte zwischen den Jazzszenen beider deutscher Staaten etwa auf Festivals und Tourneen, die das Zusammenwachsen der Szenen nach der Wiedervereinigung erleichterten.

Strukturelle Besonderheiten

Foto: Thomas J.KrebsDie Qualität des deutschen Jazz ist durch ein dichtes, landesweites Netz von Institutionen, Aktivitäten und Fördermaßnahmen gesichert. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Rundfunk. Die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunk-Anstalten Deutschlands (ARD) kann mit ihren regionalen Stationen nicht nur das Augenmerk auf einzelne Zentren des Jazz richten, sondern mit Mitschnitten und dem Support von Festivals und Clubs auch aufbauend und fördernd in das musikalische Geschehen eingreifen und es darüber hinaus umfassend archivieren.

Ein dichter Teppich von Jazz-Festivals garantiert darüber hinaus den Austausch der nationalen Jazzszene mit internationalen Künstlern. Der Fokus reicht dabei vom Dixieland Festival Dresden über das Total Music Meeting Berlin, das sich der freien Improvisation verschrieben hat, bis zum MoersFestival, das neue Tendenzen aus Rock, Weltmusik und Elektronik aufgreift. Auch das Ausbildungsangebot für Jazzmusiker ist in Deutschland vielfältig und differenziert. Derzeit 18 Musikhochschulen und Konservatorien bieten über alle Bundesländer verteilt Studiengänge für Jazz an. Auf lokaler und schulischer Ebene wird darüber hinaus viel dafür getan, angehende Musiker bereits im Kindesalter an den Jazz heranzuführen.

Impulse aus aller Welt

© Foto: Thomas J.Krebs
   Rabih Abou-Khalil

Jazz in Deutschland wird nicht zuletzt von Musikern geprägt, die aus anderen Ländern kommen und mit ihren musikalischen Erfahrungen neue Impulse für Musiker von Flensburg bis Garmisch geben. Die Variationsbreite und potenzielle Grenzenlosigkeit des Jazz sowie die damit verbundene Offenheit von Akteuren, Veranstaltern, Medien und Publikum sind Faktoren, die Deutschland als Standort für Musiker aus der ganzen Welt attraktiv machen.


Rabih Abou-Khalil Group
Live at Porgy & Bess Quelle:
www.youtube.com
MP3/Flash
Aki Takase, Vladyslav Sendecki, David Friedman, Kalle Kalima oder Rabih Abou-Khalil sind nur einige von vielen Koryphäen, die mit ihren Projekten und Bands internationale Impulse im Inland geben.

Regionale Zentren

Foto: Ralf Dombrowski
Heinz Sauer

Jeder Jazzstandort hat seine stilistische Besonderheit. Frankfurt wurde von der Avantgarde-Schule um Albert Mangelsdorff und Heinz Sauer geprägt. Hamburg gilt als Hauptstadt des Modern Mainstreams, in Hannover fand einst der Acid Jazz seine Hochburg. Das bayerische Weilheim ist für seine Synthese aus Postrock und Jazzavantgarde bekannt, Wuppertal ist ein Synonym für den Free Jazz. Berlin und Köln stehen für eine Fülle unterschiedlicher Jazz-Stile, doch all diese Zuordnungen sind nur Ausgangspunkte für eine erste Orientierung.


Foto: Wolfgang Siesing
   Johnny La Marama
Vor allem in Berlin hat sich in den letzten Jahren eine internationale Szene etabliert, die über alle Stil-, Genre- und Generationsgrenzen hinweg durch subkulturellen Charme und zugleich kosmopolitische Eigenständigkeit Maßstäbe setzt und den internationalen Vergleich mit New York und London nicht zu scheuen braucht. „Jazz - made in Germany“ ist daher mehr als nur ein Markenzeichen. Er ist von jeher auch eine Option, eine Chance und eine Perspektive.

Wolf Kampmann
arbeitet als freier Musikjournalist für zahlreiche Magazine, Tageszeitungen und Rundfunkanstalten. Er ist Herausgeber und Autor des Rowohlt Rock-Lexikons und des Reclam Jazzlexikons und Dozent für Jazzgeschichte am Jazzinstitut Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009

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