Notwendige Nische – die Jazz-Debatte 2012

Jazz ist in der Diskussion. Feuilletons debattieren, der Deutsche Bundestag widmet ihm eine Große Fragestunde, neue Initiativen werden gegründet. Eine Szene ist in Bewegung geraten mit bislang offenem Ziel. Eine Bestandsaufnahme.
Angefangen hat alles ganz sachlich: Die Berliner Pianistin Julia Hülsmann – als eine der wenigen Deutschen beim international aktiven Label ECM ein Aushängeschild des hiesigen Jazz – hatte wie etliche Kollegen genug von den immer widriger werdenden Arbeitsbedingungen. Im Namen einer neu gegründeten IG Jazz veröffentlichte sie im November 2011 eine (anfangs von etwa 100, inzwischen von über 1.200 Musikern unterzeichnete) „Initiative für einen starken Jazz in Deutschland“, in der unter anderem eine Grundsicherung für Musiker, öffentlich geförderte Spielstätten und Jazzhäuser, Exportförderung und eine Repräsentanz der Musiker in relevanten Gremien gefordert wurde. Das Ziel war unter anderem, etwas Konkretes in der Hand zu haben, da sich der Deutsche Bundestag im März 2012 mit dem Thema Musikförderung befassen wollte.
Bis auf ein paar halbherzig argumentierende Kommentare wurde das Thema in der Presse zunächst kaum beachtet. Zum Jahreswechsel 2012 jedoch eröffnete die Süddeutsche Zeitung (SZ) mit einer Verurteilung der hierzulande geschaffenen Musik als „Trittbrettfahrerjazz“ für das angeblich „älteste Publikum der Welt“ die publizistische Diskussion. Eine Replik im Wochenmagazin Der Spiegel antwortete mit einer vorsichtigen Verteidigung, vernahm im weiteren Verlauf aber auch „widersprüchliche Signale“ aus der Szene. Ein weiterer Artikel in der SZ vermisste daraufhin die „großen Momente“ der Musik, die sich allerdings weniger in der Reflexion, als vielmehr im Konzerterleben improvisierender Musik einstellen. Ganz klar, hier sollte debattiert werden.
Relevanter Jazz
Richtig Fahrt nahm die Diskussion auf, als wiederum in der SZ Ende Januar ein Jazzmusiker selbst zu Wort kam. Der Saxofonist Michael Hornstein nutzte die Gelegenheit zu einem Rundumschlag unter dem Titel „Betriebsstörung“ gegen die „seit 20 Jahren stagnierenden“ Kollegen wie auch gegen die sich seiner Meinung nach am Jazz bereichernden Multiplikatoren. „Gut leben“, hieß es da, „können vom Jazz in Deutschland nur Redakteure, Journalisten und Veranstalter“. Fazit: „So wie sich der deutsche Jazz derzeit präsentiert, kann er gar keine gesellschaftliche Relevanz haben.“ Das war Provokation und sie stieß auf Widerspruch.
Ohne weiter zu klären, worin die eingeforderte Relevanz bestehen könne, erhob sich ein aufgeregtes Für und Wider. Der Kölner Pianist Florian Ross formulierte beispielsweise einen Unterschriften-bewehrten Leserbrief, unzählige Musiker, Journalisten, Veranstalter und Blogger griffen sich das Ihre heraus. Andere Publikationen setzten die Diskussion fort, die Wochenzeitung Die Zeit etwa, ebenso Fachorgane wie die Jazzzeitung, während im Bundestag die Große Fragestunde auf nur verhaltene Resonanz der Abgeordneten stieß, was wiederum journalistische Kommentare herausforderte. Schließlich rundete abermals die SZ die Debatte vorläufig ab, indem sie nun in einem Artikel den „Respekt“ für die Künstler anmahnte, denen sie zuvor die „Betriebsstörung“ attestiert hatte, und in zwei weiteren Betrachtungen nach den schwarzen Wurzeln der Musik fragte.
