Klassische Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

So unabhängig wie möglich – der Preis der deutschen Schallplattenkritik

Klavier Festival Ruhr / Mark WohlrabNur der Name ist ein bisschen umständlich: Preis der deutschen Schallplattenkritik. Das Renommee jedoch ist immens. Im Sommer 2013 feiert die in der Musikwelt hoch geschätzte Auszeichnung ihr 50-jähriges Bestehen – und ist alles andere als alt geworden.

Debussy als Thema – die Journalisten Christoph Vratz und Wolfram Goertz diskutieren im Quartett der Kritiker über Musik im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr 2012, Foto: KFR / Mark WohlrabDas Quartett der Kritiker in Aktion, Foto: KFR / Mark Wohlrab

Politiker schauen auf Umfragen und Fernsehanstalten auf Einschaltquoten. Selbst die Tageszeitungen führen mit elektronischen Mitteln genaue Analysen des Leseverhaltens durch: Welche Texte finden Interesse? Wo bricht die Lektüre ab? Überall begegnet man also einer Ausrichtung von Inhalten an Mehrheitsinteressen und einem Misstrauen gegenüber Wertsetzungen, die auf Kenntnis und Überzeugung von Spezialisten beruhen. Der Preis der deutschen Schallplattenkritik stellt sich diesem Sog entgegen, die eigenen Normen an aktuellen Bedürfnissen auszurichten. Vor fünfzig Jahren, 1963, wurde er von dem Bielefelder Verleger Richard Kaselowsky junior ins Leben gerufen.

Der Pianist Murray Perahia wird 2011 in der Alten Oper Frankfurt für seine Interpretationen von Bach, Beethoven und Mozart ausgezeichnet, Foto: PdSK / Anna MeuerAnfangs gehörte der Bundesverband der phonographischen Wirtschaft noch zu seinen Unterstützern. Ab 1974 übernahm sogar die von der Wirtschaft getragene Deutsche Phono-Akademie die vollständige Trägerschaft des Preises. Doch seit 1979 existiert der Verein „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ völlig unabhängig von der Phono-Industrie. Er lebt von der ehrenamtlichen Tätigkeit seiner Mitglieder, von deren Beiträgen und eingehenden Spenden, gelegentlich auch von Einnahmen aus Benefizkonzerten verschiedener Künstler, die erkannt haben, dass dieser Preis auch ihrem Anliegen dient.

Kritik als Ehrenamt

Anders als die Schallplattenpreise der Industrie orientiert sich der Preis der deutschen Schallplattenkritik nicht an Verkaufszahlen und an der Medienresonanz, werden diese doch häufig beeinflusst durch Werbe-Etats und angestrengte Public-Relations-Kampagnen. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass sich die Preisträger der Industrie mit jenen der Kritiker überschneiden. Denn Popularität und Erfolg sind prinzipiell kein Zeichen mangelnder künstlerischer Qualität. Aber die Fachkritik bleibt sensibel auch für das, was keine Reklame bekommt und für den Markt nicht optimiert wurde. Durch eine gewisse Beharrlichkeit kann die Kritik dabei auch die öffentliche Meinung beeinflussen. Der hartnäckige Einsatz der Fachjuroren für Vertreter der historischen Aufführungspraxis wie Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt oder Jordi Savall hat beispielsweise diesen schwerwiegenden Paradigmenwechsel in der musikalischen Interpretationskultur unterstützt und ihm zu breiter Akzeptanz verholfen.

Basislager Bonn

Der Preis der deutschen Schallplattenkritik vergibt auch Ehrenpreise für das Lebenswerk, wie beispielsweise 2008 an den Pianisten und Entertainer Paul Kuhn, Foto: PdSK / Reinhard KöchlGegenwärtig arbeiten im Verein „Preis der deutschen Schallplattenkritik“, dessen Geschäftsstelle sich im Bonner Haus der Kultur befindet, 145 Musikkritiker, die auf 29 Fachjurys verteilt sind. Die Auffächerung dieser Fachjurys reagiert auf die immer weiter gehende Spezialisierung bei den Veröffentlichungen von Tonträgern. Für Klaviermusik gibt es ebenso eine eigene Abteilung wie für Orchesterwerke, für Oper genauso wie für Rock und Pop, für Jazz wie für Folk, für Wort und Kabarett genauso wie für Chormusik. Auch DVD-Produktionen werden gesondert gewürdigt. Zu jeweils festen Terminen müssen die Mitglieder dieser Fachjurys sich untereinander über die besten Aufnahmen eines Vierteljahres verständigen und sie für die Bestenlisten nominieren, die dann veröffentlicht werden.

Die Nachtigall

Seit 2011 hat der Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik auch eine eigene Skulptur, die von Daniel Richter gestaltete „Nachtigall“, Foto: PdSK / Boris StreubelEin juryübergreifendes Gremium vergibt einmal jährlich bis zu vierzehn Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik für Einspielungen der unterschiedlichen Sparten. Seit 1968 werden auch Ehrenpreise an Ensembles, Solisten und Produzenten verliehen, die sich durch ausdauernde Leistungen besonders verdient gemacht haben. Diese Ehrenpreise bestanden jahrzehntelang aus Ehrennadeln und Ehrenurkunden, seit 2011 aber wird „Die Nachtigall“ überreicht: die achtzehn Zentimeter hohe Skulptur eines kleinen Vogels, der auf einem Zweig sitzt. Der Künstler Daniel Richter hat sie aus lauter Eurocent-Münzen gestaltet und dem Verein geschenkt. Der Salzburger Galerist Thaddeus Ropac übernahm die Finanzierung der ersten vergoldeten Bronzeabgüsse.

Das Quartett der Kritiker

Das Quartett der Kritiker entwickelt sich zum beliebten Publikumsmagneten wie beim Jerusalem Chamber Music Festival 2012 im Jüdischen Museum Berlin mit Eleonore Büning, Wolfgang Schreiber, Christian Wildhagen und Albrecht Thiemann, Foto: PdSK / Jüdisches Museum BerlinUm die Arbeit des Vereins anschaulicher und öffentlich greifbarer zu machen, wurde 2010 außerdem das „Quartett der Kritiker“ ins Leben gerufen. Jeweils vier Mitglieder des „Preises der deutschen Schallplattenkritik“ treffen sich im Vorfeld eines Konzerts und diskutieren vor dem Publikum über verschiedene Aufnahmen eines bestimmten Werkes, das dann anschließend auch aufgeführt wird. Seit 2011 ist das „Quartett der Kritiker zu Gast im Deutschlandradio“ auch als neunzigminütige Live-Sendung zu hören. Diese neue Institution erfreut sich beim Publikum wachsender Beliebtheit, nicht zuletzt wegen ihres hohen Unterhaltungswertes. Denn in der Schallplattenkritik sollte zwar die Kompetenz die Grundlage des Urteils sein, doch da Kritiker auch nur Menschen sind, spielen persönliche Eitelkeit, Vorurteile, Privatgeschmack und Ideologien bisweilen eine Rolle bei der Meinungsäußerung. In der Diskussion muss diese Leidenschaft sich dann dem Widerstreit aussetzen. Und schön ist das immer dann, wenn die eigene Begeisterung auch einer Einsicht in das bessere Argument nicht im Wege steht.

Jan Brachmann
arbeitet als freier Autor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Berliner Zeitung und Deutschlandradio Kultur. Außerdem betreut er als Dramaturg das Usedomer Musikfestival.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2013

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