Jazz aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Der große Sound – zum 80. Geburtstag von Heinz Sauer

ACT Records / Anna MeuerHeinz Sauer, Meister des Tenorsaxofons, Foto: ACT Records / Anna MeuerEr habe eigentlich schon immer mehr Weihnachten als Geburtstag gefeiert, meint Heinz Sauer. Die Zahl 80 liefere sowieso keinen Grund zum Feiern. Das sieht die Jazzwelt anders. Für sie ist der Tenorsaxofonist einer der großen Stilisten der Gegenwart.

Es ist nicht einfach, ein Gespräch mit Sauer zu führen. Es braucht Zeit, bis der am ersten Weihnachtstag 1932 in Merseburg an der Saale geborene Künstler seine schroffe Einsilbigkeit ablegt, bis seine Gedanken in Fluss kommen und er sich seinem Gegenüber öffnet. Einfühlungsvermögen ist gefragt, Flexibilität und die Fähigkeit, im Gespräch Umwege zu gehen. Dann aber hat man eine Chance, einen Pfad durch die raue Oberfläche zu Sauers Persönlichkeit zu finden. Und dort entdeckt man einen facettenreichen, vielschichtigen Menschen, der mit mal scharfzüngigem, mal spitzbübischem Humor der Welt begegnet, voll tiefgründiger Intelligenz und einer Gefühlswelt, deren kritische Empathie sich durch besondere Intensität des Ausdrucks in der Musik niederschlägt.

„Der Anti-Doldinger“ – so hat der Musikjournalist Hans-Jürgen Schaal den Saxofonisten einmal beschrieben. In der Tat: Schon als Sauer 1956 noch als Baritonsaxofonist den ersten Platz beim Düsseldorfer Amateur-Jazzfestival machte, hatten sein viriles Spiel und sein expressiver Tonfall auf dem Instrument nichts Gefälliges, nichts, womit er sich beim Publikum hätte anbiedern können, nichts, das ihm später auch einen kommerziellen Erfolg gesichert hätte.

Frankfurter Schule

Heinz Sauer in den Achtzigerjahren, Foto: Heinz Sauer / Ssirus A. PakzadSauer ist ein Spätberufener, der wie viele seiner Generation autodidaktisch erst Bariton-, dann Tenorsaxofon spielte. Zwar ist er schon als 16-Jähriger im zerstörten Nachkriegs-Frankfurt mit Jazz in Berührung gekommen. Nach dem Abitur begann er jedoch erst einmal ein Physik-Studium, bevor er sich Mitte der 1950er-Jahre endgültig dazu entschloss, professioneller Jazzmusiker zu werden. „In dieser Zeit, da war Jazz Protestmusik“, erinnert sich Sauer, „wir haben damals gegen die ältere Generation gespielt: gegen das bürgerliche Lager mit den alten Nazis, die zugelassen haben, dass im Krieg die Städte zerbombt wurden. Hinzu kam, dass Frankfurt amerikanische Besatzungszone war – mit all den vielen Army-Bands. Ich selbst war damals schon ein ziemlich agressiver Typ. Deshalb durfte ich mit den Amerikanern spielen, auf den Jamsessions in einer alten Villa in der Nähe vom Platz der Republik in Frankfurt. Dort standen nur schwarze Musiker auf der Bühne: Die haben mich mit ihrem selbstbewussten, fast arroganten Auftreten überaus fasziniert und inspiriert.“

Wohl deshalb bekam Sauer einen Sound auf dem Tenorsaxofon, der zeitlebens unverwechselbar blieb: mit einer ungeheuren Schärfe, mit einer durchdringenden Eloquenz und schroffen Phrasierungskunst, mit der er des öfteren auch gegen den rhythmischen Fluss der Musik blies. Zudem ließ er sich von den amerikanischen GIs in die Tradition der swingenden Musik aus den USA einweisen, transformierte die Leistungen von amerikanischen Zeitgenossen wie Sonny Rollins oder John Coltrane in den persönlichen Ausdruck und führte das Erbe eines Lester Young oder Ben Webster fort – als europäischer Jazzmusiker. Und in den 1960er-Jahren übersetzte er den „Cry“ der afroamerikanischen Tenoristen des „New Thing“ um Archie Shepp und Pharoah Sanders in die eigene Sprache – ohne dass seine Identität und Integrität je in Frage gestellt worden wären.