Geschichte und Gegenwart
Erstaunlich wenig wurde dabei über künstlerische Inhalte diskutiert. Jazz heute ist mehr als seine Geschichte. Er steht für eine Vielzahl stilistischer Verzweigungen jenseits der amerikanischen Ursprünge, für ein globalisiertes Netzwerk musikalischer Improvisationskulturen. Nicht ohne Grund läuft in den USA gerade ebenfalls eine Debatte darüber, ob man Jazz in BAM umbenennen soll: Black American Music.
Die Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte wird allerdings missachtet, wenn man die Absatzkrise der Musikindustrie mit einer Krise der Musik verwechselt. Es gibt in Deutschland so viele exzellente junge Musiker wie nie zuvor, nicht zuletzt dank der flächendeckenden, im besagten Zeitraum geschaffenen Jazzabteilungen der Musikhochschulen. Prominente wie Michael Wollny, Angelika Niescier, Henning Sieverts, Nils Wogram oder Johannes Enders stehen stellvertretend für hunderte weitere Talente.
Der deutsche Jazz hat daher kein Qualitäts-, sondern ein Vermittlungsproblem. Jazz muss man lernen – auch als Hörer. Aber seine Musiker, ihre Konzerte, Aufnahmen und CDs erreichen zu wenige der Interessierten. Es gibt sie, diese Konsumenten. Das belegen Erfolgsgeschichten von klug geleiteten Clubs wie dem „Birdland“ in Neuburg/Donau, dem Kölner „Stadtgarten“ oder dem Berliner „A-Trane“, von boomenden Veranstaltungsreihen wie „Enjoy Jazz“ und traditionsreichen Festivals wie im niederrheinischen Moers. Darüber spricht bislang kaum jemand im Rahmen der Debatte.
Dennoch Zukunft
Keiner, der den Beruf des Jazzmusikers ergreift, erwartet Starkult und Reichtümer. Er macht es, weil es sein Talent ist und er es so will. Er darf aber – als Künstler allgemein, aber auch als Repräsentant einer Musik, die Freiheit und Demokratie verkörpert – zumindest einen Teil der Anerkennung und Förderung erwarten, wie sie Angehörigen des etablierten Kunstkanons selbstverständlich sind. Da aber stellt sich die Situation regional unterschiedlich dar. Im künstlerisch vibrierenden, aber bankrotten Berlin oder im eher traditionellen, neuerdings Festival-verliebten Hamburg – „Jazz in der Krise“ betitelte das Hamburger Abendblatt eine Ortsanalyse – herrschen für ausübende Künstler zumeist kargere Bedingungen als etwa in Stuttgart oder im reichen München.
Eine zentrale Förderung der kulturellen Infrastruktur, von der Sicherung und Schaffung von Spielstätten über eine Reform der Gema bis zur Subventionierung von Tourneen im In- und Ausland, wäre eine Möglichkeit, ein verstärktes Engagement im bereits früh ansetzenden edukativen Bereich eine weitere. Mancher Medienschaffende oder Entscheidungsträger könnte auch mehr Hörpraxis und vorurteilslose Neugier vertragen, um die vielfältigen Reize aktueller, progressiver, improvisierender Musik zu entdecken.
Bislang aber mahlen die Mühlen der Öffentlichkeit langsam, was die Musiker nur anspornt: Inzwischen haben Julia Hülsmann und ihre Mit-Initiatoren auch die in den Siebzigerjahren gegründete, aber lange Zeit wenig aktive Union Deutscher Jazzmusiker übernommen und umstrukturiert. Und das im März 2012 gegründete Berliner Forum „Dach/Musik“ sucht bereits den Schulterschluss mit allen Vertretern der freien Musikszene. „Es geht darum, dass sich die Kunstform Jazz weiterentwickeln kann und nicht irgendwo stehen bleibt, weil die Musiker dann doch Taxi fahren müssen,“ meinte Julia Hülsmann, die auch diesmal im Hintergrund aktiv war. Erste Schritte in neue Richtungen und noch immer viel zu diskutieren.
arbeitet als Kulturredakteur für die Süddeutsche Zeitung.
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Mai 2012
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