Netzwerke sinnlicher Erfahrung – Bert Noglik im Gespräch

Im Jahr 1964 rief der Journalist Joachim-Ernst Berendt die Berliner Jazztage ins Leben. Seitdem hat sich dieses Festival zu einem musikalischen Forum entwickelt, das die Balance von Innovation und Tradition pflegt. 2012 löst der Jazzpublizist Bert Noglik den Posaunisten Nils Landgren in der Position des künstlerischen Leiters beim Jazzfest Berlin ab. Ein Gespräch über Chancen, Träume und den Jazz in Deutschland.
Herr Noglik, wie macht man 2012 ein zeitgemäßes Festival?
Ein gutes Festival dieser Art sollte einen Ausschnitt dessen auf die Bühne bringen, was in dieser Zeit im Jazz wesentlich ist. Es sollte durchaus geprägt sein von der Persönlichkeit des Kurators, aber nicht ausschließlich nach dessen Geschmack gehen. Ich möchte schon, dass meine Handschrift erkennbar ist, aber in der Dialektik mit Fragen wie: Was ist bewahrenswert im Jazz? Wo gibt es neue Ansätze? Eine Mischung, aber keine beliebige.
Wie haben sich die Ansprüche des Publikums verändert?
Bestimmte Festivals haben oft bestimmte Zielgruppen. Das Publikum in Moers oder Saalfelden ist beispielsweise ein anderes als das des Jazzfests Berlin. Die Menschen hier sind sehr aufgeschlossen, es ist ein intellektuelles Publikum, das für unterschiedlichste Arten von Jazz offen ist, aber nicht allein wegen Innovation und neuer Trends kommt, sondern einmal im Jahr etwas von dem Interessanten erleben möchte, was diese Musik zu bieten hat.
Eigenes mit Anspruch
Wie setzen Sie eigene Schwerpunkte?
Zunächst einmal durch drei Programmpunkte – „Songs for Kommeno“, „Remembering Jutta Hipp“ und „Wanted! Hanns Eisler“ –, die hier ihre internationale oder deutsche Premiere erleben. Dann war es mir ein Anliegen, die freie improvisierte Musik in das Festival zu integrieren. Wir haben ja die lange Geschichte des „Total Music Meetings“ erleben können, das in den Anfangsjahren als echtes Gegenfestival zu den Jazztagen gedacht war und vor vier Jahren ausgelaufen ist. Ich dachte, es wäre ein gutes Zeichen, das, was früher antipodisch gedacht war, nun in das Festival hineinzunehmen. Weitere Aspekte, die sich miteinander verbinden lassen, sind Jazz in Korrespondenz mit anderen Künsten, dem Film, der Literatur, dem Tanz, insbesondere Stepptanz.
Wie passt diese Vielfalt zu der aktuellen Tendenz in deutschen Feuilletons, den Jazz mal wieder zu beerdigen?
Ich denke, wir sollten mehr über die Stärken und Schwächen des Jazz an konkreten Beispielen reden. Was beim Jazzfest passiert, dokumentiert ja gerade das Gegenteil der Behauptung, Jazz habe seine soziale Relevanz verloren. In „Songs for Kommeno“ zum Beispiel befasst sich ein deutscher Schlagzeuger mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. „Remembering Jutta Hipp“ ist die Beschäftigung mit einer außerordentlich kreativen und zugleich tragischen Figur der deutschen Jazzgeschichte und „Wanted! Hanns Eisler“ ist ja nicht nur die Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Komponisten, sondern auch mit den ideologischen Grabenkämpfen des 20. Jahrhunderts. Das sind drei unmittelbar sozial konnotierte Projekte, wobei soziale Relevanz nicht nur durch Beschäftigung mit politischen oder gesellschaftlichen Themen entsteht. Auch L’Art pour l’Art kann soziale Relevanz haben. Es kommt immer darauf an, von welchem Belang eine Musik in einem jeweiligen Kontext ist.
Inwieweit ist das Jazzfest Berlin ausbaufähig oder auch renovierungsbedürftig?
Das Jazzfest Berlin ist eines der wirklich wichtigen europäischen Festivals mit einer historisch gewachsenen Bedeutung. Unter meiner Leitung repräsentiert es auch bewusst deutsche Musiker. Wir haben ein Feature für den Posaunisten Nils Wogram, der sich im Sinne einer Werkschau mit vier verschiedenen Ensembles vorstellt. Wir haben die Pianistin Julia Hülsmann – eine der wichtigsten deutschen Musikerinnen – auf der Bühne und noch einige andere wie etwa die Saxofonistin Silke Eberhard. Und natürlich Rolf Kühn, einen der ganz großen Namen des deutschen Jazz. Denn ich wollte nicht nur die jüngeren, sondern auch so eine Vaterfigur, so eine europäische Gestalt wie ihn im Programm haben. Renovierungsbedürftig? Mir war von Anfang an klar, dass ich das Jazzfest nicht radikal würde verändern können, auch weil ich es in dieser Konfiguration wertschätze. Es ist daher der Versuch, in kleinen Schritten musikalisch wichtige Veränderungen vornehmen zu können.
Netzwerke als Chance
Welche persönlichen Träume haben Sie im Hinblick auf das Jazzfest?
Ich würde gerne noch weitergehen mit Projekten, die eigens für das Festival entstehen. Das ist eine Finanzierungsfrage, da habe ich im Moment mehr Ideen als Realisationsmöglichkeiten. Aber insgesamt bin ich sehr froh über den Gestaltungsspielraum, den mir das Festival gibt.
Manche Musiker aber mögen es gar nicht, wenn Festivalleiter sie in neue Kombinationen stecken …
Ganz wesentlich ist das persönliche Gespräch mit Musikern. Ich habe 16 Jahre lang das Leipziger Festival geleitet und dann drei Jahre lang das Festival „Sounds No Walls“ in Berlin. In dieser Zeit sind viele Musikerkontakte gewachsen und ständig kommen neue hinzu. Wenn also Projekte entstehen, dann nur gemeinsam. Es ist ganz klar so, dass eine bestehende Gruppe große Vorteile gegenüber einem Projekt hat. Auf der anderen Seite entwickelt sich Musik gerade durch Anstöße. Für ein Festival wie Berlin ist es sehr wichtig, über bestehende Konstellationen hinaus Neues auf die Bühne zu stellen.
Das war ja zu Joachim-Ernst Berendts Zeiten auch der ursprüngliche Anspruch des Festivals …
Genau, in der Weltmusik zum Beispiel. In Nachhinein muss man sagen, dass nicht alles gelungen war, aber es war wichtig, dass es in so einem Rahmen ausprobiert wurde. Einiges, was in diesem Jahr passiert, ist auch konstruiert, etwa die Konzerte in der Akademie der Künste. Ich möchte aber, dass das nicht überkonstruiert wirkt, sondern sich im sinnlichen Erleben erschließt. Zu allem Kalkül, das man braucht, um ein Festival zu gestalten, gehört immer auch eine Portion Intuition. Manchmal staunt man dann selbst über die Querverbindungen.
Also nicht mehr ein Thema, sondern Netzwerke?
Ich glaube, dass Netzwerke besser funktionieren als eine monolithische Themensetzung. Vor kurzem erst habe ich mich lange mit Heiner Goebbels über die Ruhrtriennale unterhalten und auch er meinte, dass man einzelne Themen kaum abarbeiten könne, Netzwerke aber viel mehr Verknüpfungen und Offenheit ermöglichen.
arbeitet als Musikjournalist für die Süddeutsche Zeitung, den Bayerischen Rundfunk und zahlreiche Fachpublikationen.
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Oktober 2012
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