Heinz Sauer 2011 mit Christof Lauer und der hr-Bigband, Quelle: hr-Bigband / Youtube

Die Mangelsdorff-Jahre

Zwischen 1960 und 1978 war Sauer Saxofonist im Quartett beziehungsweise Quintett von Albert Mangelsdorff. Die Beziehung zwischen dem Posaunisten und seinem Tenorsaxofonisten war oftmals schwierig, zu gegensätzlich waren ihre Persönlichkeiten. Auf der einen Seite der vier Jahre ältere Mangelsdorff, aus einer Frankfurter Arbeiterfamilie stammend: gelassen, milde und zurückhaltend, auch als Musiker und Bandleader. Auf der anderen Seite Sauer, aus bürgerlichem Haus kommend: oft vorpreschend und mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg haltend, stets um die Absolutheit des persönlichen Ausdrucks auf seinem Instrument bemüht. Doch ihre grundverschiedenen Charaktere waren der Motor, aus dem die Mangelsdorff-Band 18 Jahre lang ihre Kraft zog und stilbildend wurde für eine improvisierte Musik europäischer Prägung.

Das Duo der Generationen – Heinz Sauer und der Pianist Michael Wollny, Foto: ACT Records / Anna MeuerObwohl Sauer parallel zur Mangelsdorff-Gruppe ab 1960 auch im hr-Jazzensemble zu hören war – zu dem er bis heute gehört –, veröffentlichte er erst Mitte der 1970er-Jahre sein Debütalbum: Rediscover The Beautiful, als Leader eines Quartetts namens Voices. 1978 stand er mit seinen US-Kollegen Archie Shepp und George Adams auf der Bühne des Deutschen Jazzfestivals Frankfurt und spielte ein mitreißendes, vom Publikum gefeiertes Konzert. In der Zeit lernte er auch den in der Rhein-Main-Region lebenden, amerikanischen Pianisten Bob Degen kennen, mit dem ihn in den folgenden Jahrzehnten eine ähnlich ambivalente, musikalische Freundschaft verbinden sollte wie mit Mangelsdorff. Sauer, dieser mit aggressivem Ton ausgestattete Tenorsaxofonist, braucht eben einen introvertierten, mit antizipierender Spielhaltung auftrumpfenden Musiker wie Degen als Gegengewicht.

Erfolgreiche Gegenwart

Heinz Sauer, live im November 2012, Foto: Ralf DombrowskiAuch mit 80 Jahren ist Sauer weit davon entfernt, milde zu werden. Das zeigt sich beispielsweise in seinem Duo mit dem zwei Generationen jüngeren Pianisten Michael Wollny, mit dem er seit 2002 kontinuierlich zusammenspielt. Zwar ist Sauers „Cry“ früherer Tage nicht mehr so explosiv und extrovertiert. Seine Spielkunst hat sich gewandelt, scheint heute eher von innen heraus zu Tage zu treten – ohne harsche Tonsalven und Soundkaskaden. Vielmehr bläst er oft nur einen einzigen Ton, knetet und staucht, zerrt und dehnt ihn so lange, bis er passgenau die Emotion zum Ausdruck bringt, die tief im Innern des Menschen Heinz Sauer ihren Ursprung hat. Aber letztlich geht es genau um diese Reduktion auf das Wesentliche. Sie ist das, was Heinz Sauer immer gesucht hat, und was ihn zu einem der prägenden und in seiner Kunst faszinierenden Charakterköpfe des deutschen Jazz hat werden lassen.

Auswahldiskografie

Als Leader
Rediscover The Beautiful (Mood), 1976
Ellingtonia Revisited (Bellaphon), 1980
Metall Blossoms (Bellaphon), 1981
Plaza Lost And Found (Bellaphon), 1991
Cherry Bat (enja), 1994
Lost Ends – Live At Alte Oper (Free Flow Music), 1995

Mit Albert Mangeldsdorff
Tension (Bellaphon), 1963
Now Jazz Ramwong (Bellaphon), 1964
Folk Mond & Flower Dream (Tropical), 1967
Never Let It End (MPS), 1970
Birds Of Underground (MPS), 1973

Mit dem hr-Jazzensemble
Atmospheric Conditions Permitting (ECM), 2005
Unauffällige Festansage (Jazzwerkstatt), 2008

Mit Michael Wollny
Melancholia (ACT), 2005
Certain Beautiy (ACT), 2006
Don’t Explain (ACT), 2012

Martin Laurentius
ist freier Musikjournalist in Köln und arbeitet unter anderem für das Magazin „Jazz thing“, die Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie die Jazzredaktionen von WDR 3 und SWR 2.

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Dezember 2012

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